Lange Zeit waren die zweitgrößten Nagetiere der Erde vom Aussterben bedroht. Seit rund zehn Jahren ist die streng geschützte Tierart wieder im Bodenseekreis aktiv und mittlerweile offensichtlich auch in Salem heimisch. „Seit letztem Jahr habe ich Probleme mit dem Biber“, berichtet Landwirt Hubert Einholz bei einem von ihm organisierten Vorort-Termin mit dem Landtagsabgeordneten Martin Hahn (Grüne) entlang des Wespenbachs.

Die Gemeinderätinnen Henriette Fiedler und Petra Herter (rechts) staunen nicht schlecht über die Nagespuren an Baumstämmen entlang des Wespachs, die Bauer Hubert Einholz ihnen zeigt.
Die Gemeinderätinnen Henriette Fiedler und Petra Herter (rechts) staunen nicht schlecht über die Nagespuren an Baumstämmen entlang des Wespachs, die Bauer Hubert Einholz ihnen zeigt. | Bild: Martina Wolters

Einholz deutet auf Biberspuren, die bis in seine angrenzenden Rapsfelder führen. Erstaunt begutachten die Gemeinderätinnen Henriette Fiedler(FW), Petra Herter (CDU) und Ulrike Lenski (GOL) die beträchtlichen Nagespuren an einigen Baumstämmen. Doch das ist nicht die größte Schwierigkeit, die Einholz sowie die ebenfalls betroffenen Anrainer Robert, Klaus und Gisela Schrempp sowie Walter Neubauer beklagen. Ihr Hauptproblem ist, dass die von ihnen gesetzten Drainagerohre zum Entwässern der Ackerflächen durch die Biberdämme überflutet werden und das Wasser nicht mehr ablaufen kann.

Gisela Schrempp, Feldbesitzerin: “Es nützt uns allen nichts, wenn wir später Nahrungsmittel aus China kommen lassen müssen, weil wir hier den Biber schützen.“
Gisela Schrempp, Feldbesitzerin: “Es nützt uns allen nichts, wenn wir später Nahrungsmittel aus China kommen lassen müssen, weil wir hier den Biber schützen.“ | Bild: Martina Wolters

Hahn spricht von einem „klassischen Zielkonflikt zwischen Natur und Landwirtschaft“. Artenschutz dürfe nicht zu Ungunsten der Landwirte gehen. Das Ziel, dass die Pelztiere sich in ausreichender Zahl ansiedeln, ist nach Meinung des Grünenpolitikers erreicht. Jetzt gelte es, pragmatischer damit umzugehen.

Landwirte machen ihrem Ärger Luft

“Es nützt uns allen nichts, wenn wir später Nahrungsmittel aus China kommen lassen müssen, weil wir hier den Biber schützen“, macht Feldbesitzerin Gisela Schrempp ihrem Ärger Luft. Walter Neubauer, der ebenfalls Felder entlang des Bachs bewirtschaftet, erklärt: „Ich habe das ganze Leben für meine Landwirtschaft gearbeitet und lasse mir jetzt nicht alles von den Tieren wegnehmen.“

Walter Neubauer ist als Landwirt direkt betroffen und will sich keinesfalls seinen erwirtschafteten Ertrag vom Biber wegfressen lassen. „Ich habe immer für meine Landwirtschaft gearbeitet und lasse mir jetzt nicht alles von den Tieren wegnehmen.“
Walter Neubauer ist als Landwirt direkt betroffen und will sich keinesfalls seinen erwirtschafteten Ertrag vom Biber wegfressen lassen. „Ich habe immer für meine Landwirtschaft gearbeitet und lasse mir jetzt nicht alles von den Tieren wegnehmen.“ | Bild: Martina Wolters

“Wenn das Grundwasser so hoch kommt, dass der Acker versauert, brauchen wir einen Kompromiss“, unterstreicht Robert Schrempp. Wie seine Kollegen Einholz und Neubauer wünscht er sich Entschädigungszahlungen. Doch die sind so nicht vorgesehen. Einzig ihre Ernteausfälle können die Bauern im Ländle geltend machen.

Tiere stehen unter strengem Schutz

In Bayern gibt es laut dem Biberbeauftragten des Bodenseekreises, Dieter Schmid, einen Ersatzfonds, weil die Tiere dort explizit ausgesiedelt wurden. In Baden-Württemberg gelten sie als wieder eingewanderte, herrenlose Wildtiere und stehen unter strengstem Schutz. Gemäß Paragraph 44 Absatz 1 des Bundesnaturschutzgesetzes ist es untersagt, streng geschützte Arten zu stören oder gar zu töten. Auch ihre Bauten, Burgen oder Dämme dürfen nicht verändert oder zerstört werden.

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„Gleichwohl versuchen wir hier im Kreis, die vom Biber verursachten Schäden abzumildern“, betont der Landespflege-Ingenieur. Als Hilfsmöglichkeiten vonseiten des Umweltamtes nennt er zum Beispiel Drahtmatten für Bäume, Elektrozäune oder das Regulieren von Dämmen. Letzteres wird gerade für den Salemer Bereich in Absprache mit dem Regierungspräsidium Tübingen geprüft. Als erste Maßnahme wurde mittlerweile für den Wespenbach von der Seefelder Aach bis zum ehemaligen Mittelstenweiler Bahnhof eine spezielle Wasserhöhe festgelegt. Nach Rücksprache mit Schmid hat die für den Uferbereich unterhaltungspflichtige Gemeinde Markierungspfosten aufgestellt.

Die Nagespuren an einigen Baumstämmen sind deutlich zu erkennen.
Die Nagespuren an einigen Baumstämmen sind deutlich zu erkennen. | Bild: Martina Wolters

Dämme- und Wasserhöhe werden vom zuständigen Verwaltungsmitarbeiter Manuel Lenski wöchentlich kontrolliert. Baut der nachtaktive Pflanzenfresser über die vereinbarte Höhe hinweg, werde bei Bedarf der Bauhof einschreiten und vorsichtigen Rückbau betreiben.

Naturschutz und Landwirtschaft

Ob die vom RP vorgeschlagene Maßnahme greift, ist noch nicht klar. “Schließlich handelt es sich um ein Wildtier“, sagt Lenski. Möglich sei, dass der Nager die Wasserhöhe akzeptiere. Wichtig sei, dass der Baueingang unter Wasser bleibe. Lenski sagt, die Gemeinde sitze gewissermaßen zwischen den Stühlen. „Wir haben Verständnis sowohl für den Naturschutz als auch für die Landwirte mit ihren vernässenden Flächen“, erklärt er. Ein zu starkes Eingreifen erlaube die Gesetzeslage aber nicht.

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Für Lenski ist es „definitiv sicher“, dass die Tiere bleiben. Der Biberbeauftragte im Kreis gibt Entwarnung. Eine Übervermehrung der Dammbauer sei aus biologischen Gründen ausgeschlossen. “Wir müssen alle lernen, wie wir mit der Tierart umgehen, sodass wir miteinander auskommen“, meint der Biberbeauftragte und setzt auf ein Miteinander von Mensch und Tier. Sollte es Probleme geben, bittet Schmid darum, dass sich Betroffene an einen der vier ehrenamtlichen Biberberater wenden. Informationen zu den Beratern gibt es im Internet: www.bodenseekreis.de

Wie lebt der Biber?

  • Der Europäische Biber, wie er in Baden Württemberg vorkommt, lebt an und in Gewässern und unterliegt strengem Artenschutz. Der Vegetarier mit ständig nachwachsenden Nagezähnen ernährt sich von frischem Grünzeug, Kräutern und jungen Baumtrieben. Im Winter greift er zur Not auf Baumrinde zurück.
  • Der Pflanzenfresser ist ein Familientier und wohnt zusammen mit einem Partner und den Jungtieren der letzten beiden Würfe zusammen in einem Bau. Der Biberbau wird direkt in die Uferböschung gegraben und bietet Schutz vor Feinden, Hitze und Kälte. Der Baueingang liegt dabei immer unter Wasser. Im Alter von zwei Jahren muss sich der Bibernachwuchs dann einen eigenen Gewässerabschnitt suchen.
  • Mithilfe von Dämmen regulieren die bis zu einem Meter langen Säugetiere die Wassertiefe. Ihr Revier markieren die Biber mit einem Drüsensekret, dem sogenannten Bibergeil. Neben dem Biberpelz war das als Heilmittel genutzte Sekret mit ein Grund für die beinah vollständige Ausrottung der Tiere im 19. Jahrhundert. Sie wurden ausgiebig bejagt. Damals war der Biber auch eine beliebte Fastenspeise.