Aktualität und Relevanz sind bei Literatur, die diesen Namen verdient, unabhängig vom Erscheinungsjahr. So wirken Texte von Kurt Tucholsky und Gabriele Tergit, entstanden in der Umbruchzeit vor 1933, wie frisch geschrieben. Beide Schriftsteller standen auf dem Programm der 26. „Gesprochenen Anthologie“ in der Meersburg.

Bei der 26. Gesprochenen Anthologie traten auf (von links): Moderator Thomas Kuphal, Dorothea Neukirchen, Volker Sieber, Monika Taubitz, Katja Neuser und Elli Mattar.
Bei der 26. Gesprochenen Anthologie traten auf (von links): Moderator Thomas Kuphal, Dorothea Neukirchen, Volker Sieber, Monika Taubitz, Katja Neuser und Elli Mattar. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Burgherrin Julia Naeßl-Doms als Gastgeberin

Ein Mal im Jahr stellen Mitglieder der Meersburger Autorenrunde Schriftsteller vor, die sie würdigen und ins Gedächtnis rufen möchten. Gastgeberin ist Burgherrin Julia Naeßl-Doms. Thomas Kuphal moderierte den Abend.

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Monika Taubitz erinnert an verstorbenen Peter Hamm

Die Meersburger Autorin Monika Taubitz erinnerte an den 2019 verstorbenen Peter Hamm, den sie gut kannte, und der im gleichen Jahr wie sie zur Welt gekommen war, 1937. „Dichter wird man als ohnmächtiges Kind, das etwas vermisst“, hatte Hamm einmal gesagt.

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Seine Jugend verlief unglücklich, von Brüchen geprägt und seinem harten Vater, dem er im „Nachruf auf einen Unbekannten“ ein schonungsloses Denkmal setzte. Doch mit 19 las Peter Hamm bereits vor der „Gruppe 47“, wurde nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Dokumentarfilmer erfolgreich.

Volker Sieber würdigt Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska

Der Überlinger Schriftsteller Volker Sieber, gebürtiger Oberlausitzer, stellte die 2012 verstorbene polnische Lyrikerin und Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska vor. Die als „Mozart der Poesie“ Gefeierte erklärte ihre Öffentlichkeitsscheu damit, dass Poesie im Schweigen entstehe. Ihre Lyrik verweigere sich jeder Schublade, attestierte Sieber der Dichterin, die schrieb: „Es gibt keine schlimmere Ausschweifung als das Denken.“

Dorothea Neukirchen stellt Schwenninger Autorin Nina Jäckle vor

Dorothea Neukirchen, Schauspielerin und Schriftstellerin aus Friedrichshafen, zeigte sich fasziniert vom Roman „Stillhalten“ der gebürtigen Schwenningerin Nina Jäckle, Jahrgang 1966. Die Inspiration für das Buch lieferte ein Porträt, für das Jäckles Großmutter Otto Dix Modell gestanden hatte.

„Stillhalten“ ist ein doppeldeutiger Titel, der auch das Leben der Protagonistin umschreibt. Jäckles Prosa entfalte einen hypnotischen Sog, findet Neukirchen.

Elli Mattar liest aus Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“

Die Meersburger Ärztin und Autorin Elli Mattar las aus Gabriele Tergits 1931 erschienenem Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. Tergit, Jahrgang 1894, war die erste deutsche Gerichtsreporterin. Sie musste 1933 aus Deutschland fliehen und starb 1982 in London.

Ihr Roman handelt davon, wie 1929 in Berlin ein Zeitungsreporter den Volkssänger Käsebier zum Megastar hochschreibt, der daraufhin gnadenlos vermarktet wird. Wie frisch aus der Feder wirken Tergits Beschreibungen von Bauboom und Spekulantentum sowie einer profitorientierten Presse. Mattars Fazit: „Der Roman ist fast 90 Jahre alt, aber einiges kommt uns doch bekannt vor.“

Katja Neuser zitiert aus Werken Kurt Tucholskys

Auch Kurt Tucholskys Texte, in denen er vor Faschismus und Nationalismus warnt, aber auch präzise menschliche Grundeigenschaften auf den Punkt bringt, haben nichts an Aussagekraft eingebüßt, wie die Überlinger Publizistin Katja Neuser anhand einiger Beispiele darstellte. Sie zitierte auch den markanten Satz des Exilanten: „Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben.“