Im Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Konstanz gehen pro Jahr rund 100 000 Notrufe ein – Anrufe, die mit der Nummer 110 gewählt werden. Polizeioberkommissar Rolf Schnitzler ist einer der Beamten, der diese Anrufe entgegennimmt. Doch nicht immer sind es wahre Notfälle, um die er sich dann kümmern muss. "Die 110 ist zu einer Nummer für Kummer geworden", erzählt Schnitzler von seiner Arbeit.

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15 000 Anrufe pro Jahr sind überflüssig

Denn rund 15 Prozent aller Anrufe sind hamlose Auskunftsersuchen von Bürgern oder echte "Fehlanrufe". In Summe sind das etwa 15 000 Telefonate, die völlig überflüssig wären. Rolf Schnitzler erklärt, dass die 110 tatsächlich nur gewählt werden sollte, wenn "Gefahr für Leib, Leben, Tiere, Sachen oder die öffentliche Ordnung" drohe. Alle anderen Probleme sollten zunächst mit der örtlichen Polizeidienststelle geklärt werden. Er berichtet, dass heute viel schneller bei der 110 angerufen werde als früher. "Jeder hat heute sein Telefon dabei und kaum einer macht sich Gedanken darüber, ob es nicht eine andere Möglichkeit gäbe", erzählt der Polizist.

Polizeirat Volkmar Rees (links), hier mit dem früheren Polizeipräsidenten Ekkehard Falk, im Konstanzer Führungs- und Lagezentrum: Von hier aus werden Streifenwagen in den Einsatz geschickt.
Polizeirat Volkmar Rees (links), hier mit dem früheren Polizeipräsidenten Ekkehard Falk, im Konstanzer Führungs- und Lagezentrum: Von hier aus werden Streifenwagen in den Einsatz geschickt. | Bild: Cuko, Katy

Notrufzentrale ist zum Kummerkasten geworden.

Doch es bleibt wenig Zeit für eingehende Gespräche, denn im Lagezentrum gehen die Anrufe im Sekundentakt ein. In seiner Laufbahn hat der Polizist schon viele Geschichten, die als Notruf eingingen, aber am Ende gar keine waren, erlebt. Hier ein Auszug:

  • Das Kind und das Eis: Weil seine Oma ihm kein Eis kaufen wollte, wählte ein Kind in seiner Verzweiflung die 110. Schnitzler riet ihm, nett zur Oma zu sein, sagte ihm aber auch, dass die Großmutter alleine darüber entscheide, ob ein Eis gekauft werde. Die Polizei könne da nicht weiterhelfen.
  • Der Hubschraubereinsatz: Sobald ein Rettungs- oder Polizeihubschrauber unterwegs ist, glühen im Lagezentrum die Telefondrähte. Besorgte Bürger wollen den Grund dafür wissen und sorgen sich, dass eine größere Straftat passiert ist.
  • Das Wespennest: Eine ältere Dame rief völlig aufgelöst an, weil sie in ihrem Gartenhaus ein Wespennest gefunden hatte. Rolf Schnitzler versuchte ihr zu helfen, schließlich bleibe die Polizei "Freund und Helfer". Doch solch ein Fall sei ganz sicher nicht Sache der Polizei.
  • Die Verkehrsauskunft: "Immer wieder rufen auch Leute an, die wissen wollen, ob es gerade einen Stau gibt", erzählt der Polizist. Jemand, der auf der B31 von Friedrichshafen nach Lindau wollte, fragte allen Ernstes bei der 110 nach – auch dies kein Fall für den Notruf.
  • Der Discobesucher: Beliebt sind auch Anrufe von leicht betrunkenen Discogängern, die vom Türsteher nicht eingelassen werden. "Die wollen dann, dass die Polizei die Sache vor Ort klärt", erzählt der Polizeioberkommissar.
  • Die Mutprobe: Ein "Klassiker" unter den vielen Fehlanrufen sind die Versuche von Kindern, aus einer Telefonzelle heraus die 110 anzurufen. "Das hören wir dann meistens gleich, weil im Hintergrund gekichert wird", erzählt Schnitzler.
  • Die Ruhestörung: Auch in diesem Fall wird heutzutage gerne die 110 gewählt. "Wir raten dann meistens dazu, einmal in Ruhe mit den Nachbarn zu reden", so Schnitzler. Zuständig wäre aber auch in diesem Fall die örtliche Polizeidienststelle, nicht die Notrufzentrale.
  • Das entlaufene Tier: Wird eine Katze oder ein Hund vermisst, ist das für die Halter eine schlimme Sache, gehört aber nicht zu den Fällen, bei denen die 110 die richtige Wahl ist. Auch hier ist ein Anruf bei der Polizeidienststelle angesagt.
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Die Rettungsleitstelle prüft jeden Anruf

Tim Saritas nimmt jeden Anruf ernst – an manchen Tagen 200 pro Schicht. Er ist einer von 40 Notrufsachbearbeitern und Disponenten in der integrierten Rettungsleitstelle. Hier gehen alle medizinischen Notrufe ein und die der Feuerwehr. An diesem Montagmorgen hat der 32-Jährige seit einer halben Stunde Dienst und bereits vier "Hosentaschenanrufe" abgearbeitet. Viele Smartphones haben eine Notruftaste auf dem Sperrbildschirm, die sich in der Tasche bei Reibung gern selbständig aktiviert. Das typisch raschelnde Geräusch oder Gesprächsfetzen deuten zwar oft auf diese unbeabsichtigten Anrufe hin. Doch die Leitstelle muss trotzdem prüfen, ob nicht doch ein Notfall dahinter steckt. "Bitte kurz dranbleiben und die Sache aufklären, kann ja mal passieren", rät Tim Saritas, "dann müssen wir nicht drei Mal zurückrufen."

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Manchmal wird die Polizei eingeschaltet

Viel ärgerlicher sind jedoch Anrufer, die mit Absicht einen falschen Notruf absetzen. Plastisch schildert er, wie ein junger Mann anrief und ganz aufgeregt berichtete, sein Freund sei aus dem zweiten Stock im Treppenhaus abgestürzt und liege bewusstlos mit einer Kopfverletzung am Boden. "Name, Adresse, alles hat gestimmt. Aber der Bewohner saß unverletzt zuhause", erzählt Tim Saritas. Dabei hätte er wetten können, dass der gemeldete Notfall echt war, so authentisch hatte der Anrufer geklungen. In dem Fall wurde die Handynummer des "Schlaubergers", die er korrekt angegeben hatte, mit einer Anzeige an die Polizei weitergeleitet.

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Rettungswagen sind nur für echte Notfälle gedacht

Viel öfter als solche "Scherzkekse" rufen Leute bei der Rettungsleitstelle an, die ganz bewusst vom Notarzt besucht werden wollen – obwohl es kein Notfall ist. Auch hier hat Tim Saritas ein echtes Beispiel parat: Ein Mann hatte seit zwei Wochen eine sicher fiese Nagelbettentzündung am Zeh und rief nachts um 4 Uhr unter Schmerzen an, er brauche dringend einen Arzt. "Manch einer glaubt, dass er dann ins Krankenhaus und mit seinem Problem gleich dran kommt. Aber so funktioniert das nicht", sagt Tim Saritas. Das Verständnis sei oft sehr gering, wenn man den Patienten dann bitte, am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Manch einer gebe sich mit dieser Auskunft auch nicht zufrieden. "Es kommt vor, dass derjenige prompt wieder anruft und nun vorgibt, es sei jemand bewusstlos oder habe starke Brustschmerzen, damit der Notarzt doch kommt." Die wenigsten dieser Zeitgenossen seien sich darüber im Klaren, welche Konsequenzen solch ein vorsätzlicher Fehlanruf haben kann. Ist ein Rettungswagen im Einsatz, ist er für echte Notfälle blockiert.

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