Für Reinhard Flach war 1963 der Umzug in die neue Volksschule im Sommertal eine Gaudi. Der Achtklässler durfte nämlich dabei helfen, während die anderen die Schulbank drückten, weil seine Familie einen „Japaner“, einen zweirädrigen Transportkarren, besaß. Und so beauftragte Klassenlehrer Oswald Maier den damals 13-Jährigen, der ein paar Kameraden mitnahm, aussortiertes Inventar auf die Müllhalde sowie weiter Brauchbares vom alten Domizil im ehemaligen Dominikanerinnenkloster in die neue Schule zu fahren. Dort hatte Flachs Jahrgang dann noch die letzten Monate bis zur Entlassung Unterricht.

Auch Flachs spätere Frau Gertrud wechselte damals mit ihrer Klasse an die neue Schule. Doch obwohl Gertrud Flach drei Jahre jünger ist als ihr Mann und dort viel mehr Zeit verbrachte, erinnert sie sich kaum an sie. „Wir sind nach der Schule sofort heim und dann aufs Feld.“ Das Leben sei von Arbeit geprägt gewesen. „Aber wir waren bescheiden und zufrieden. Wir hätten auch keine neue Schule gebraucht.“

Bürgermeister konstatiert "unwürdige Zustände"

Das sahen viele Honoratioren und Bürger allerdings anders. So schreibt der damalige Bürgermeister Franz Gern in der Festschrift zur Einweihung der neuen Volksschule im März 1963 von „unwürdigen Zuständen“, die der Neubau endlich bereinige. Diese Zustände detailliert in der gleichen Festschrift der damalige Rektor Karl Brummer. Vor dem Umzug ins Sommertal waren die Volksschüler auf zwei Gebäude in der Oberstadt verteilt: die alte Mädchenschule im früheren Dominikanerinnenkloster sowie das ehemalige Priesterseminar, einst fürstbischöflicher Reithof. Das alte Kloster genüge modernen hygienischen Vorschriften nicht mehr, schreibt Brummer. Außerdem habe der Verkehr in der Kirchstraße Formen angenommen, „die ein Ein- und Ausgehen der Schüler nicht mehr verantworten ließen.“ Auch vom Seminar falle der Abschied leicht, trotz des herrlichen Seeblicks, ebenso vom Pendeln zwischen den zwei Standorten.

In der Nachkriegszeit haben andere Projekte Vorrang

Seit 1924 hatte es eine gemischte Volksschule für Knaben und Mädchen in Meersburg gegeben, die bis 1963 in den beiden Gebäuden untergebracht war. Brummer begründet dieses langjährige Provisorium so: Zuerst habe nach dem Ersten Weltkrieg das Geld für einen Neubau gefehlt. Danach habe der „Aufstieg des verträumten Städtchens zum Fremdenort“ im Vordergrund gestanden. Der Bau des Strandbades und des Ratskellers Mitte der 1930er Jahre verschlangen laut Brummer die Rücklagen für den Schulneubau. „Auch nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich für die Volkschule nichts.“

Auch aktuell ist die Sommertalschule wieder eine Baustelle: Links vom ersten Gebäudeteil von 1963, der seither mehrfach erweitert und gerade frisch saniert wurde, ensteht ein neuer Anbau inklusive Mensa.
Auch aktuell ist die Sommertalschule wieder eine Baustelle: Links vom ersten Gebäudeteil von 1963, der seither mehrfach erweitert und gerade frisch saniert wurde, ensteht ein neuer Anbau inklusive Mensa. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Andere Standorte scheitern am Platzangebot

Spätere Überlegungen, die Schule ins frühere Rodtsche Palais am Schlossplatz zu verlegen, scheiterten am fehlenden Pausenhof. Eine dann anvisierte Fläche oberhalb des Hotels Schützen erwies sich als zu klein und gehörte außerdem nicht der Stadt. Schließlich fand man ein Gelände im Sommertal, das die Stadt erwarb, nachdem sie ermittelt hatte, dass 60 Prozent aller Meersburger Kinder nördlich der Bundestraße wohnten. Diese Siedlungsentwicklung werde sich fortsetzen, prophezeite Gern. Mit dem Standort, der auch Platz für eine Turnhalle lasse und auf dem auch die Kinderschule im Rohbau bereits erstellt sei, „hat Meersburg eine Gesamtlösung für Jahrzehnte“, glaubte Gern.

Derzeit wieder große Baustelle

Doch seit 1963 hat sich viel getan: Die Turnhalle kam hinzu, Kindergarten und Schule erfuhren inzwischen mehrere Anbauten und Instandsetzungen. Allein der jüngst in den Ruhestand gegangene Schulleiter Jürgen Ritter zählte seit seinem Amtsantritt 1989 vier Maßnahmen. Und darin noch gar nicht enthalten sind die derzeitige Schul- und Turnhallensanierung sowie die Schulerweiterung inklusive Mensa, in die Meersburg insgesamt 8,3 Millionen Euro investiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Schule im stetigen Wandel: Einst waren 50 Schüler in einer Klasse

Die Sommertalschule hat sich in den 55 Jahren seit ihrer Eröffnung nicht nur baulich stetig weiterentwickelt, auch die Schullandschaft war stark im Umbruch.

1964, ein Jahr nach der „Einweihung der neuen Volksschule“, wurde Letztere in der BRD als Schulart abgeschafft. An die Stelle der achtjährigen Volksschule als Regelschule traten in Baden-Württemberg die vierjährige Grundschule und die fünfjährige Hauptschule. 1965 kam Monika Taubitz, Schriftstellerin und seit 2017 Meersburger Ehrenbürgerin, als 28-jährige Lehrerin an die Sommertalschule. Sie habe sich über das moderne Gebäude „unheimlich gefreut“, erzählt sie. Man habe damals auch eine pädagogische Aufbruchsstimmung empfunden und als junge Lehrkraft bei Schülern großen Zuspruch gefunden. Schon damals, erinnert sich Taubitz, habe es Diskussionen im Gemeinderat gegeben, ob man denn so eine große Schule brauche. Doch: „Wir hatten recht bald Raumknappheit.“ Die Folge: Rund 50 Schüler in einer Klasse. Heute unvorstellbar. Dass ihr Unterricht, der damals übrigens auch schon fächerübergreifend gewesen sei, trotzdem ganz gut funktionierte, führt Taubitz auf mehrere Faktoren zurück: In Weingarten, wo sie bis 1960 ihre Lehrerausbildung absolviert hatte, „achtete man sehr auf Schulpraxis“. Die Familien hätten damals noch in Generationen zusammengelebt und es habe, unabhängig von der sozialen Herkunft der Schüler, „einen Grundanstand“ gegeben. Eltern und Lehrer verfolgten laut Taubitz dasselbe Ziel: „ihren Kindern eine Grundlage zu schaffen.“ Die Folgen von Krieg, Flucht und Vertreibung seien auch in Südbaden noch allgegenwärtig gewesen und, damit verbunden, die Einstellung: „Nur das, was du im Kopf hast, ist wirklich dein Eigentum.“ Einen weiteren persönlichen Vorteil hatte die gebürtige Schlesierin, wie sie schmunzelnd hinzufügt: „Ich war in vierter Generation Lehrerin.“ 1997 ging Taubitz in Pension. Mitte der 1990er Jahren wurde die Grund- und Hauptschule um eine Werkrealschule ergänzt. Seit dem Schuljahr 2012 ist die Sommertalschule Gemeinschaftsschule. Sie war die erste im Bodenseekreis und entließ 2018 ihre ersten Realschüler. Mit der Entscheidung für die neue Schulform hatte sich die Stadt auch dazu verpflichtet, den zusätzlich benötigen Raum zu schaffen, was derzeit geschieht. Im Schuljahr 2017/2018 besuchten 353 Schüler die Grund- und Gemeinschaftsschule. (flo)