Herr Brand, im Februar, kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, wurden Sie in den Landesschülerbeirat gewählt. Haben Sie sich seither überhaupt schon persönlich getroffen?

Wir haben uns tatsächlich erst ein Mal zu unserer konstituierenden Sitzung persönlich gesehen. Das war im Juni statt im April, wie ursprünglich geplant. Dafür gab es zwei bis drei Mal pro Woche Videokonferenzen. Wir hatten einen intensiven Austausch mit unserem Vorgängergremium, es gab Gespräche mit allen bildungspolitischen Sprechern im Landtag und Vorträge von Bildungsforschern. Wenn man alles angenommen hat, war man richtig gut in der Materie drin.

Das könnte Sie auch interessieren

Das hört sich fast effektiver an, als persönliche Treffen, zu denen alle weit fahren müssen.

Ja, das stimmt. Die Anreise zum eigenen PC ist deutlich einfacher als nach Stuttgart. Wir haben schon abgesprochen, dass wir uns auch künftig öfter digital treffen wollen. Wenn es allerdings um Absprachen und Diskussionen geht, sind persönliche Treffen sicher besser.

Was sind denn die Aufgaben des Landesschülerbeirats? Haben Sie einen Schwerpunkt?

Er ist ein beratendes Gremium des Kultusministeriums. Ziel ist, dass alle Schularten repräsentiert sind. So reicht das Alter der Mitglieder von 14 Jahren bis zum 30-jährigen Berufsschüler. Wenn es um die Meinung der Schüler geht, wird immer der LSB angehört. Wir sind aber auch Ansprechpartner für die Medien und für Verbände. Ich selbst bin im Ausschuss für den jährlichen Landesschülerkongress, zu dem normalerweise Schüler aus ganz Baden-Württemberg anreisen. Dieser Ausschuss ist für die Organisation und das Budget des Kongresses zuständig.

Sie waren auch Klassensprecher und bis zu den Sommerferien Schülersprecher am Gymnasium des Bildungszentrums. Was motiviert Sie für diese Aufgaben?

Ich will einfach mitbekommen, was abgeht. Ich halte Bildungspolitik für sehr relevant und es ist wichtig, dass auch die Schüler selbst gehört werden. Dabei geht es mir nicht um Träume oder Spinnereien wie Schulbeginn prinzipiell um 11 Uhr oder nur an vier Tagen pro Woche Unterricht, sondern um realistische Ziele. Es ist zwar die Aufgabe der Jugend, zu drücken, aber die Ideen müssen eben auch im Bereich des Machbaren sein, sonst bringt es nichts.

Welche Talente muss man mitbringen, wenn man in der ersten Reihe stehen will?

Man darf keine Angst haben, zu streiten und auch mal Fehler zu machen. Gleichzeitig muss man Fehler eingestehen können. Man darf auch keine Angst haben, vor vielen Leuten zu reden. Mir macht das sogar Spaß. Und man sollte Menschen grundsätzlich mögen und für ihre unterschiedlichen Positionen Verständnis haben. Außerdem ist es hilfreich, wenn man nicht nachtragend ist und die Dinge nicht zu persönlich nimmt.

Im vergangenen September sind Sie Mitglied bei den Grünen geworden, seit Dezember sind Sie im Vorstand des Markdorfer Ortsverbands. Was gab für Sie den Ausschlag für diese Partei?

In einem Online-Test hatte ich bei den politischen Inhalten die größte Schnittmenge bei den Grünen. Ich glaube, dass ich hier auch als junger Mensch eine Chance habe und aktiv gefördert werde. Zum Beispiel war ich schon zwei Monate nach meinem Eintritt beim Bundesparteitag – ein tolles Erlebnis und für mich eine Ehre, dass ich dabei sein durfte. Es war interessant zu sehen, wie breit das Spektrum der Grünen ist. Ich habe den Eindruck, dass die Strukturen nicht so fest sind. Persönlich sehe ich es als Gefahr, wenn man den Radikalen – egal welcher Richtung – die Bühne überlässt. Ich selbst sehe mich in der Mitte der Gesellschaft. Ich finde zum Beispiel auch, dass nicht nur Klimahysteriker zu Wort kommen sollten.

Sie bilden den Vorstand des neuen Ortsverbands Bündnis 90/Die Grünen (von links): Johannes Brand (Bermatingen), Julia Rang (Deggenhausertal), Jonas Alber (Markdorf), Inka Bofinger (Markdorf) und Joachim Hopp (Oberteuringen).
Sie bilden den Vorstand des neuen Ortsverbands Bündnis 90/Die Grünen (von links): Johannes Brand (Bermatingen), Julia Rang (Deggenhausertal), Jonas Alber (Markdorf), Inka Bofinger (Markdorf) und Joachim Hopp (Oberteuringen). | Bild: Ganter, Toni

Wie ist Ihre Haltung zu „Fridays for Future“?

Von der Idee her halte ich die Initiative für richtig, auch das Schuleschwänzen. So wird Aufmerksamkeit erweckt. Aber leider gibt es nicht die eine große Richtung, sondern viele einzelne, kleinere Verbände. Dann ist mir „Fridays for Future“ zu sehr nach links abgedriftet. Die Gefahr ist, dass man Leute ausschließt, wenn man zwei Themenblöcke miteinander vermischt.

Treten die Klimaziele durch die Corona-Krise zu sehr in den Hintergrund?

Es ist normal, dass Bedrohungen, die wir unmittelbar erfahren, in den Vordergrund rücken. Der Klimaschutz wird aber ganz sicher wieder ein großes Thema werden. Aktuell verstehe ich die Leute, die erst mal ihre Existenz retten wollen oder müssen. Aber das darf natürlich keine Ausrede sein, um den Klimaschutz komplett zurückzustellen. Mein Eindruck ist, dass trotz Corona viele Leute wissen, dass der Klimawandel für sie ebenfalls eine echte Bedrohung darstellt.

Die Corona-Pandemie hat auch Ihren Alltag durcheinandergewirbelt. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?

Die Corona-Krise hat vor allem gezeigt, was die Gesellschaft von heute auf morgen aushalten kann. Zum Beispiel wurden die Schulen ja innerhalb von nur zwei Tagen geschlossen. Oder wer hätte gedacht, dass es mal weltweite Reisewarnungen und geschlossene Kirchen gibt? Die Krise hat aber auch gezeigt, dass Homeoffice funktioniert, dass geöffnete Kitas nicht selbstverständlich sind, dass man nicht überall hinreisen muss und wie wichtig Präsenzunterricht ist. Es ist gut, dass die Wertschätzung für die Lehrer wieder höher geworden ist. Ich glaube, es ist uns bewusster geworden, dass unser System sensibel ist. Man hat ja gesehen, was passiert, wenn an nur einer Schraube gedreht wird.

Wie ist Ihre Haltung zur älteren Generation?

Es macht keinen Sinn, ihr die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben. Wir Jugendliche wollen nicht, dass man von einem auf alle schließt. Aber oft machen wir es genauso. Ich finde, dass man mit den Leuten reden muss, egal welcher Generation sie angehören. Die Aufgabe meiner Generation ist, es besser zu machen. Dabei bringen Schuldzuweisungen gar nichts.

Was ist Ihnen neben der Politik und der Gremienarbeit wichtig?

Ich bin seit acht Jahren Ministrant in Bermatingen. Wir haben eine super Gemeinschaft und es ist für mich wie eine zweite Familie. Die katholische Kirche sehe ich aber auch kritisch und ich habe manchmal den Eindruck, dass sie sehenden Auges gegen die Wand fährt. Ich finde, dass man mit den Frauen nicht die Hälfte der Gläubigen von Ämtern ausschließen kann und auch der Zölibat ist nicht zeitgemäß. Die Leute vor Ort halten mich trotzdem dabei. Wir haben eine tolle Jugendarbeit und ich war schon zweimal in Rom dabei.

Was sind Ihre Pläne, wenn Sie in zwei Jahren das Abitur in der Tasche haben?

Bis jetzt habe ich noch kein konkretes Studienfach im Blick. Zuerst versuche ich, ein gutes Abi zu machen. Dann sehe ich weiter. Für meine Arbeit im Landesschülerbeirat und bei den Grünen habe ich mir vorgenommen, nicht in eine Bubble zu geraten. Ich befürchte, dass ich in einer Art Einbahnstraße landen könnte und nur noch das eine Thema sehe. So möchte ich nicht werden. Vielmehr will ich versuchen, auch weiterhin ein möglichst großes Spektrum aufzunehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Eigentlich schon im Bundestag. Das ist mein Traum und Politik ist mein großes Ziel. Dabei sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, Akzeptanz für wichtige Themen zu schaffen.