„Man sieht nur, was man sehen will“, so lauten die allerersten Worte in der sechsten Ausgabe des „Mauerläufers“. Sie ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das Literarische Jahresheft, in dem es laut der Redaktion um Wahrnehmung geht, um die Unterschiede von Perspektiven und die Veränderung von Blickwinkeln und Einstellungen.

Markante Zitate als Titel

Das neue Heft namens „Mörike stellte die Kamera auf“ wurde beim letzten literarischen Jour fixe des Jahres auf der Meersburg präsentiert. Christa Ludwig, von der die Eingangssentenz stammt, und Grafikerin Eva Hocke stellten in einem Überblick die fünf Kapitel vor. Deren Titel sind, ebenso wie der Titel des Heftes, markante Zitate aus darin enthaltenen Texten.

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Hommage an Eduard Mörike

So beginnt Beate Rothmaier ihren Text „Alles wissen“ mit eben dem Satz „Mörike stellte die Kamera auf“. Es ist eine originelle Hommage an den Dichter, den Rothmaier wahrhaft abheben lässt. Er breitet die Flügel aus und sieht die Welt aus der Vogelperspektive. „Mörike konnte alles“, schreibt sie. „Von seinem in den Kopf der anderen springen und dort zwischen fremden Ideen, Einbildungen, Affekten herumspazieren.“ Ludwig meint dazu: „Genau das ist es, was Literatur leisten kann.“ Roland Dostals Bilderzyklus „das mehrfarbene Haus“ illustriert das erste Kapitel.

„Besondere Art des Sehens in bestimmten Lebensaltern“

Im zweiten, mit dem Titel „Das beißt sich“ aus einem Text von Elli Mattar, geht es „um eine besondere Art des Sehens in bestimmten Lebensaltern“, wie Ludwig erklärte. Dazu passen etwa Stefanie Scheurells Fotos aus der Serie über die betagte „Ruth“ und Christiane Lehmanns Filzarbeiten. Katrin Seglitz liest ihren Text „Würfeln“ über ihren Freund Claus Colani, der sich ein Leben lang vorwirft, dass er nichts getan habe, um seine jüdischen Adoptiveltern zu retten.

„Mauerläufer“-Attribute „radikal“ und „randständig“ werden bedient

Das dritte Kapitel verdankt seine ungewöhnliche Überschrift „Kapitulationsstörungen“ einer Erzählung von Martin Ebbertz und wird laut Ludwig den „Mauerläufer“-Attributen „radikal“ und „randständig“ gerecht. Dazu passt ins Bild, dass Eva Hocke sogenannte Mainstream-Themen aus der Zeitung mittels Obst und Gemüse ironisch konterkariert.

Vom Waller zur „Miniaturisierungswelle“

Im vierten Kapitel, so Ludwig, „sind wir nun regional“ – die dritte Eigenschaft des „Mauerläufers“. Dazu passt Hippe Habaschs titelgebende Mahnung „vergesst nicht, dass ihr schneeeulen seid“. Habasch liest ihr Gedicht „sein see“, dessen Protagonist der alte Waller ist, ein durch und durch regionaler Fisch. Denn anderswo heißt der Wels. Und das „Silvesterchlausen“, das Fotograf Daniel Ammann nebst einem „Privat“-Schild ins Bild setzt, ist ein auf die Schweizer Region Außerrhoden beschränkter Brauch. Auch die originelle Serie „Sehnsucht nach Teilhabe an der Miniaturisierungswelle“, inklusive Atomkernspaltgerät, der Künstlerin Carmen Weber steht diesem Kapitel gut.

„Und im Anschluss hast du übrigens Putzdienst“

Zu guter Letzt schweift der Blick, begleitet von einer Fotoserie von Claudio Hils, über die nahe Fremde – die ehemalige DDR – in die Ferne, vom Gardasee über Kuba bis ins Weltall. Doch selbst dort kann man spießigen Pflichten nicht entrinnen, wie der Titel des Schlusskapitels verrät: „Und im Anschluss hast du übrigens Putzdienst“, entnommen der kosmischen Geschichte „Im Gesang der Pyrarden“ von Sarvin Zakikhani. Jochen Kelter reicht die Perspektive vom Hoteldach über Havanna, um einen nüchternen Blick auf die Verhältnisse in Kuba zu werfen, die er in seinem Gedichtzyklus „Fern der weissen Wolken über dem Meer“ thematisiert, aus dem er vorträgt. In „Über der Stadt“ liest das lyrische Ich in einem Buch über Havanna und weiß: „…das Buch darf lesen, wer es erstehen kann, der Autor darf seine Bücher im Ausland verlegen.“ Den „Mauerläufer“ darf, für 16 Euro, jeder und jede lesen.