Herr Mutschler, Sie sind in Markdorf aufgewachsen, haben die Jakob-Gretser-Schule und die Realschule am Bildungszentrum besucht, in Überlingen das Abitur gemacht, studiert und leben derzeit in München. Was hat Sie nun nach Markdorf zurückgeführt?

Ich bin auf einen kurzen Urlaub in Markdorf, besuche meine Eltern und Freunde. Ich mache das Bodenseeschifferpatent und habe mit dafür frei genommen. Ich versuche schon, alle zwei Monate nach Markdorf und an den Bodensee zu kommen, um die Kontakte zu pflegen und nicht komplett weg vom Schuss zu sein. München – Markdorf, das geht relativ schnell. Die Busanbindungen sind sehr gut.

Welche Umgebung gefällt Ihnen besser – das überschaubare Markdorf, auch Balkon zum Bodensee genannt, oder die bayerische Metropole München?

(lächelt) Ich habe meine Wurzeln in Markdorf, bin sehr heimatverbunden und würde mich als See-Kind bezeichnen, habe meine Familie und meine Freunde hier. Mein Herz schlägt für den Bodensee. Der See besticht absolut durch seine Landschaft und die Nähe zu den Bergen. Das hat München natürlich nicht zu bieten. Dennoch hat sich mein Lebensmittelpunkt dorthin verschoben. Das Pulsieren der Großstadt hat schon auch seine Vorzüge. Leider musste das Oktoberfest coronabedingt abgesagt werden. München hat auf alle Fälle eine hohe Lebensqualität.

München ist aber doch teuer.

(nickt) Absolut. Ich wohne ein bisschen außerhalb, weil ich eine bezahlbare Wohnung suchte und diesen Wahnsinn nicht mitgehen will. Aber ansonsten ist München eine sehr tolle Stadt.

Nach Studiengängen in BWL an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und Wirtschaftswissenschaften an der Friedrichshafener Zeppelin-Universität folgte ein Studium der Nachhaltigkeitswissenschaften in Maastricht. Warum dies und warum Maastricht?

Für mich war es immer schon so, dass ich die wirtschaftswissenschaftliche Welt und die Nachhaltigkeitswissenschaften zusammenführen wollte. Für mich geht das nicht getrennt. Man muss die wirtschaftlichen Interessen im Blick behalten, darf aber nicht das Naturwohl außer Acht lassen. Das sind zwei Welten, die meines Erachtens viel zu stark in Konkurrenz stehen. Es ist schon mein Interesse, dass Wirtschaft und Nachhaltigkeit etwas mehr in Einklang kommen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, beim Konsumieren auf Nachhaltigkeit zu achten. Die Uni in Maastricht hat einen sehr guten Ruf in Sachen Nachhaltigkeit, den Studiengang habe ich so nur in Maastricht bekommen.

Video: Ganter, Toni

Sie waren auch Corporate Intrapreneur bei der Markdorfer J. Wagner GmbH – ein internationaler Spezialist für hochwertige Spritzgeräte und innovative Oberflächentechnik – was macht ein Corporate Intrapreneur eigentlich?

(lacht) Eine ganz umständliche englische Wortkreation. Man kann es ungefähr so übersetzen: Ein Corporate Intrapreneur ist ein Unternehmen innerhalb eines etablierten Unternehmens. Mein Job war dabei aber bei Weitem nicht so großspurig. Meine Aufgabe war es, Valentin Langen, den Gründer und Geschäftsführer der IONIQ Skincare GmbH, ein Start-up der J. Wagner GmbH, zu unterstützen.

Und was ist IONIQ Skincare?

Das ist ein Kosmetik- und Hautpflege-Start-up. Eigentümer ist zu 100 Prozent die J. Wagner GmbH. Und Wagner ist Champion in der Oberflächenbeschichtung.

Oberflächenbeschichtung und Hautpflege – wie passt das zusammen?

Ein Beispiel, das jeder kennt: Obwohl man von Hand Sonnencreme aufgetragen hat, gibt es doch noch an einigen Stellen Sonnenbrand. Da ist sozusagen die Hand nicht das perfekte Werkzeug. Bei Wagner hat man sich gesagt, wir schaffen es, die kompliziertesten Oberflächen perfekt zu beschichten. Man nutzt die Technologie der elektromagnetischen Statik. Man hat ein Gerät entwickelt, mit dem die Sonnencreme-Partikel perfekt auf der Haut aufgetragen werden, auch an komplizierten Stellen. Man kann salopp sagen, das ist eine Hightech-Spraydose.

Sie sind an einem Start-up namens CARTA Clothing beteiligt – was hat es damit auf sich?

Wir wollen durch die Kleidung, die wir täglich tragen, das Umweltbewusstsein stärken. Im Zentrum unserer nachhaltigen Mode stehen Stickmuster von ausgestorbenen oder bedrohten Tierarten und Pflanzen. Wir wollen diese Tier- und Pflanzenarten bei den Menschen stärker ins Bewusstsein rücken. Um das etwas spielerisch zu tun, haben wir digitale Lösungen entwickelt.

Wie geht das?

Wir haben im Moment vier verschiedene Tier- und Pflanzenarten im Sortiment. Mit dem Handy auf die Homepage von CARTA Clothing gehen, auf das Kamera-Symbol tippen und das Stickmuster auf dem T-Shirt abfotografieren. Das Computer-Vision-Programm erkennt dann das Motiv und liefert die Hintergrundinformationen zur jeweils ausgestorbenen oder bedrohten Art. Wir haben außerdem die Technologie Augmented Reality miteingefügt. Damit können die Tiere oder Pflanzen durch das Handy in die Umgebung projiziert und scheinbar zum Leben erweckt werden.

Und wie stehen die Chancen, sich in dieser kleinen Nische erfolgreich am Markt zu behaupten?

Wir sehen schon, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit steigt. In der Gesellschaft findet ein Umdenken statt. Und wir glauben, dass wir ein Konzept erarbeitet haben, das die Leute interessiert und berührt. Wir wollen, dass die bedrohten Tier- und Pflanzenarten, die wir als Stickmuster im Programm haben, geschützt werden. Deshalb spenden wir 10 Prozent des Umsatzes an Umweltschutzorganisationen wie das Jane Goodall Institut Deutschland.

Und was bedeutet der Name CARTA Clothing – ist CARTA womöglich eine Abkürzung?

Carta ist der Familienname meiner Mutter und kommt aus dem Italienischen. Meine Großeltern haben sich nach dem Krieg in Sigmaringen kennengelernt. Er Soldat aus Frankreich, sie Geflüchtete aus Ostpreußen. Eine tolle Liebesgeschichte und ein passender Name für unser Unternehmen.

Wie viele arbeiten denn derzeit an CARTA Clothing?

Das Team besteht aus meinem Geschäftsführer-Kollegen Maximilian Mayer und Ricarda Jilg, die uns stark in den sozialen Medien unterstützt. Wir arbeiten alle drei vollberuflich und machen CARTA Clothing nebenher als Herzensprojekt.

Maximilian Mayer (links) und Philipp Mutschler sind die Geschäftsführer des Start-up-Unternehmens CARTA Clothing.
Maximilian Mayer (links) und Philipp Mutschler sind die Geschäftsführer des Start-up-Unternehmens CARTA Clothing. | Bild: CARTA Clothing

Sie sind noch mitten in der Kickstarter-Phase, sprich sie hoffen auf Geldspenden. Wie viel muss mindestens zusammenkommen, damit Sie richtig loslegen können?

Ich würde es nicht als Spende bezeichnen, eher als Unterstützung. Jeder, der unser Projekt auf Kickstarter unterstützt, bekommt für 30 Euro ein T-Shirt von uns als Dank! Wir brauchen 9000 Euro bis Ende September. Es heißt alles oder nichts. Wenn wir die Summe nicht zusammenbekommen, scheitert die Kampagne und die Unterstützer bekommen ihr Geld zurück.

Teammitglied Ricarda Jilg. Sie trägt ein Shirt mit dem ausgestorbenen Brachvogel Eskimo Curlew als Stickmuster.
Teammitglied Ricarda Jilg. Sie trägt ein Shirt mit dem ausgestorbenen Brachvogel Eskimo Curlew als Stickmuster. | Bild: CARTA Clothing

Falls das Start-up nicht wie erhofft klappen sollte – gibt es einen Plan B und wie sieht der aus?

Es wäre ein herber Rückschlag. Deshalb hoffen wir auf Unterstützung. Es ist mehr als „nur ein Unternehmen“. Für uns ist es eine Herzensangelegenheit und deshalb gibt es keinen Plan B!