Der Kofferraum des Streifenwagens von Werner Hepp und Sascha Hoffmann platzt aus allen Nähten. Aktenkoffer, Promilletester, Verkehrspylone und ein Besen sind bereits in den Kofferraum der silber-blauen Daimler E-Klasse gestopft. Obendrauf kommen jetzt noch die Jacken und Rucksäcke der beiden Häfler Streifenpolizisten. Sie kommen gerade aus der Dienstbesprechung, die jeden Abend vor der Nachtschicht auf dem Polizeirevier an der Ehlersstraße stattfindet.

Die beiden Polizisten stehen vor einer ganz normalen Nachtschicht an einem verregneten Montag. Ihr Einsatzgebiet zwischen 20 und 6 Uhr morgens ist Friedrichshafen und die Gemeinden im östlichen Bodenseekreis. Das Duo ergänzt sich gut. Hepp, vom Typ her gut gelaunter Familienvater, strahlt seine Berufserfahrung durch demonstrative Gelassenheit aus. Ihm zur Seite steht sein junger Kollege Sascha Hoffmann, der ruhig, aber dennoch bestimmt und selbstbewusst auftritt. Ihr erster Einsatz führt sie um 20 Uhr nach Meckenbeuren. Ein Autofahrer hat beim Abbiegen einen Wagen übersehen. Außer Blechschäden und einem ausgelösten Airbag ist nichts passiert. Als Hepp und Hoffmann eintreffen, haben beide Parteien bereits ihre Versicherungskärtchen ausgetauscht. Für die Polizei bleibt hier nichts weiter zu tun, außer ein paar aufmunternde Worte zu spenden. "Wir schreiben zwar noch einen Bericht", erklärt Werner Hepp. "Aber im Grunde hätte es diese Fahrt nicht gebraucht."

Auf frischer Tat ertappt

Anders sieht es aus, als ein Funkspruch eingeht, dass sich ein Unbekannter an einem Reifenlager in Tettnang zu schaffen macht. Bei einer Kontrollfahrt ist nichts zu sehen. Zurück in Friedrichshafen wartet ein weiterer Routineeinsatz auf Hoffmann und Hepp. Einer jungen Frau muss ein Bescheid über ein Hausverbot in einem Häfler Asylbewerberheim zugestellt werden. Da die Frau nicht zuhause ist, versuchen die beiden Polizisten ihr Glück im Asylbewerberheim. Und werden fündig. Die Dame ist in dem Heim einschlägig bekannt. Einige Hinweise führen Hepp, flankiert von seinem Kollegen Hoffmann, zum richtigen Zimmer im Obergeschoss. Der Raum ist vollgemüllt, schummrig beleuchtet, ein Fernseher plärrt und in der Luft liegt ein extrem starker, verräterischer Geruch. Die gesuchte Frau sitzt zusammen mit dem Zimmerbewohner auf dem Bett. Ganz offenkundig wurde kurz zuvor Cannabis konsumiert.

Mit Händen und Füßen: Die Kommunikation mit ihren "Klienten" ist für Polizisten oft schwierig. Viele der Klienten sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Bild: Kevin Rodgers
Mit Händen und Füßen: Die Kommunikation mit ihren "Klienten" ist für Polizisten oft schwierig. Viele der Klienten sind der deutschen Sprache nicht mächtig. | Bild: Kevin Rodgers

Dass in einem Flüchtlingsheim Drogen konsumiert werden, ist für die beiden Beamten keine Überraschung. "Man kann die Drogen verschiedenen Nationalitäten zuordnen", erklärt Hepp. "Das ist ganz klar verteilt. Die Ghanaer handeln zum Beispiel mit Kokain." Hepp möchte gerade zur Kontrolle der beiden ansetzen, als ein erneuter Funkspruch eingeht, dass der Unbekannte wieder am Reifenlager aufgetaucht ist.

Jetzt muss es schnell gehen. Mit Blaulicht und Tempo 100 braust der Polizei-Mercedes durch die verregneten Straßen von Tettnang. Ein zweiter Streifenwagen ist ebenfalls unterwegs. Zu viert machen sie sich auf die Suche. Und werden erneut fündig. Sie treffen auf einen jungen Mann, der ein paar Altreifen zum unerlaubten Abtransport aufgebaut hat. Werner Hepp regelt die Angelegenheit pragmatisch. Sie begleiten den Mann nach Hause. Und auch dort erweist sich der Spürsinn der Polizisten als richtig. Sechs alte Reifen finden sie, versteckt in einer Scheune. Prompt wird der sichtlich reumütige Täter verdonnert, das Diebesgut unter Aufsicht zurückzubringen. "Die hätte er bestimmt umsonst bekommen, wenn er gefragt hätte. Aber einfach stibitzen geht natürlich nicht", so Hepp. Auf den Mann wartet nun eine Anzeige, die wahrscheinlich eingestellt wird, da er keinen Wohnsitz in Deutschland hat.

Ab 1 Uhr morgens wird es ruhig. Wer jetzt noch auf den Straßen unterwegs ist, bewirbt sich für eine Alkoholkontrolle. Zwei Autos und die Fahrer werden an diesem Abend kontrolliert. Beides Mal derselbe nervöse Satz: "I han nur oi Bierle trunke!" Während das beim ersten Fahrer mit einem Promillewert von 0,3 übereinstimmt, muss ein BMW-Fahrer mit auf die Wache. 0,6 Promille sind zu viel. Auf der Wache wird ein zweiter Test gemacht, der das Ergebnis bestätigt. Das bedeutet 500 Euro Geldstrafe, zwei Punkte in Flensburg und ein Monat Fahrverbot.

90 Prozent Migrationshintergrund

Einen Gutteil der Arbeitszeit verbringen Hoffmann und Hepp im Auto. Viele Aspekte ihrer Arbeit stimmen sie nachdenklich. "90 Prozent unserer Klienten haben keinen deutschen Pass. Bei Alkohol am Steuer ist es umgekehrt", sagt Werner Hepp mit einem Schmunzeln. "Die Kriminalstatistiken sind niedriger, weil wir nicht jeden gleich verhaften. Aber diejenigen, mit denen wir es auf der Straße zu tun haben, haben fast alle einen Migrationshintergrund." Sascha Hoffmann stimmt zu. "Wir merken auch, dass die Aggressivität und die Respektlosigkeit gegenüber uns Polizisten zugenommen hat. Und zwar nicht nur von Asylbewerbern." Dennoch machen sich beide Gedanken, ob die Flüchtlingspolitik richtig gewesen ist. Trotzdem scheren sie niemanden über einen Kamm. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen. "Ich war lange bei der Bereitschaftspolizei", erklärt Sascha Hoffmann. "Wenn du eine Demo von Linken beschützen sollst und die dich im Gegenzug angreifen und beleidigen, dann stimmt etwas in unserer Gesellschaft nicht mehr."

Wie viel bei der Polizei nicht mehr stimmt – davon kann auch Polizeihauptkommissar Peter Sohn berichten. Er koordiniert an diesem Abend die Einsätze von der Wache aus. "Wir haben viel zu wenig Personal und operieren meist an der untersten Grenze", sagt Sohn. "Oder wann haben Sie zuletzt die Polizei Streife laufen sehen?" Gerade einmal drei Streifen sind an diesem Abend zwischen Meersburg und Tettnang unterwegs, Friedrichshafen inklusive. Die anderen Streifenwagen bleiben an diesem Abend ungenutzt in der Garage. Manch ein Kollege habe sein Stundenpensum bereits Ende Oktober erreicht, Pausen fallen oft aus.

Hauptkommissar Peter Sohn hält Kontakt und koordiniert von der Wache an der Ehlersstraße aus die Einsätze seiner Kollegen. <em>Bild: Kevin Rodgers</em>
Hauptkommissar Peter Sohn hält Kontakt und koordiniert von der Wache an der Ehlersstraße aus die Einsätze seiner Kollegen. | Bild: Kevin Rodgers

Sorgen macht Peter Sohn sich auch um die Zukunft. "Demnächst geht ein Drittel der Belegschaft in Pension. Ich weiß nicht, wie das kompensiert werden soll." Die Polizei sei heute kein attraktiver Arbeitgeber mehr. "Die Kollegen im Streifendienst bekommen alles ab und werden verhältnismäßig schlecht bezahlt", erzählt Sohn. "Der Bürger sieht nur, dass wir mit dem neuesten Daimler durch die Gegend fahren. Die denken sich natürlich, dass es der Polizei gut geht."

Anerkennung und Respekt fehlen

Dabei täuscht der Eindruck. "Viele Kollegen kaufen sich Teile ihrer Ausrüstung privat dazu, weil die offizielle Ausrüstung in der Praxis nichts taugt", berichtet Sascha Hoffmann. Als Beispiele nennt er Taschenlampen und Handschuhe. Auch die Wache auf der Ehlersstraße hat die besten Tage weit hinter sich. Die Aktenschränke wurden in den 1960er-Jahren vom Häfler Finanzamt gebraucht übernommen. Der Sticker des Amtes klebt noch immer auf der Rückseite der Schränke. "Das letzte Mal, als wirklich in die Polizei investiert wurde, war zur Zeiten der RAF. Da hat man investiert. Seitdem wurde von allen Landesregierungen nur gestrichen, mal mehr –mal weniger", sagt Sohn.

Alle drei Polizisten wünschen sich mehr Anerkennung, Respekt und Rückendeckung von der Landesregierung als Dienstherr und vor allem von der Gesellschaft selbst. "Das Klima ist rauer geworden", berichtet Peter Sohn. "Die Polizei wird beschimpft und beleidigt, teilweise bespuckt. Vor allem am Bahnhof treibt sich mittlerweile ein übles Pack herum, man kann es nicht anders sagen. Die rufen dann Verstärkung und dann sind selbst vier oder sechs Polizisten schnell in der Unterzahl." Alle drei Wünschen sich mehr Autorität der Staatsmacht und spürbare Strafen, die vor allem zügig ausgesprochen werden. "Wenn wir einen Taschendieb zum x-ten Mal schnappen, dann lacht der uns aus, weil wir ihn gehen lassen müssen", sagt Werner Hepp. "Der winkt uns zu und sagt dann: Bis zum nächsten Mal!"