Wer heute am „Adler“ in der Sipplinger Schulstraße vorbei geht, wundert sich. Stolz prangt am karminrot gestrichenen mehrgeschossigen Gebäude der vergoldete Schriftzug „Hotel und Klostergasthof Adler“. Und dem schmiedeeisernen, ebenfalls vergoldeten Emblem mit Doppeladler und Füllhorn kann der Betrachter entnehmen, dass dieser Gasthof seit 1884 existiert. Doch aus der Fassade herausgebrochener Putz und ein verstaubtes Eingangstor künden davon, dass in diesem Gasthaus schon seit geraumer Zeit niemand mehr bewirtet wurde.

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Seit 2015 hat der derzeitige Eigentümer das Gebäude an den Bodenseekreis vermietet, der das Gebäude eigentlich als Flüchtlingsheim nutzen wollte. Doch ein entsprechender Umbau wäre zu teuer gekommen und so steht der Adler leer. Noch bis 2025 muss der Kreis monatlich Miete bezahlen. Eine Rücktrittsklausel gibt es im Mietvertrag nicht.

Wie ein Hufeisen gebaut war das Franziskanerinnenkloster, dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Heute ist das Gebäude unter mehreren Eigentümern aufgeteilt. Im Vordergrund der Gebäudeteil mit den vorspringenden Dachgauben ist der heutige „Adler“, der bis Anfang dieses Jahrtausends als Gasthof und Hotel von der Familie Märte geführt wurde.
Wie ein Hufeisen gebaut war das Franziskanerinnenkloster, dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Heute ist das Gebäude unter mehreren Eigentümern aufgeteilt. Im Vordergrund der Gebäudeteil mit den vorspringenden Dachgauben ist der heutige „Adler“, der bis Anfang dieses Jahrtausends als Gasthof und Hotel von der Familie Märte geführt wurde. | Bild: Privatarchiv Siegfried Märte

Kochkünste von Albert Märte lockten noch 2005 Gäste an

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Gasthof der Dreh- und Angelpunkt des Sipplinger Dorflebens. Bis 2005 wurden hier Hochzeiten gefeiert, hier traf man sich zum gemütlichen Beisammensein und die Kochkünste von Albert Märte zog Gäste aus dem weiten Umkreis an. Sein Bruder, Siegfried Märte, erinnert sich: „Bis zum Bau ihres heutigen Heims am Sipplinger Sportplatz war der ‚Adler‘ das Vereinslokal des örtlichen Turn- und Sportvereins.“ Es habe Zeiten gegeben, da hätten sich die Sportsleute erst im Tanzsaal umgezogen, dann in extra für sie eingerichteten Duschen frisch gemacht, um anschließend bei Bier und Wein im Lokal zusammenzusitzen.

Ökumenische Seniorenfasnacht im Gasthof Adler im Jahr 2008. Da war die Welt in Sipplingen noch in Ordnung.
Ökumenische Seniorenfasnacht im Gasthof Adler im Jahr 2008. Da war die Welt in Sipplingen noch in Ordnung. | Bild: Südkurier-Archiv/Rieger

Wirt starb überraschend mit 47, Tochter verkaufte das Anwesen

Was ist passiert? Ganz plötzlich starb 2005 der engagierte Gastronom Albert Märte im Alter von 47 Jahren. Seine Tochter verkaufte den „Adler“, der sich seit Ende des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz befunden hatte. Und damit endete die Erfolgsgeschichte, die von den Großeltern von Siegfried Märte begründet worden war.

Der Franziskanersaal mit seiner historischen Decke. In ihm feierten die Sipplinger rauschende Feste.
Der Franziskanersaal mit seiner historischen Decke. In ihm feierten die Sipplinger rauschende Feste. | Bild: Privatarchiv Siegfried Märte

Sowohl der Großvater als auch der Vater von Siegfried Märte und seinen Geschwistern hatten als Metzger gearbeitet und eine Landwirtschaft betrieben und der Großvater in dem bäuerlich geprägten Dorf eine Bauernwirtschaft eröffnet. Das Gebäude selbst gehörte zu dem auf das 17. Jahrhundert zurückgehende Kloster der Franziskanerinnen.

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Diese Postkartenansicht des Gasthauses Adler wurde der Familie Märte im Jahr 1968 zugeschickt. Unten links ist vermerkt „Sipplingen/Bodensee – Ehemaliges Frauenkloster St. Ulrich 1684“.
Diese Postkartenansicht des Gasthauses Adler wurde der Familie Märte im Jahr 1968 zugeschickt. Unten links ist vermerkt „Sipplingen/Bodensee – Ehemaliges Frauenkloster St. Ulrich 1684“. | Bild: Privatarchiv Siegfried Märte

Alte Klosterkapelle wurde zur Weinstube umgebaut

Später, als der Vater von Siegfried Märte den Gasthof übernahm, begann er das Gebäude umzubauen. „Finanziert wurde das alles durch den Verkauf einiger unserer Grundstücke“, erinnert sich Siegfried Märte, der bis zur Pensionierung als Lehrer an der Realschule gearbeitet hat. So entstanden sieben Doppel- und zwei Einzelzimmer, aber die Toiletten befanden sich noch auf der Etage. Neben dem Gastraum wurde ein Tanzsaal mit Parkettboden eingerichtet, der Gastraum blieb mit Bretterdielen ausgelegt – und schließlich verwandelte sich ein Nebenraum, der ursprünglich wohl Teil der Klosterkapelle gewesen war, in eine Weinstube.

Die Weinstube in den 1980-er Jahren.
Die Weinstube in den 1980-er Jahren. | Bild: Privatarchiv Siegfried Märte

Heinrich Märte, der zweite Bruder von Siegfried, sorgte später dafür, dass das Hotel eine vernünftige Toilettenanlage erhielt und als die Duschen in der Scheune nicht mehr den Hygiene Anforderungen genügten, baute der Gastwirt hier ein Kühllager ein.

Nach weiterer Renovierung gab es 17 Zimmer mit Dusche und WC

In den 1990er Jahren übernahm schließlich Bruder Albert Märte die Gastwirtschaft und das Hotel von Heinrich und renovierte ein weiteres Mal kräftig. Es entstanden zusätzliche Zimmer im Dachgeschoss, so dass das Hotel schließlich über 17 Zimmer verfügte, die jeweils mit Dusche und WC sowie einem Fernseher ausgestattet waren.

So präsentierte sich die Gaststube in den 1980-er Jahren.
So präsentierte sich die Gaststube in den 1980-er Jahren. | Bild: Privatarchiv Siegfried Märte

Mit dem Tod von Albert Märte änderte sich alles: Seine Tochter verkaufte an einen Singener Investor. Dieser verpachtete den Adler in den folgenden Jahren zweimal – aber wohl mit wenig Erfolg. Denn nach wenigen Jahren verkaufte er das Objekt an zwei Eigentümer aus dem Freiburger Raum.

Singener Investor verkaufte „Adler“ ohne Parkplatz-Grundstück weiter

Allerdings behielt er das zughörige, aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene Grundstück, das bis dato als Parkplatz gedient hatte. Hier wollte der Singener Investor selbst bauen, erhielt aber vom Gemeinderat keine Zustimmung zu seinen Plänen. Seither verfügt der „Adler“ über keine Parkplätze mehr.

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Ob die Freiburger Investoren einen Plan hatten, bleibt offen

Was die beiden Freiburger Eigentümer mit dem Gebäude vorhatten, beziehungsweise wie sie es nutzten, muss offen bleiben. Auskünfte dazu werden verweigert. In jedem Fall stand der Adler nach wenigen Jahren erneut leer. Und als der Bodenseekreis während seiner dringenden Suche nach einer Flüchtlingsunterkunft auf die leer stehende Immobile stieß, schlossen die Eigentümer mit dem Landratsamt einen zehnjährigen Mietvertrag.

Auch wenn das Gebäude wegen zu hoher Umbaukosten bis heute nie vom Kreis genutzt wurde, zahlt der Kreis monatlich eine Miete in unbekannter Höhe. Der Vertrag läuft bis 2025. Den Eigentümern soll es recht sein, der Steuerzahler hat das Nachsehen, und der „Adler“ kommt zusehends in die Jahre.