Am Samstag, 17. November, startet wieder ein Hilfstransporter von Wirrensegel ins rumänische Baraolt. Der wievielte Lastwagen das ist, den die Markdorfer Hilfsgemeinschaft Jakab seit 29 Jahren Richtung Osteuropa auf den Weg bringt, können die Verantwortlichen nicht genau beziffern.

Ehepaar Jakab will 1989 an Weihnachten helfen

"Wir haben bestimmt pro Jahr zwei bis drei 40-Tonner beladen", sagt Irma Jakab, die gemeinsam mit ihrem Mann Gabor an Weihnachten 1989 die Hilfsgemeinschaft initiiert hat, um Not und Elend in Rumänien und Ungarn (später auch in der Ukraine) zu lindern.

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An den größten Hilfskonvoi kann sich das Ehepaar Jakab und die beiden ehrenamtlichen Helfer Bernhard Wolf und Helmut Jetter aber erinnern. Dieser fand im April 1991 mit 17 Fahrzeugen und 35 Personen nach Baraolt statt. In dieser rumänischen Gemeinde war und ist die Not durch wirtschaftlichen und politischen Umbruch besonders hoch, in den ländlichen Gebieten leiden Kinder und ältere Menschen unter der Abwanderung der jungen und leistungsfähigen Bevölkerungsschicht.

1991: Der längste Hilfstransvoi ging im April 1991 nach Baraolt. Er bestand aus 17 Fahrzeugen und 35 Personen.
1991: Der längste Hilfstransvoi ging im April 1991 nach Baraolt. Er bestand aus 17 Fahrzeugen und 35 Personen. | Bild: Wolf, Bernhard

Bernhard Wolf absolvierte damals seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz in Markdorf. "Da war ich 24 Jahre jung und bin aus Abenteuerlust mitgefahren", erzählt der Rettungssanitäter.

Helfer Walter Karg bei einer Verteilung vor dem Schulgebäude in Bodos bei Baraolt im Jahre 1001 .
Helfer Walter Karg bei einer Verteilung vor dem Schulgebäude in Bodos bei Baraolt im Jahre 1001 . | Bild: Privat

Wie schlimm die Lage Anfang der 90er in Rumänien und Ungarn gewesen sei, könne man sich heute nur noch schwer vorstellen. "Man fährt drei Tage und landet in einer komplett anderen Welt", erinnert sich Wolf, der 2017 zuletzt in Baraolt war.

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Gastfreundlichkeit und Dankbarkeit

Helmut Jetter fügt hinzu: "Nach der Grenze begann das Niemandsland." Jedes Mal wurden er und das Team bereits sehnsüchtig erwartet. "Das war eine Gastfreundlichkeit und eine Dankbarkeit, die man nicht in Worte fassen kann", so Jetter, der ebenfalls 1991 mit dabei war.

1990: Verteilung in Bodos bei Baraolt.
1990: Verteilung in Bodos bei Baraolt. | Bild: Privat

Beide Männer gehören über 25 Jahre später noch zum Helferteam. "Ich möchte einen Teil dazu beitragen, anderen Menschen zu helfen", sagt Helmut Jetter, der zum letzten Mal 2001 mitgefahren ist.

Aktiver Kreis von 70 Personen in Markdorf

Hier vor Ort nehmen die zahlreichen freiwilligen Helfer – Irma Jakab schätzt den aktiven Kreis auf rund 70 Personen – im Lager in Wirrensegel Güter entgegen, sortieren und verpacken diese und helfen beim Verladen des Lastwagens. Viele Helfer der ersten Stunde sind heute noch dabei und mittlerweile helfen deren Kinder mit.

Herbst 2014: Andreas Beck und sein Sohn Leander geben die Kisten und Koffer an Jens König weiter, der sie im Transportlaster verstaut. Es ist der bis jetzt letzte Hilfskonvoi, der nach Ungarn reisen wird.
Herbst 2014: Andreas Beck und sein Sohn Leander geben die Kisten und Koffer an Jens König weiter, der sie im Transportlaster verstaut. Es ist der bis jetzt letzte Hilfskonvoi, der nach Ungarn reisen wird. | Bild: Jörg Büsche

Zu den Gütern zahlen Sachen des täglichen Bedarfs wie Kleidung, Schuhe, Wäsche, Haushaltsgeräte, Mittel für Versorgung von Patienten, medizinische Geräte, Fahrräder und Kinderfahrzeuge.

Die beiden Ärzte Karl Hiller und Wolfgang Busch haben für Irma Jakabs Bürgerhilfsgemeinschaft ein Ultraschallgerät gespendet. Franz-Josef Sprißler hilft beim Entladen (von links).
Die beiden Ärzte Karl Hiller und Wolfgang Busch haben für Irma Jakabs Bürgerhilfsgemeinschaft ein Ultraschallgerät gespendet. Franz-Josef Sprißler hilft beim Entladen (von links). | Bild: Büsche, Jörg

Zum 25-jährigen Jubiläum 2014 konnten mehr als 100 000 zurückgelegte Kilometer, mehr als eine Million Euro an zweckgebundenen Geldspenden und mehr als 4500 Tonnen transportierte Hilfsgüter im Wert von mehreren Millionen Euro aufgelistet werden. "Früher haben wir noch Lebensmittel mitgebracht, aber die Versorgung vor Ort ist besser geworden", berichtet die 81-jährige Irma Jakab, der besonders das Glück der Kinder am Herzen liegt. Mit großer Zuneigung spricht sie von "ihren" Kindern im Waisenhaus.

2005: Irma Jakab mit einem kleinen Patienten in der Kinderklinik in Baraolt.
2005: Irma Jakab mit einem kleinen Patienten in der Kinderklinik in Baraolt. | Bild: Wolf, Bernhard

In den Anfangsjahren verteilten sich die Hilfsgüter auf eine Vielzahl von kleinen und größeren Lagen im ganzen Bodenseekreis. Ab Ende der 90er Jahre entwickelte sich dann das Lager bei Familie Sprißler zum Dreh- und Angelpunkt. In Rumänien und Ungarn wurden die Güter dann entsprechend verteilt, zu Beginn noch direkt auf der Straße, mittlerweile gibt es auch dort Lager.

1994 brennt ein Lastwagen mit Hilfsgütern aus

"1994 ist uns ein Lastwagen in Ungarn vollkommen ausgebrannt", erinnert sich Irma Jakab an ein Unglück zurück. Verletzt wurde niemand, allerdings fielen die Güter den Flammen zum Opfer. Die Gründe konnten laut Jakab nie ermittelt werden.

Lange Zeit war das Kinderheim im ungarischen Csik ein beliebtes Ziel. In dem Ort unterstützte die Hilfsgemeinschaft neben dem Krankenhaus und einer Suppenküche auch ein Mädchenjugendheim mit Ausbildungsstätten.

2014: Aufbau von Spielgeräten im Kindergarten von Baraolt.
2014: Aufbau von Spielgeräten im Kindergarten von Baraolt. | Bild: Wolf, Bernhard

Irma Jakab war zuletzt im Juni dieses Jahres in Baraolt. "Wir tun so viel, aber es ist immer noch zu wenig", sagt sie. Nach ihrer Rückkehr brauche sie immer einige Tage, um sich zu erholen. "Das ist eine schmerzhafte Situation und ich kann auch nicht direkt darüber sprechen." Sie erzählt von einem kleinen Mädchen mit einem Wasserkopf, die man mit einer Operation vielleicht hätte retten können.

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Viele Kinder hätten keine Zukunft, aber Irma Jakab möchte ihr kurzes Leben lebenswerter und glücklicher machen. Dafür sorgt auch der Inhalt des Hilfstransporters, der sich am Samstag von Wirrensegel auf den Weg nach Baraolt machen wird – laut Routenplaner 1610 Kilometer.