Die Situation ist ungewöhnlich. Nach jahrelangen Diskussionen soll der Gemeinderat am Montag entscheiden, wo die neue Albert-Merglen-Schule gebaut wird. Die braucht dringend mehr Platz. Zwei Standorte sind in der Diskussion. Die Abstimmung am Montag wird spannend. Denn zum ersten Mal müssen die Stadträte – auf die Spitze getrieben – Farbe bekennen, was ihnen wichtiger ist: das Wohl der Kinder oder der Klimaschutz.

Quelle: Stadt Friedrichshafen / SK-Grafik: Steller
Quelle: Stadt Friedrichshafen / SK-Grafik: Steller | Bild: Steller, Jessica

Dabei brachte das Rathaus den neuen Standort auf der grünen Wiese am Hauptfriedhof erst ins Spiel. Jetzt schlägt die Verwaltung dem Rat jedoch einen Neubau auf dem heutigen Schulgelände an der Heinrich-Heine-Straße vor. Der Grund: eine wichtige Kaltluftschneise würde beeinträchtigt.

CDU, Freie Wähler und SPD/Linke plädieren für den Standort am Friedhof. Netzwerk, Grüne und ÖDP plädieren für den Standort Heine-Straße. Das sind die Argumente der beiden Lager.

CDU, Freie Wähler, SPD/Linke: Standort am Friedhof

„Wir sind uns darüber klar, dass die öffentliche Meinung vielleicht nicht ganz auf unserer Linie ist„, sagt Dagmar Hoehne, Fraktionschef der Freien Wähler im Gemeinderat. Auf dem Tisch liegt ein gemeinsamer Antrag, den CDU, SPD und auch FDP-Fraktionschefin Gaby Lamparsky unterschrieben haben. Sie wollen, dass am Montag auch über den Alternativstandort am Friedhof im Gemeinderat abgestimmt wird. Sind alle Stadträte der drei Fraktionen da, bilden sie die Mehrheit im Rat.

Kinder oder Klima? „Diese Aufrechnung wollen wir nicht“, sagt Dagmar Hoehne. Es sei keine Entscheidung für das Eine oder gegen das Andere. Dass ein Neubau die Kaltluftschneise beeinflusse, „darüber sind wir uns im Klaren“. Das Problem lasse sich aber baulich ausgleichen. Deshalb kämen sie nach intensiver Abwägung zu einem anderen Ergebnis.

Hinter dem Zaun, zwischen Friedhof und Oberhofstraße, ist die grüne Wiese, auf der die neue Grundschule gebaut werden könnte.
Hinter dem Zaun, zwischen Friedhof und Oberhofstraße, ist die grüne Wiese, auf der die neue Grundschule gebaut werden könnte. | Bild: Cuko, Katy

Die Schule soll am Friedhof so gebaut werden, „wie wir uns das vorstellen“, sagt Hoehne, die das eine „Jahrhundert-Chance“ nennt. Eine Schule im Grünen, mit viel Platz und Freiraum auch für pädagogische Konzepte. So, wie sich das Lehrer und Eltern der Albert-Merglen-Schule wünschen und wie es vom Schulamt befürwortet wird. Was die Kinder brauchen, das habe in der bisherigen Diskussion keine Rolle gespielt, stellte Werner Nuber (SPD) fest.

Kaltluftschneise „kein Totschlag-Argument“

Für CDU-Fraktionschef Achim Brotzer kommt ein rationales Argument für den Standort am Friedhof dazu: Man spart 3 Millionen Euro für eine Container-Schule, die nötig wird, wenn die Merglen-Schule am bestehenden Standort neu gebaut wird. Die Kaltluftschneise ist für ihn „kein Totschlag-Argument“. Die werde bei einer Baufläche von 7000 Quadratmeter nur minimal und am Rand angeschnitten. Deshalb sei auch die Landwirtschaft auf der Schätzlesruh, die über 90.000 Quadratmeter verfüge, nicht ansatzweise gefährdet. Den Biohof betreibt Ratskollege Simon Wolpold mit seiner Familie, der am Montag über die Standortfrage für die Schule deshalb nicht mit abstimmen darf.

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Netzwerk, Grüne und ÖDP: Standort Heine-Straße

„Kinder, Klima, Kosten und Kühe – alle unter einem Hut“: So bringt es das Netzwerk für Friedrichshafen in einer aktuellen Mitteilung auf den Punkt und befürwortet den Neubau auf dem heutigen Gelände der Albert-Merglen-Schule.

Bei Fraktionschef Jürgen Holeksa ist die Freude groß, dass Fachleute, Bürgermeister und Amtsleiter der Verwaltung nunmehr allein den bisherigen Standort empfehlen. Er verweist auf Aussagen von Stadtbauamts-Leiter Wolfgang Kübler, der von einer „Schule auf Stelzen“ oder einer „Schule unter der Erde“ am Friedhof sprach, um den Kaltluftstrom nicht zu behindern. „Wem also das Wohl der Kinder tatsächlich am Herzen liegt, der darf derart absurden und äußerst kostspieligen Ideen nicht zustimmen“, sagt Jürgen Holeksa. Wer Klimaschutz ernst nehme, könne heute nicht länger auf einem unnötigen Neubau in einer Kaltluftschneise beharren.

Alte Gebäude in Leichtbauweise und ein Schulhof fast ohne Grün: Die Albert-Merglen-Schule braucht nicht nur mehr Platz.
Alte Gebäude in Leichtbauweise und ein Schulhof fast ohne Grün: Die Albert-Merglen-Schule braucht nicht nur mehr Platz. | Bild: Cuko, Katy

Bessere Alternative

Das vom Netzwerk beauftragte Gutachten lege überzeugend dar, wie ein „allen Ansprüchen genügender Neubau“ der Schule am bisherigen Standort realisiert werden könnte. „Ein Neubau in der Kaltluftschneise ist also nicht die Ultima Ratio“, verweist Philipp Fuhrmann auf eine bessere Alternative, die einen nachhaltigen Kompromiss aller Interessen darstelle.

Die Grünen-Fraktion hatte sich bereits Anfang Juli klar zum heutigen Standort für die Albert-Merglen-Schule ausgesprochen. „Für uns hat der Klima- und Ressourcenschutz die oberste Priorität“, erklärte Ullrich Heliosch in der Mitteilung, warum sie keinen Neubau auf der grünen Wiese wollen. Er findet, dass die Schule eine soziale Anlaufstelle sei und das Quartier belebe. Außerdem liege eine Machbarkeitsstudie vor, dass ein Ausbau auch am alten Standort funktioniert.

Aus Sicht von Sylvia Hiß-Petrowitz, Fraktionschefin von ÖDP/parteilos, geht es nicht darum, Kinder gegen Klima auszuspielen, „sondern um das Wohl der Bevölkerung der ganzen Stadt“. Werde die Kaltluftschneise geschädigt, sei das im Nachhinein nicht mehr zu korrigieren. Deshalb sei diese Entscheidung „für uns alternativlos“, so die Fraktionsvorsitzende.

Über 3000 Menschen hatten im vergangenen Sommer die Petition zum Schutz der Schätzlesruh unterzeichnet. Am Donnerstagabend versammelten ...
Über 3000 Menschen hatten im vergangenen Sommer die Petition zum Schutz der Schätzlesruh unterzeichnet. Am Donnerstagabend versammelten sich 130 Menschen auf der von Versiegelung bedrohten Wiese, um sich für ihren Erhalt einzusetzen. Daran beteiligt waren auch Fridays for Future, Greenpeace, BUND und NABU. | Bild: Initiative Schätzelsruh

Nicht zuletzt liegt im Rathaus eine Petition der Bürgerinitiative Schätzlesruh vor, in der 3000 Menschen den kompletten Erhalt dieser 'grünen Lunge' in der Stadt fordern. Die Unterschriften nahm OB Andreas Brand im November vergangenen Jahres persönlich entgegen. Gegen die Neubau-Pläne in der Kaltluftschneise sprechen sich zudem Fridays for Future sowie ein Aktionsbündnis der Naturschutzverbände mit BUND und Nabu aus.