"Notruf, Feuerwehr und Rettungsdienst: Wo genau ist der Notfallort?" Egal, wer im Bodenseekreis, im Landkreis Ravensburg oder Sigmaringen die 112 oder 116117 wählt: Dieser Satz ist der erste, den jeder Anrufer zu hören bekommt. Der zweite lautet: "Sagen Sie mir genau, was passiert ist!" Denn das sind die wichtigsten Informationen, die Rettungskräfte brauchen. So schreibt es das "Priory Dispatch"-Protokoll vor, das international seit Jahrzehnten erprobt ist, in Baden-Württemberg aber nur in der Integrierten Leitstelle Bodensee-Oberschwaben angewandt wird. "Das Abfrage-System per Computer zeigt uns mit hoher Trefferquote, welche Hilfe der Anrufer da draußen vor Ort braucht", erklärt Notrufsachbearbeiter Gero Denner.

Eine Notrufzentrale, zwei Standorte, drei Landkreise

Aber nicht nur wegen der priorisierenden Abfrage ist die Region Bodensee-Oberschwaben im Rettungswesen im Landesmaßstab ein Stück weiter. Hier wird eine Notrufzentrale an zwei Standorten für drei Landkreise betrieben. Mit diesem Konzept sind der medizinische Rettungsdienst und die Feuerwehr in der Region seit Mai mit höchster Ausfallsicherheit im Betrieb. Die integrierte Leitstelle im Landratsamt Friedrichshafen wurde für rund 3 Millionen Euro komplett erneuert und funktioniert seither spiegelgleich zur Leitstelle in Ravensburg. Ausfälle und Störungen können so gegenseitig abgefangen werden. Ist die eine Leitstelle außer Betrieb, werden die Notrufe nahtlos von der anderen bearbeitet. Die DRK Rettungsdienst Bodensee-Oberschwaben gGmbH testet gerade verschiedene Betriebskonzepte, wie Notrufsachbearbeiter und Disponenten in der integrierten Leitstelle am effizientesten eingesetzt werden können, um rund um die Uhr noch schneller Hilfe zu gewährleisten. „Ziel ist, durch die neuen technischen Möglichkeiten und eine bessere Einsatztaktik die Landkreisgrenzen in der Notfallrettung aufzulösen“, erklärt Geschäftsführer Volker Geier. Und das kommt dem Bürger zugute.

Dunja und Volker Geier helfen einer Patientin, die sie mit dem Rettungswagen ins Elisabethenkrankenhaus gebracht haben.
Dunja und Volker Geier helfen einer Patientin, die sie mit dem Rettungswagen ins Elisabethenkrankenhaus gebracht haben. | Bild: Katy Cuko

Rettungswagen wird per GPS geortet

Ein Beispiel: Ging früher ein Notruf aus Eriskirch ein, schickte der Disponent in der Häfler Leitstelle einen Rettungswagen der Wache in Friedrichshafen los. Heute funkt er den an, der am schnellsten am Notfallort ist. Denn der aktuelle Standort jedes Rettungswagens wird dank GPS von der Leitstelle geortet. „Ob dieser RTW in Friedrichshafen, Isny oder Ravensburg stationiert ist, spielt da keine Rolle mehr, wenn es auf Sekunden ankommt“, erklärt Volker Geier.

Mit diesem Konzept ist der Rettungsdienst in der Region Bodensee-Oberschwaben Vorreiter in Baden-Württemberg. Hier stehen die Strukturen im Rettungswesen gerade auf dem Prüfstand und sollen in ein neues Leitstellenkonzept münden. Ziel der Politik: Von derzeit 33 Leitstellen im Land, die teilweise noch im Ein-Mann-Betrieb laufen, sollen deutlich weniger übrig bleiben, die dafür bessere Qualität abliefern. Das hieße: Nicht jede kleine Leitstelle schickt nur „ihre“ Rettungswagen in den Einsatz, sondern eine zentrale Leitstelle kann großräumiger disponieren, was die Eintreffzeit verkürzen kann. Hilfe im Notfall muss in 95 Prozent der Notfälle in zehn, maximal 15 Minuten vor Ort sein. Bei jedem dritten Einsatz landesweit dauert es aber länger als zehn Minuten. Im schwach besiedelten Regionen ist diese sogenannte Hilfsfrist für den Rettungsdienst wegen der Entfernung zur nächsten Wache nicht zu schaffen. Deshalb will die Landesregierung nachjustieren.

Gesamte Palette der Rettungsmittel

Volker Geier kann sich gut vorstellen, dass in der Leitstelle qualifizierte Notrufsachbearbeiter sehr wohl in der Lage sind, auch den kassenärztlichen Notdienst mit abzuwickeln, wie es in mancherorts in Österreich bereits praktiziert wird. „Sie wissen am Ende der Abfrage, welche Hilfe der Patient braucht“, so Geier, der das in einem Pilotprojekt gern unter Beweis stellen würde und dafür politische Mitstreiter sucht. Beließe man auch die Krankentransporte in der Regie der Leitstellen, verfügen die über die gesamte Palette der Rettungsmittel und könnten ärztlichen Notdienst, Krankentransport, Rettungswagen und Notarzt je nach Dringlichkeit zum Patienten oder Notfallort schicken. „Effizienter geht es nicht“, sagt Volker Geier. Diese Forderung stellt auch der Gemeinsame Bundesausschuss im Gesundheitswesen in seiner aktuellen Analyse zur Notfallversorgung in Deutschland auf.

Mindestens 70 Prozent der Anrufe sind keine echten Notfälle

Tatsächlich steigen jedoch die Zahlen landesweit gerade bei Einsätzen der Rettungswagen. 2016 wurden 75 000 RTW-Einsätze mehr als im Jahr zuvor registriert. Dabei geht das DRK davon aus, dass mindestens 70 Prozent davon keine echten Notfälle sind. Diese "Fehleinsätze" belasten das System nicht nur, sie überfordern es. Umso wichtiger wäre es, im Rettungsdienst Strukturen zu schaffen, die Fehlalarmierungen vermeiden – so wie in der Leitstelle Bodensee-Oberschwaben.

Wie ein Notruf bearbeitet wird

40 Notrufsachbearbeiter und Disponenten – tagsüber acht, nachts fünf – leisten in der integrierten Rettungsleitstelle Friedrichshafen/Ravensburg rund um die Uhr Dienst. Wir erklären, was bei einem Notruf passiert.

  1. Worauf muss ich achten, wenn ich den Notruf wähle? „Beantworten Sie möglichst exakt die Fragen, die wir stellen“, sagt Gero Denner. Der Notruf sollte zudem nur gewählt werden, wenn wirklich ein Notfall vorliegt.
  2. Wer entscheidet, ob ein Rettungswagen geschickt wird? Welches Rettungsmittel in welchem Notfall geschickt wird, entscheidet die Leitstelle, aber nicht willkürlich. Die Ausrückordnung ergibt sich aus dem Einsatz-Code, der nach der Notruf-Abfrage im Computersystem hinterlegt ist. Der Disponent alarmiert also genau nach diesem Szenario, das der Einsatz-Code vorgibt.
  3. Wieviele Einsatz-Codes gibt es? Etwa 3600. Sie sind in sechs verschiedene Dringlichkeitsstufen eingeteilt. E(cho)-Codes haben höchste Priorität, weil der Patient nicht mehr atmet oder keinen Puls mehr hat. A(lpha)-Codes haben die niedrigste Stufe, hier wird kein Rettungswagen (RTW) losgeschickt, bei Bedarf aber ein Krankentransport oder der ärztliche Bereitschaftsdienst. Ab B(eta)-Codes aufwärts werden Rettungswagen, wahlweise mit oder ohne Notarzt, alarmiert.
  4. Was passiert, wenn ich einen Notfall melde und der Patient atmet nicht mehr? Dann leitet der Notruf-Sachbearbeiter den Anrufer mithilfe des Dispatcher-Programms leicht verständlich an, wie er den Patienten reanimiert. „Das ist eine Extremsituation für den Anrufer, aber nur die wenigsten wollen dann nicht helfen. Wir haben so schon viele Leben gerettet“, sagt Denner. Pro Jahr werden etwa 400 Reanimationen am Telefon von der Zentrale angeleitet.
  5. Welche Vorteile bietet das Abfrage-Protokoll per Computer? „Das Protokoll liefert uns in jeder Situation die richtigen Worte“, sagt Gero Denner. Den Anrufer etwa dazu zu befähigen, einem fremden Menschen zu helfen oder ihn sogar zu reanimieren, sei „unheimlich schwer“. Selbst Geburten haben die Mitarbeiter schon telefonisch angeleitet. Obendrein sinkt die Fehlerrate, weil der Faktor Mensch in der protokollarischen Notruf-Abfrage ausgeschaltet wird.
  6. Lassen sich mit dem Abfrage-Protokoll Fehleinsätze von Rettungswagen vermeiden? „Vermeiden nicht, aber reduzieren“, sagt Volker Geier. Während im Landesmaßstab die Zahl der RTW-Einsätze von Jahr zu Jahr steigt und 2017 um rund 23 Prozent höher lag als 2014, stagniert die Zahl der RTW-Einsätze in der Region, obwohl der Rettungsdienst Bodensee-Oberschwaben die größte Fläche abdeckt. Stark gestiegen sind nur die Fallzahlen beim Krankentransport, weil bei nicht dringlichen Fällen kein RTW mehr losgeschickt wird. Von rund 225 000 Einsätzen, die die integrierte Leitstelle Oberschwaben 2016 inklusive Feuerwehr und ärztlichem Bereitschaftsdienst bearbeitet hat, wurde in rund 55 000 Fällen der RTW alarmiert. Fakt ist aber auch, dass sich die Zahl der Einsätze binnen sechs Jahren mehr als verdoppelt hat. Das geht auf viele Anrufer zurück, die den Notruf wählen, ohne dass ein Notfall vorliegt.
  7. Wie viele Anrufe gehen täglich ein? Pro Tag nehmen die Notrufsachbearbeiter in der Rettungsleitstelle im Durchschnitt 1265 Anrufe entgegen. Aber nur etwa ein Drittel davon führt zu einer Alarmierung. Es kommt täglich vor, dass sich nach der Annahme des Gesprächs keiner meldet. Typisch sind „Hosentaschen-Anrufe“, bei denen das Smartphone in der Hosentasche aus Versehen den Notruf aktiviert. (kck)