Wenn der stillgelegte Bahnhof in Salem-Stefansfeld sprechen könnte, dann würde er vermutlich zuallererst davon erzählen, wie Königin Elisabeth von England und Prinzgemahl Philip am 22. Mai 1965 mit einem Sonderzug an seinem Bahnsteig Station machten, um im Rahmen ihres ersten Deutschlandbesuchs ihrer Verwandtschaft, der markgräflichen Familie, eine Stippvisite abzustatten.

Heute erzählt man sich nur hin und wieder noch von diesem märchenhaften Ereignis, das die kleine, damals noch selbstständige Gemeinde Salem-Stefansfeld in den Blickpunkt der ganzen Nation und darüber hinaus rückte.

Am Bahnhof Salem-Stefansfeld, an dem vor 53 Jahren für die englische Königin Elisabeth der rote Teppich ausgerollt wurde, hat sich bis heute nichts verändert. Außer, dass es keine Bahngleise mehr gibt. 1990 wurde die 1905 gebaute Bahnstrecke von Mimmenhausen nach Frickingen stillgelegt.
Am Bahnhof Salem-Stefansfeld, an dem vor 53 Jahren für die englische Königin Elisabeth der rote Teppich ausgerollt wurde, hat sich bis heute nichts verändert. Außer, dass es keine Bahngleise mehr gibt. 1990 wurde die 1905 gebaute Bahnstrecke von Mimmenhausen nach Frickingen stillgelegt. | Bild: Peter Schober

Einer, der sich noch ganz genau an Salems wohl illustreste Episode erinnert, ist Helmut Ziegler. Als Mitglied des damals noch ganz jungen Salemer Fanfarenzugs durfte er Ihrer Majestät den Ehrenmarsch blasen.

Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch den Ort

„Als Anfang des Jahres 1965 bekannt wurde, dass im Mai die Queen nach Salem kommen würde, ging diese Nachricht wie ein Lauffeuer durch den Ort“, weiß Helmut Ziegler noch. Für ihn als einer der Geburtshelfer des Salemer Fanfarenzugs hieß das aber auch: „Jetzt müssen wir ran.“ Als musikalische Repräsentanten der Gemeinde. Denn Salem-Stefansfeld hatte keinen eigenen Musikverein.

Ein Händler aus Pfullendorf machte anlässlich des Besuches aus Großbritannien extra im SÜDKURIER Werbung für seine Fernsehgeräte.
Ein Händler aus Pfullendorf machte anlässlich des Besuches aus Großbritannien extra im SÜDKURIER Werbung für seine Fernsehgeräte. | Bild: SÜDKURIER-Archiv

Gerade einmal zwei Märsche –Marsch 1 und Marsch 2 – schaffte der Fanfarenzug in dieser kurzen Zeit in sein bis dahin leeres Repertoire. Aber auch anderweitig stand man in Salem unter Zeitdruck. Das nur noch sporadisch genutzte Gleis vom Bahnhof Mimmenhausen nach Stefansfeld, ein Überbleibsel des einstigen Frickingerle, das die Bodenseegürtelbahn mit dem Hinterland verband, musste sicherheitstechnisch aufgemöbelt, der Bahnhof Salem-Stefansfeld frisch gestrichen werden.

Am frühen Vormittag des 22. Mai 1965, einem Samstag, war es dann soweit. Der am Bahnhof Mimmenhausen auf wenige Waggons reduzierte Sonderzug der Queen rollte in Stefansfeld ein.

Königin Elisabeth steigt am 22. Mai 1965 in Salem aus dem Sonderzug.
Königin Elisabeth steigt am 22. Mai 1965 in Salem aus dem Sonderzug. | Bild: Hadwig Huber

Aller Augen richteten sich auf den Salonwagen des englischen Königspaares. Es wurde von der markgräflichen Familie –dem damals noch unverheirateten Max Markgraf von Baden, seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern -, den Honoratioren der Gemeinde mit Bürgermeister Baron von Hornstein an der Spitze als erstes begrüßt und willkommen geheißen.

Queen wurde dem gesamten Salemer Gemeinderat vorgestellt

Der Fanfarenzug Salem spielte zu dieser Zeremonie seinen Marsch 1. Helmut Ziegler erinnert sich: „Anschließend wurde der Queen der gesamte Salemer Gemeinderat persönlich vorgestellt.“ Ebenso der Bahnhofsvorsteher.

Diese Ehre allerdings wurde nicht dem amtierenden Bahnhofsvorsteher Stegerer zuteil. Dieser wurde, weil er zu rangniedrig war, für die Zeit des Queen-Besuchs von seinem Amt suspendiert und durch einen ranghöheren Bahnbeamten mit dekorativeren Epauletten (Schulterklappen) ersetzt. Immerhin war, erzählt Helmut Ziegler, Stegerer in der Presse eine Schlagzeile gegönnt: „Der traurigste Bahnhofsvorsteher Deutschlands.“

Der SÜDKURIER widmete Königin Elisabeth und Prinz Philip 1965 unter dem Titel "Heute: Queen Elizabeth am Bodensee" einen Farbdruck, was in jener Zeit noch nicht üblich war.
Der SÜDKURIER widmete Königin Elisabeth und Prinz Philip 1965 unter dem Titel "Heute: Queen Elizabeth am Bodensee" einen Farbdruck, was in jener Zeit noch nicht üblich war. | Bild: SÜDKURIER-Archiv

Roter Teppich auf dem Bahnhofsvorplatz

Nach dem Begrüßungszeremoniell begab sich die Queen auf dem ausgelegten roten Teppich zu der auf dem Bahnhofsvorplatz wartenden Kutsche des Markgrafen. Sie wurde von Hofkutscher Ferdinand Moog geführt. Gezogen von zwei Schimmeln, brachte sie das englische Königspaar zu dem etwa eineinhalb Kilometer entfernten Schloss.

Der Weg dahin sei von einem dichten Spalier von Schaulustigen gesäumt gewesen, erzählt Helmut Ziegler. Von über 10.000 Menschen sei die Rede gewesen. Ganz zu schweigen von den Massen, die dieses Ereignis an den damals noch seltenen Fernsehern verfolgten. 

Rund 10 000 Menschen aus der Region erwarteten die britischen Gäste 1965 in Salem-Stefansfeld.
Rund 10.000 Menschen aus der Region erwarteten die britischen Gäste 1965 in Salem-Stefansfeld. | Bild: SÜDKURIER-Archiv

Zu ihnen gehörte auch die damals 21-jährige Annegret Ziegler. Sie hat den Salem-Besuch der Queen in ihrer niedersächsischen Heimat verfolgt und war fasziniert vom Ambiente von Schloss Salem. Als sie wenig später eine Stellenanzeige für die Verwaltung der Schlossschule in die Finger bekam, erinnerte sie sich an die Fernsehbilder von Schloss Salem und bewarb sich erfolgreich auf die ausgeschriebene Stelle. In Salem stieg sie dann bis zur Schlossverwalterin auf. „Und letztendlich habe ich der Queen meine Frau zu verdanken“, sagt ihr Mann Helmut Ziegler schmunzelnd.

Die Märsche, in denen sich das damalige Repertoire des Fanfarenzugs erschöpfte, hat Helmut Ziegler heute noch in den Ohren. Er hat sie schließlich oft genug abgespult: Zur Begrüßung der Königin Marsch 1, auf dem Weg zum Schloss Marsch 2, bei der Ankunft am Schloss Marsch 1 und Marsch 2.

Der Fanfarenzug Salem unter der Leitung von Tambourmajor Edgar Müller. 2014 wurde das 50-jährige Bestehen des Fanfarenzugs groß gefeiert. Hier eine Aufnahme von der Eröffnung der Festlichkeiten. Nach wie vor wird gehofft, ein weiteres Mal für die Königin spielen zu können.
Der Fanfarenzug Salem unter der Leitung von Tambourmajor Edgar Müller. 2014 wurde das 50-jährige Bestehen des Fanfarenzugs groß gefeiert. Hier eine Aufnahme von der Eröffnung der Festlichkeiten. Nach wie vor wird gehofft, ein weiteres Mal für die Königin spielen zu können. | Bild: Peter Schober

Der Fanfarenzug und die Königin

Der Fanfarenzug Salem ist eng mit dem Besuch verbunden, den die englische Königin Elisabeth im Mai 1965 der markgräflichen Familie in Salem abstattete. Damals hatte er nämlich seinen ersten öffentlichen Auftritt. Hervorgegangen ist der Fanfarenzug aus einer Biertischidee aus der Freiwilligen Feuerwehr Salem-Stefansfeld, wenige Monate, ehe die Queen nach Salem kam.

Sieben Mann waren es zuerst. Von ihnen hat außer dem ersten Tambourmajor Herbert Riegger keiner ein Instrument gespielt. Geprobt wurde im Hardtwald fernab des Dorfes. Als bekannt wurde, dass die Queen nach Salem kommen würde und sich die Gemeinde dabei auch dementsprechend musikalisch repräsentieren muss, wurden schnell noch neun Mann zusammengetrommelt und die Truppe auf 16 Trommler und Fanfarenbläser aufgerüstet.

Die Ehre, die englische Queen musikalisch begrüßen zu dürfen, ist in den Reihen des Salemer Fanfarenzugs unvergessen, und das Fieber, noch einmal für die englische Königin aufzuspielen, beseelt die Salemer Fanfarenzug bis in die Gegenwart.

Zu seinem 50. Jubiläum 2014 sandte der Fanfarenzug auch eine Einladung an Königin Elisabeth. Allerdings ohne positives Echo. Große Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit der Queen hatte sich der Fanfarenzug dann beim Staatsbesuch von Königin Elisabeth 2015 gemacht. Mit einem Schreiben an das Bundespräsidialamt suchte der Fanfarenzug um einen Auftritt beim Empfang der Queen in Berlin nach. Aber auch das klappte nicht. Daraufhin startete der Salemer Fanfarenzug einen letzten Versuch und bot sich in einer Korrespondenz mit dem Buckingham-Palast an, auf eigene Kosten nach London zu reisen, um für dort ein Ständchen für die Königin zu spielen. Aber auch daraus wurde nichts.