Der Prozess, die gemeindlichen Strukturen so zu gestalten, dass Menschen möglichst selbstständig in ihrem gewohnten Umfeld altern können, kommt in Frickingen mächtig ins Rollen. Bereits zum dritten Pflegekonferenz-Termin kamen 50 Bürger, die aktiv mitwirken wollen. Nach dem Projektstart im Mai, einer Bedürfnisabfrage im Sommer und der Vorstellung der Ergebnisse sowie eines Bürgerkonzepts aus dem Schwarzwald Ende Oktober freuten sich Bürgermeister Jürgen Stukle, die Projektverantwortliche Birgit Bergmüller und Wiltrud Bolien vom Kooperationspartner, dem Landratsamt des Kreises, über den raschen Erfolg.

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Alexander Hölsch vom Freiburger Verein „SPES Zukunftsmodelle“ moderierte das Zusammenfinden von Arbeitsgruppen. Der in der Gemeinde- und Quartiersentwicklung erfahrene Diplompsychologe stieß in der Festhalle auf eine engagierte Zuhörerschaft. Von ihm angeleitet, kamen die Zuhörer in kleinen „Murmelgruppen“ zusammen, um sich und ihre Beweggründe vorzustellen. Später bildeten sie Interessengruppen und suchten nach Zielvorgaben für einen gemeinsamen Weg.

Dass die Wegstrecke unter Umständen lang sein könne, unterstrich Psychologe Hölsch auch mit Blick auf die beim Pflegekonferenz-Gespräch im Oktober vorgestellte Schwarzwälder Bürgergemeinschaft Oberried. Die von Referentin Lucia Eitenbichler dargestellte, selbstständige Pflegewohngemeinschaft in geschützter Umgebung sei nur das Ergebnis gewesen. Bis es soweit war, seien rund zehn Jahre vergangen, sagte Hölsch. Wie lange ein Umgestaltungsprozess in Frickingen dauert, kann gemäß Hölsch noch nicht vorhergesehen werden.

Drei Themen liegen Bürgern besonders am Herzen

Die Frage nach dem Wohin wurde laut den Fragebogenergebnissen aber auf drei Kernthemen festgelegt: altersgerechtes Wohnen, zusätzliche Pflege- und Betreuungsangebote sowie Mobilität. Die Teilnehmer bildeten dazu drei Arbeitsgruppen. Zu ihren Gruppensprechern bestimmten sie Charles Nestelhut, Vorstandsmitglied des genossenschaftlich organisierten Seniorenzentrums, Astrid Hermann, Sozialpädagogin und pflegende Angehörige, sowie den interessierten Bürger Michael Beer.

Alexander Hölsch von „SPES Zukunftsmodelle“ (rechts) informiert sich bei Karl-Heinz Hofele, Jürgen Wulf, Charles Nestelhut und Veronika Keller über ihr genossenschaftliches Zusammenleben.
Alexander Hölsch von „SPES Zukunftsmodelle“ (rechts) informiert sich bei Karl-Heinz Hofele, Jürgen Wulf, Charles Nestelhut und Veronika Keller über ihr genossenschaftliches Zusammenleben. | Bild: Martina Wolters

Camphill bietet Hilfe in verschiedenen Bereichen an

Die Gruppentreffen bis zur nächsten großen Zusammenkunft Anfang des kommenden Jahres sollen von den Teilnehmern selbst organisiert werden. Wiltrud Bolien bleibt Ansprechpartnerin bei Fragen oder Problemen. Wer sich noch für eine Mitarbeit interessiert, kann sich im Rathaus melden. Inge Schnell von den Camphill Ausbildungen, bot an, die Zusammenkünfte, wenn gewünscht, in den Schulräumen umzusetzen. Ferner betonte sie die Bereitschaft von Institutionsseite, mit aktiv zu werden. Die Geschäftsführerin konnte sich vorstellen, dass Camphill in den Bereichen Qualifizierung von Ehrenamtlichen oder dem Aufbau von Patenschaften zwischen jüngeren und älteren Menschen tätig werden könnte.

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„Ich bin überzeugt, dass wir auch bei uns in der Gemeinde passende Strukturen aufbauen, die verschiedenen Generationen ein gutes Miteinander ermöglichen“, meinte Bürgermeister Jürgen Stukle. Wie viele der Teilnehmer konnte sich Stukle vorstellen, Vorhandenes wie die „Miteinander Bürger-Selbsthilfe“ sowie das genossenschaftliche Seniorenwohnen auszubauen. Mancher Mitwirkender wünschte sich, in einer selbstverantwortlichen Pflege-WG nach dem Oberrieder Modell alt zu werden. Das Angebot von hauswirtschaftlichen Diensten wie Putzen und Waschen erachteten einige Besucher als wichtig.

Fahrgemeinschaften und Begegnungsmöglichkeit?

Von Michael Schlageter und Hubert Keller kam der Anstoß, im Bereich Mobilität auf verschiedene Modelle wie Carsharing oder Fahrgemeinschaften für unterschiedliche Bedürfnisse je nach Alter zurückzugreifen. Ursula und Jürgen Wulf unterstützten einen Bürgerbus. „Wenn man alt wird, braucht man viele Ärzte und muss von Frickingen aus viele Kilometer zurücklegen“, erklärten die Wulfs. Der Frickingerin Regina Grundler war es wichtig, neben einer Tagespflege auch eine Begegnungsmöglichkeit einzurichten, um Einsamkeit vorzubeugen.

Bärbel Meier-Wichmann, stellvertretende Koordinatorin der Hospizgruppe Salem, wünschte sich Möglichkeiten, wo Senioren sich und ihre Erfahrungen einbringen könnten. Astrid Hermann schlug vor, in den Gruppen eine Prioritätenliste auszuarbeiten, um der Bandbreite an Themen gerecht zu werden. Von Erich Hellmuth aus Überlingen kam neben dem Wunsch nach Mehrgenerationswohnen auch ein dickes Lob an die Gemeinde. “Es ist fantastisch, dass das Thema gutes Leben bis ins hohe Alter in Frickingen so beackert wird“, sagte der bildende Künstler.

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