Als Wunibald Wösle vor zwei Jahren als Präsident vorzeitig das Handtuch schmiss, ahnte wohl keiner beim VfB Friedrichshafen, dass sich so lange kein Nachfolger findet. Nach sechs Jahren an der Spitze des größten Sportvereins in der Stadt trat er nach Differenzen mit dem damaligen Fußball-Abteilungsleiter „mit sofortiger Wirkung“ zurück.

Wunibald Wösle war bis 2020 Präsident des VfB Friedrichshafen, aber noch viel länger Chef der Volleyball-Abteilung im Gesamtverein.
Wunibald Wösle war bis 2020 Präsident des VfB Friedrichshafen, aber noch viel länger Chef der Volleyball-Abteilung im Gesamtverein. | Bild: SK-Archiv I Claudia Wörner

Seither versucht das Präsidium, die Lücke zu schließen. Sogar die Alt-Präsidenten Walter Raithel oder Hans-Peter Kaldenbach waren eingebunden – bis dato alles ohne Erfolg. „Wir haben Kandidaten, die Lust hätten, aber Kapazitätsprobleme. Deshalb haben wir beschlossen, mit mehr Power auf die Suche zu gehen“, erklärt Alexandra Moosherr beim Pressegespräch im Sportlerheim am Stadion. Sie übernahm 2017 den Posten der Vizepräsidentin, war aber schon lange vorher für die Finanzen zuständig. Keine Ambitionen auf das Spitzenamt? Sie lacht. „Das geht beruflich nicht.“

Quartett steuert den Verein, auch durch Untiefen

Eigentlich wollte Alexandra Moosherr den Posten nur übergangsweise für zwei Jahre bekleiden. Daraus sind nun schon fünf geworden. Seit 2020 ist sie als stellvertretende Präsidentin zwangsläufig die Quasi-Chefin des VfB Friedrichshafen. Zusammen mit Vizepräsidentin Bettina Mayer sowie den Beisitzern Hans-Peter Schorpp und Andreas Looser steuert das Quartett ehrenamtlich seit Jahren den Verein, und das durch viele Untiefen.

Stellenbeschreibung für VfB-Präsidenten

Jetzt soll ein frischer, fähiger Kopf an die Spitze. Beim Stellenprofil brauchen Alexandra Moosherr und Hans-Peter Schorpp nicht lange überlegen. Der Präsident in spe soll viel Freude und Leidenschaft für einen Mehrspartenverein mitbringen, dazu Ideen und am besten schon ein bisschen Führungserfahrung – „und nicht so sanft sein, wie ich es bin“, meint Alexandra Moosherr schmunzelnd. Mal die Ellenbogen ausfahren zu können sei von Vorteil. Sie sucht nach einem Vergleich und wird fündig. „Wie ein Patriarch, der sich um das Wohl seiner großen Familie kümmert.“ Bei 24 Abteilungen in der Sportfamilie VfB, die allesamt weitestgehend selbständig funktionieren, ist das zuweilen eine Herausforderung.

Hans-Peter Schorpp ist Beisitzer im VfB-Präsidium.
Hans-Peter Schorpp ist Beisitzer im VfB-Präsidium. | Bild: Katy Cuko
„Jede Abteilung kümmert sich um ihre Stärken. Für die Schwächen ist der VfB zuständig.“
Hans-Peter Schorpp, Abteilungsleiter Ringen und Beisitzer im VfB-Präsidium

Diese Konstellation ist ein Grund, warum sich den „Job“ als Präsident, noch dazu ehrenamtlich, bisher keiner mehr antun will. Hans-Peter Schorpp bringt es auf einen Nenner. „Jede Abteilung kümmert sich um ihre Stärken. Für die Schwächen ist der VfB zuständig“, sagt der Beisitzer im Präsidium, der gleichzeitig Abteilungsleiter Ringen ist, mit dem gewissen Unterton. Das Verständnis für den Gesamtverein, für „Wir sind der VfB“ sei besser geworden. Aber eine Einheit sei der große Verein, der mit den Volleyballern einen deutschlandweit wohl klingenden Namen als Aushängeschild hat, noch lange nicht. Dabei sei der Profi-Club, der nicht zum Gesamtverein gehört, zuweilen für manche VfB-Abteilung „mehr Fluch als Segen“, antwortet Hans-Peter Schorpp auf die pointierte Frage. Mit dem Budget der Bundesliga-Volleyballer kann der Verein natürlich nicht ansatzweise mithalten.

Das VfB-Stadion samt Sport- und Tennishalle aus der Vogelperspektive.
Das VfB-Stadion samt Sport- und Tennishalle aus der Vogelperspektive. | Bild: www.flugundbild.de/Gerhard Plessing

Dazu kommen komplexe Aufgaben und „große Themen“, wie Moosherr und Schorpp erklären. Stadion aufschließen und los geht‘s mit dem Sport – so einfach ist das nicht. Die Liste ist lang: Rasenbewässerung neu regeln, weil die Rotach nicht mehr angezapft werden darf. Stadion-Beleuchtung auf LED umrüsten. Die Belegung der Plätze managen, weil der Bedarf das Angebot übersteigt. Und nicht zuletzt Sanierung oder Abriss und Neubau der VfB-Sporthalle planen. Dafür braucht es strategische Entscheidungen, wie sich der Verein für die Zukunft aufstellen will. Ideen gebe es viele, von der Freilufthalle bis zur Sport-Kita.

Alexandra Moosherr ist Vizepräsidentin für Finanzen beim VfB Friedrichshafen.
Alexandra Moosherr ist Vizepräsidentin für Finanzen beim VfB Friedrichshafen. | Bild: Katy Cuko
„Wir haben einen Strauß an Projekten, bei denen sich unser neuer Präsident mit seinen Ideen einbringen kann. Und fehlt die Manpower.“
Alexandra Moosherr, Vizepräsidentin des VfB Friedrichshafen

Kurzum: „Wir haben einen Strauß an Projekten, bei denen sich unser neuer Präsident mit seinen Ideen einbringen kann. Und fehlt die Manpower“, sagt Alexandra Moosherr. Damit wäre auch klar, dass Der- oder Diejenige vom Anforderungsprofil her eher ein Ausdauertyp und auch teamfähig sein sollte. Dazu möglichst gut in der Stadt vernetzt ist, über gute Drähte ins Rathaus verfügt und natürlich auch Zeit mitbringt. „Zehn Stunden pro Woche reichen wohl nicht“, sagt Hans-Peter Schorpp.

Die VfB-Sporthalle, Baujahr 1981, gehört dem VfB Friedrichshafen. Ein Sanierungsgutachten liegt seit 2011 vor. Doch die Stadt fühlt sich ...
Die VfB-Sporthalle, Baujahr 1981, gehört dem VfB Friedrichshafen. Ein Sanierungsgutachten liegt seit 2011 vor. Doch die Stadt fühlt sich nicht zuständig, auch wenn hier Schulsport unterrichtet wird. | Bild: Katy Cuko

Ist das ehrenamtlich überhaupt noch zu schaffen? Strukturen könne man ändern, sagt Alexandra Moosherr. Aber derzeit sehe die Satzung einen Präsidenten im Ehrenamt vor, der von einer Geschäftsstelle und Projektteams im Verein unterstützt wird. Womit das nächste Problem auf dem Tisch liegt: die Finanzen. Denn Geld für einen Vereinsmanager oder gar einen Geschäftsführer, der das Präsidium entlasten könnte, ist nicht da. Und das, obwohl der VfB seine drückenden Altschulden mit der letzten Rate im Jahr 2020 komplett beglichen hat.

Hat der VfB eine Zukunftsperspektive?

Warum dem VfB trotzdem finanziell die Luft auszugehen droht, ist eine andere Geschichte. Vorerst wünscht sich das Rumpf-Präsidium, endlich die Person für das Spitzenamt zu finden, die dem Gesamtverein neues Leben einzuhauchen vermag. Sonst stellt sich bald die Frage, die zumindest Alexandra Moosherr und Hans-Peter Schorpp heute schon für berechtigt halten: Warum soll es weiterhin einen VfB Friedrichshafen geben?

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Moosherr: „Der Verein steht geordnet da“

Die Mehrheit sehe in Größe, Gemeinschaft und Vielfalt des Vereins noch klare Vorteile, schätzt Alexandra Moosherr ein. „Der Verein steht geordnet da“, sagt sie entschlossen. Und doch plagt gerade sie als Interims-Verantwortliche ein „enormes Bauchweh“, weil sie für ihren eigentlichen Job als VfB-Finanzchefin seit Langem zu wenig Zeit hat.

Was der wachsende Verdruss des nun schon langjährigen Führungs-Quartetts für Folgen haben könnte, darauf verweist Stefan Lanz. Er ist seit Kindertagen VfB-Mitglied und gehört zum Vorstandsteam des Stadtforums Friedrichshafen. Er helfe dem VfB-Präsidium mit dem Blick von außen in organisatorischen Dingen. „Die Vier machen einen hervorragenden Job. Was, wenn sie nicht mehr da wären?“