Das Kulturleben ist während des Lockdowns auch in Meersburg fast zum Erliegen gekommen. Doch hinter den Kulissen lief die Arbeit weiter, berichtet Christine Johner, Leiterin der städtischen Abteilung Kultur und Museum. So habe man die Zeit etwa genutzt, um die Altregistratur im Archiv aufzuarbeiten, wo ein Rückstau an Akten aus über 30 Jahren aufgelaufen sei. Johner und ihre Mitarbeiterin Lisa Streif hätten außerdem ihre „sehr vielen Überstunden“ restlos abgebaut. Dennoch sei ihnen die Arbeit nicht ausgegangen, auch wenn viele geplante Veranstaltungen verschoben wurden. Den Neustart der Kultur wird ein Theater-Open-Air-Festival einläuten, das vom 24. bis 28. Juni im Freibad stattfinden soll.

Offen für innovative Formate und neue Wege wie Sponsoring

Was die Zukunft angeht, betont Christine Johner: „Wir werden Kultur neu denken müssen.“ Als den Schwerpunkt, der ihr am meisten am Herzen liege, nennt sie die Kulturpflege vor Ort. Dazu könnten auch weiterentwickelte und innovative Formate zählen: So könnte sich Meersburg eventuell eine ganz eigene Nische mit zeitgenössischer Musik schaffen. Auch neue Finanzierungsmöglichkeiten seien denkbar, etwa Sponsoring für ein Unterhaltungsprogramm.

Ausstellung 1920er-Jahre noch bis 4. Juli geöffnet

Christine Johner sagt, dass sie es als Zäsur, als Schockmoment empfunden habe, als im ersten Lockdown am 15. März 2020 alles dichtgemacht wurde. Ihr sei klar gewesen, dass 2020 sämtliche Einzelveranstaltungen ausfallen würden. Allerdings hoffte sie, dass für Ausstellungen etwas anderes gelten würde, steckten sie und Streif doch damals mitten in der Vorbereitung der 1920er-Jahre-Ausstellung. Diese konnte zwar Ende Juni eröffnen und wurde gleich bis 7. Februar 2021 verlängert. Aber am 2. November setzte der zweite Lockdown ein vorläufiges Ende. Seit Ende Mai ist die Ausstellung nun wieder zugänglich, doch am 4. Juli ist endgültig Schluss. Dann muss der Saal für die Kooperationsausstellung „Das zweite Gesicht“ vorbereitet werden, die die Stadt mit dem Land und dem Kreis ab 28. Juli ausrichtet.

Vorbereitung für Eröffnungsveranstaltung zum Tag das offenen Denkmals

Für den Katalog zur Ausstellung steuerten sie und Streif rund 20 Seiten bei. Das zähle ebenso zu ihren Beschäftigungen während des Lockdowns, wie etwa die Vorbereitung der landesweiten Eröffnungsveranstaltung für den Tag des offenen Denkmals oder die Bewerbung für den deutsch-italienischen Städtepartnerschaftspreis. Und nebenbei habe sie als Jurorin des Droste-Literaturpreises, dessen Vergabe 2021 wieder anstand, im Vorfeld rund 40 Bücher gelesen.

Museumsleiterin Christine Johner erklärt kurz nach der Vernissage im Sommer 2020 das Konzept der 1920er-Jahre-Ausstellung im Vineum Bodensee. Die Ausstellung ist noch bis 4. Juli geöffnet.
Museumsleiterin Christine Johner erklärt kurz nach der Vernissage im Sommer 2020 das Konzept der 1920er-Jahre-Ausstellung im Vineum Bodensee. Die Ausstellung ist noch bis 4. Juli geöffnet. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Potenzial des Vineums für Kongresse und Seminare noch nicht ausgeschöpft

Parallel laufe trotz Pandemie auch das Alltagsgeschäft weiter. Dazu zähle Buchhaltung ebenso wie andere Struktur- und Führungsaufgaben. So sei etwa das Potenzial des Vineums für Kongresse, Workshops und Seminare bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Das Vineum nehme rund 70 Prozent ihrer Arbeitskraft in Anspruch, bei Streif seien es über 50 Prozent. Während der Pandemie hätten sie „die gleiche Arbeit gemacht wie sonst“. Man habe aber die Vineum-Mitarbeiterinnen alternativ beschäftigen müssen und habe sie deshalb im Archiv bei der Aufarbeitung der Altregistratur eingesetzt.

Vineum: Öffnung unter Pandemiebedingungen eine Herausforderung

Man dürfe jedoch auch nicht vergessen: „Der Sommer 2020 hatte es in sich.“ Denn vom 8. Mai bis 2. November war das Vineum geöffnet – unter Pandemiebedingungen. „Es war für alle eine neue Situation und ging von 0 auf 100.“ Nicht nur, was die Umsetzung aller Hygieneregeln betraf. Auch die Mitarbeiterinnen brauchten laut Johner besondere Zuwendung: „Da reicht ein Maskenverweigerer unter den Besuchern“, um den Betrieb durcheinander zu bringen.

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Dritte Konzertgespräche zu Hans Zender mussten ersatzlos entfallen

Die meisten Einzelveranstaltungen habe man verlegen können. Doch als das „Schlimmste im ganzen Jahr, weil es so unwiderruflich war“, bezeichnet Johner die Absage der für April 2020 geplanten dritten Konzertgespräche. Diese waren dem Gedenken an ihren 2019 verstorbenen Initiator, den Komponisten und Wahl-Meersburger Hans Zender, sowie seinen vom Dichter Hölderlin inspirierten Werken gewidmet – im Hölderlinjahr 2020, das nun vorbei sei. Eine Fortsetzung der Konzertgespräche, die man nun allerdings ganz anders gestalten müsse, sei aber geplant.

Johner: Zeitgenössische Musik könnte Nische für Meersburg sein

Mehr noch. Johner stellt sich vor: „Das könnte eventuell eine Nische für uns sein: zeitgenössische Musik.“ Denn deren Anhänger reisten für Konzerte auch von weit her und zu jeder Jahreszeit an. Überhaupt versteht Johner unter der für sie essenziellen Kulturpflege vor Ort nicht nur, Bestehendes zu bewahren, sondern auch, daraus neue Impulse zu schaffen. Als Beispiel führt sie den Poetry Slam an, der seit einigen Jahren die Droste-Literaturtage belebt. Das ziehe nicht nur neues Publikum an, sondern sei quasi auch eine Fortsetzung der Droste im 21. Jahrhundert. „Weibliches Schreiben ist etwas anderes als männliches Schreiben. Wir wollen weibliches Schreiben auch im Sinne der Droste bewerben.“ Das sei laut Johner auch das Ziel des Droste-Preises, den ausschließlich Frauen erhalten.

Auch Sponsoring für reines Unterhaltungsprogramm denkbar

Für die Kultur insgesamt habe Corona als Brandbeschleuniger bewirkt, findet Johner. „Unsere Orchester und Theater haben etwas Konserviertes an sich.“ Sie unterstreicht: „Wir werden Kultur neu denken müssen.“ Mit „wir“ meine sie nicht in erster Linie sich selbst, „ich bin nur Verwaltung“, sondern zum einen die Kreativen, zum anderen die politischen Entscheidungsträger. Diese müssten bestimmen, was ihnen noch wichtig sei, neben den Pflichtaufgaben. Nicht zu Letzteren zähle etwa ein Unterhaltungsprogramm im Vineum, das bisher jährlich mit 30.000 Euro zu Buche schlug. Aber eventuell könnte man hierfür Sponsoren gewinnen. Diese hätten dann zwar auch Einfluss aufs Programm. „Doch wenn‘s um reine Unterhaltung geht, kann man‘s riskieren“, findet Johner.

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