Frau Rehkugler, Ihre Leidenschaft fürs Reisen haben Sie erst spät ausgelebt. Wie kam‘s ?

Ich wollte immer schon nach Nepal, das Land hat mich fasziniert. Aber ich dachte immer, ich muss zuhause bleiben und helfen. 1990 habe ich dann in einer Zeitschrift ein Angebot entdeckt und mein Mann hat mir zugeraten. So habe ich meine erste Reise nach Nepal angetreten, danach habe ich sie auf eigene Faust organisiert. Zehn Jahre war ich unterwegs zu den 8000ern. Dann habe ich einen Film von Hajo Bergmann „Straße der 8000er“ gesehen, die in Pakistan beginnt. Er hat mich zur Premiere der zweiten Staffel seiner Filmreihe nach Wiesbaden eingeladen. Pakistan galt als gefährlichstes Land der Welt.

Das hat Sie aber nicht von Reisen dorthin abgehalten?

Ich dachte, ich probiere es mal aus und bin von Katmandu nach Islamabad geflogen. Die erste Tour führte zum K2, die zweite dann über die zwei längsten Gletscher außerhalb des Polarkreises, dem Biafo und Hispar, mit über 50 Kilometer Länge zum Snow Lake.

Fühlen Sie sich dort so wohl wie in Nepal?

Absolut. Die Gastfreundschaft und Freundlichkeit der Menschen in Pakistan haben mich immens beeindruckt. Und ich bin nach wie vor fasziniert, wenn ich auf der spektakulären Hochgebirgsstraße, dem Karakorum Highway, in den Norden fahre. In beiden Ländern war ich immer mit Zelt, Guide und Trägern unterwegs. Die Haupt-Trekkingrouten in Nepal sind nun gut ausgestattet mit Lodges und gutem Service, im Karakorum gibt es das nicht. Eine atemberaubende Gebirgslandschaft mit einer gewaltigen Dimension an Gletschern galt es zu erkunden und lieben. Die Besteigung von drei 6000ern und die Besuche im Pamir bei den Frauen, die dort mit ihren Tieren leben, waren die Höhepunkte.

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Wie haben Sie sich fit gemacht für die anstrengenden Touren?

Ich bin viel gelaufen und regelmäßig den Gehrenberg hochgejoggt, um Kondition aufzubauen, von der ich heute noch profitiere. Pro Tag haben wir in Nepal und Pakistan 1000 Höhenmeter bewältigt. Nach 16 Jahren mit vier bis sechs Wochen anstrengenden Touren und extremen Bergbesteigungen habe ich 2014 die letzte große unternommen. Jetzt mache ich nur noch Tagestouren.

Mit Ihrer Hilfs-Initiative starteten Sie vor 18 Jahren. Wie kam es dazu?

2002 war ich sechs Wochen unterwegs und auf dem 6400 Meter hohen Sonja Peak. Da hat mich mein jahrelanger Guide Bakhtawar Shah inspiriert. Er erzählte von den jungen Mädchen in Pakistan. Sie werden mit 15 Jahren verheiratet, haben mit 25 Jahren oft schon zehn Kinder. Die Menschen in seinem Heimatort Shimshal, der auf 3000 Meter Höhe liegt, waren Jahrhunderte von der Außenwelt abgeschnitten. Sie haben sich von selbst angebautem Getreide ernährt, die Frauen sind mit den Tieren auf die Hochweiden in Pamir gezogen, haben die Milch zu Butter und Käse verarbeitet. Obwohl die Bewohner als Ismaeliten eine Gleichberechtigung von Mann und Frau praktizieren, bleibt die Hauptarbeit bei den Frauen. So gab es Schulbildung außerhalb des Dorfs bevorzugt für die Buben. Mein Guide fragte mich, ob ich mir nicht eine Schule vorstellen könnte. Zuhause habe ich darüber nachgedacht und als erstes den Verein gegründet. In Nepal hätte jeder „Hurra“ geschrien, aber Pakistan war negativ besetzt. Dennoch: Die Mitgliederzahl stieg schnell, heute haben wir 160 aus ganz Deutschland. Dank Spenden und Aktionen konnten wir 2003 den Bau beginnen.

Wie leben die Einwohner in Shimshal?

In Einraumhäusern mit mehreren Generationen unter einem Dach, oft zehn Personen. Im Winter muss Tag und Nacht geheizt werden. Brennstoff ist knapp und so wird sich wohl die Tradition der Einraumhäuser weiter fortsetzen.

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Sie konnten Ihren Schulbau schnell umsetzen.

Ja. 2006 wurde die Schule mit 12 Klassenzimmern fertig. Seither werden Buben und Mädchen gemeinsam unterrichtet – für Pakistan sehr ungewöhnlich. Es folgte 2007 der Bau eines Lehrerhauses für weibliche Lehrer, gefördert durch das Bundesministerium für Entwicklungzusammenarbeit Deutschland (BMZ).

Das war längst nicht alles…

Nein: 2014 bauten wir eine Solaranlage mit 60 Modulen und eine Unterkunft für die männlichen Lehrer. Sehr gerne wird unser Vorschulkindergarten angenommen. An den Projekten haben wir uns jeweils mit 10 Prozent beteiligt. Die meisten „unserer“ Schulabsolventen gehen ins staatliche College, 150 Kilometer von Shimshal. Es ist umsonst, aber die Unterkunft bei kommerziellen Anbietern kostet 50/60 Euro pro Person und Monat. 2016/17 hat der Verein 12 Mädchen und junge Männer unterstützt. Wir haben dann einen Antrag beim BMZ für den Bau eines Mädchenwohnheimes gestellt; es wurde im Juni 2019 eröffnet. Die 80 Mädchen schätzen sehr, in diesen harten Zeiten die Ausbildung fortführen zu können.

Sie sind jedes Jahr in Shimshal, Mitgliedsbeiträge und Spenden werden zielgerichtet eingesetzt.

Ja. Und ich reise auf eigene Kosten. 2015 haben wir das Management der Aga Khan Organisation übergeben. Sie verfügen über gute Lehrer aller Wissensgebiete. Ich bin im steten Austausch mit dem Bürgermeister. Durch Corona fielen Verdienstmöglichkeiten im Tourismus weg. So bat er mich eindringlich um weitere Unterstützung fürs Schulgeld. Mich freut, wie sich unsere Arbeit positiv auf die Bildung dort auswirkt. Regelmäßig werden wir von der Realschule in Ravensburg durch die Aktion „Mitmachen ist Ehrensache“ unterstützt. Nach einem Vortrag meldeten sich 80 Schüler, die einen erheblichen Betrag an Shimshal spendeten.

Frau Rehkugler, denken Sie ans Aufhören?

Nein. Ich habe noch genug Energie, alles weiterzuführen. Die mich näher kennen, wissen, dass es eine Herzensangelegenheit für mich ist. Wir haben etwas Sinnvolles geschaffen: Generationen von Jugendlichen haben einen guten Start ins Leben. Eine Frau ist Rechtsanwältin geworden, viele werden Lehrerinnen, die jungen Männer haben gute Positionen in diversen Berufen.

Was raten Sie anderen, die sich bei Hilfsprojekten engagieren oder initiieren wollen?

Sie sollten darauf achten, dass man den Projektpartnern vertrauen und sich auf sie verlassen kann. Und auf der Gegenseite eine gute Partnerorganisation haben, die alles transparent macht und sich selbst engagiert. Hilfreich ist auch, dass man Leute hat, bei denen man das Projekt in guten Händen weiß und von denen man unterstützt wird, wie es bei uns ist.

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