Montagmorgen, 8 Uhr. Viele Mütter stehen vor der Tür zum Familienzentrum Johannes-Brenz-Haus mitten in der Stadt, diskutieren mit einer Erzieherin. Manche Kinder dürfen rein, andere nicht. So wie Hiafa Jonoo, die ihren vierjährigen Jussuf mit seinem kleinen Rucksack auf dem Rücken an der Hand hinter sich herzieht, zurück nach Hause. „Er versteht gar nicht, was los ist.“

Kinder und Eltern müssen wieder nach Hause gehen

Auch Zarmina Qarizada wird abgewiesen. „Aber ich habe doch angemeldet“, sagt sie und schaut immer wieder auf ihr Handy. Die E-Mail sei im Kindergarten nicht angekommen. Wieder muss sie ihren vierjährigen Mohammad mit nach Hause nehmen, wieder kann sie nicht zum Sprachkurs. Das gehe seit zwei Wochen so, sagt sie. Für die Frau ein echtes Problem: Ihre Lehrerin wolle sie nicht zur Prüfung am 7. Juli zulassen, weil sie so oft gefehlt hat. „Aber daran hängt mein Visum“, sagt sie mit Tränen in den Augen.

„Eine vernünftige Planung ist fast unmöglich, da man meistens Sonntagnachmittag oder abends informiert wird, ob oder zu welchen Konditionen der Kindergarten stattfindet.“
Aus dem Brief der Eltern an OB Andreas Brand

Der Frust ist groß. Am 18. Mai hat der Elternbeirat des Kindergartens einen verzweifelten Brief an Oberbürgermeister Andreas Brand geschrieben. Die Rede ist von täglicher Ungewissheit, keinem geregelten Alltag und wechselnden Betreuungspersonen. Statt pädagogischer Arbeit hätten die Erzieherinnen sogar Mühe, die Aufsichtspflicht zu gewährleisten. „Ein normaler Ablauf ist eher die Seltenheit. Eine vernünftige Planung ist fast unmöglich, da man meistens Sonntagnachmittag oder abends informiert wird, ob oder zu welchen Konditionen der Kindergarten stattfindet“, steht da. Selbst berufstätige Eltern, die Anspruch auf eine Notbetreuung hätten, wissen morgens nicht, ob sie einen noch freien Platz erwischen.

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Die Ursache ist Personalmangel. Von sechs Erzieherinnen fehlen meistens vier wegen Krankheit, so die Eltern. Gerade habe eine Fachkraft gekündigt. Die Hauswirtschafterin geht in Rente, sodass es auch kein Mittagessen mehr gibt. „Kinder, die seit Wochen nicht in den Kindergarten gehen dürfen, zahlen weiterhin Beiträge für ein nicht gegessenes Mittagessen und eine nicht vorhandene Betreuung“, steht in dem Brief an den OB. Der schließt mit der Bitte um Hilfe.

Sozialbürgermeister Andreas Köster ist Schirmherr des Projekts und überbringt persönliche Grußworte zum Projektstart.
Sozialbürgermeister Andreas Köster ist Schirmherr des Projekts und überbringt persönliche Grußworte zum Projektstart. | Bild: Lena Reiner
„Der Zustand ist nicht tragbar.“
Andreas Köster, Bürgermeister

Drei Tage später antwortet Sozialbürgermeister Andreas Köster – ausführlich und sehr empathisch. Es gebe nichts herumzudeuteln: „Der Zustand ist nicht tragbar“, schreibt er. Auch wenn es den Eltern nichts helfe, aber „die Personalverantwortung obliegt allein dem jeweiligen Träger“. Hier stehe also die evangelische Gesamtkirchengemeinde in der Verantwortung, die in Friedrichshafen sieben Kitas betreibt. Die Stadt habe „unmissverständlich“ auf deren Pflichten hingewiesen. Und: „Wir werden von unserer Seite alles daran setzen, dass die Situation sich bessert.“

Hälfte der Eltern hat keinen Kitaplatz mehr

Doch die Situation wird noch schlimmer. Ab sofort ist der Kindergarten nur noch von 8 bis 12 Uhr geöffnet, drei Stunden weniger als eigentlich vereinbart. Freitags bleibt er ganz zu, und das bis zu den Sommerferien. Und: Künftig gibt es nur noch eine Gruppe. Das bedeutet: Die Hälfte der Eltern, also rund 20 Familien, haben gar keinen Kitaplatz, keine Betreuung mehr. Am Montagabend bekam das jede Familie schriftlich – hopp oder topp. Ab Juni sinken wenigstens die Betreuungsgebühren auf maximal 60 Euro pro Monat für Eltern, die ihr Kind weiter bringen dürfen. Der Rest wird mit seinen Nöten allein gelassen.

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„Wir verstehen und teilen die Sorge der Eltern und sind auch in intensiven Gesprächen mit dem Kita-Träger“, teilt das Rathaus auf Anfrage mit. Fürs Personal müsse nun mal der Träger sorgen, so wie es die Stadt in ihren neun Kitas auch tut. Und was machen jetzt die Eltern ohne Platz? Man sei mit der evangelischen Gesamtkirchengemeinde im Gespräch. „Ein Ziel ist aus unserer Sicht, dass die anderen evangelischen Kitas in dieser Notsituation aushelfen und überbrücken. Darüber hinaus prüfen wir, ob unsere eigenen Einrichtungen aushelfen können“, erklärt Stadtsprecherin Monika Blank die akut

Darüber hinaus gebe die Stadt jährlich rund drei Millionen Euro extra aus, um die Träger gerade in Sachen Personal zu unterstützen, so für den Krankheitsvertretungspool, Sprachförderung, Freistellungen für Bildungshausarbeit, hauswirtschaftliche Kräfte, zusätzliche Leitungsfreistellung, Übernahme der Kosten für FSJ-Stellen, Vergütung von Praktika und mehr.

„Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass viele Eltern in Sorge sind.“
Reimar Krauß, Codekan

Bei der evangelischen Gesamtkirchengemeinde ist jetzt Reimar Krauß, der neue Codekan der Schlosskirchengemeinde, für die Kitas zuständig, allerdings noch keine zwei Wochen im Dienst. „Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass viele Eltern in Sorge sind“, erklärt er auf Anfrage unserer Zeitung. Viel tun könne er im Moment nicht. Die Personaldecke sei zu kurz. Da bei Erzieherinnen im Dienst der evangelischen Landeskirche auch die Konfession „passen“ muss, gestalte sich die Suche nach Fachkräften noch schwieriger. Ihm seien Themen wie Inklusion oder die Integration der Flüchtlingskinder ein besonderes Anliegen. Dass gerade diese Familien jetzt durchs Raster fallen, sei ihm bewusst. „Glauben Sir mir, ich leide wie ein Hund.“ Er werde sich bemühen, zumindest bei sozialen Härten noch eine Lösung zu finden.

Extra-Angebot für Vorschulkinder

Anna Wolf hat Glück. Der Sohn der Elternvertreterin ist Vorschulkind und darf weiter kommen. Zumindest für diese Kinder hat der Träger jetzt ein Extra-Programm aufgelegt. Bisher war nicht viel mit Schulvorbereitung. Ab 20. Juni gibt es drei Mal die Woche für anderthalb Stunden ein Angebot mit Blick auf den Schulanfang. Und jeden Freitag einen „Aktionsvormittag“, allerdings in der Kita Noadja in der Goethestraße.

Das Familienzentrum Noadja an der Goethestraße: Hierher sollen die über 40 Kinder aus dem Johannes-Brenz-Haus umziehen.
Das Familienzentrum Noadja an der Goethestraße: Hierher sollen die über 40 Kinder aus dem Johannes-Brenz-Haus umziehen. | Bild: Cuko, Katy

Der wird neue Heimstatt für die Kinder vom Brenz-Haus, das Ende August ganz schließt. Die Hoffnung der Eltern war groß, dass die zwei Gruppen schon jetzt umziehen können. In der Goethestraße gibt es keinen Notbetrieb. Doch die Kita ist für nochmal 40 Kinder nicht ausgerüstet. Zwar hat der Gemeinderat schon im Januar 2019 beschlossen, die Kita Noadja temporär um einen Anbau für zwei Gruppen zu erweitern, um „zeitnah und schnell“ weitere Kitaplätze für die Innenstadt zu schaffen. Doch die Baupläne platzten. Das werde jetzt kurzfristig nachgeholt, erklärt das Rathaus auf Anfrage. Eine Firma wurde bereits beauftragt. Ob der Anbau bis Ende August steht, bleibt abzuwarten.