Um 9 Uhr vormittags stehen 15 Mitarbeiter und Auszubildende vom Berggasthof Höchsten um Hans-Peter und Regina Kleemann auf einem riesigen Spargelfeld von Obstbauer Rolf Haller zunächst noch etwas unschlüssig herum. Der Himmel ist leicht bewölkt, die Erde auf dem Feld relativ trocken und aus einer abgedeckten Spargelreihe lugen die zarten Köpfchen des Spargels weiß aus den angehäuften Spargeldämmen. Beste Voraussetzungen also für die neuen Spargelstecher.

Das könnte Sie auch interessieren

Der polnische Vorarbeiter Thomas, der jedes Jahr als Erntehelfer bei Haller aktiv ist, erklärt, wie der Spargel geerntet wird: Dazu wird die Erde um den Spargel etwas entfernt und mit einem speziellen Stechmesser wird die Stange abgestochen. Anschließend wird die Erde wieder in das entstandene Loch gefüllt und weiter geht es zur nächsten Stange.

Regionale Produkte schätzen lernen

Dann sind die Helfer dran: Für die Ausbildungsleiterin vom Höchsten, Anja Kissner, ist es das erste Mal, dass sie Spargel sticht und sie ist zufrieden: „Ich glaube ich bin sehr talentiert und ich habe ja auch einen Garten zuhause.“ Und sie betont, es sei wichtig, sich der Krise anzupassen und flexibel zu sein. Gerade für Auszubildende sei es gut, die Bauern zu unterstützen und zu schätzen, dass frische Produkte aus der Region kommen.

Elena Ott aus der Küche auf dem Höchsten hat den Bogen schnell raus und erntet prächtige Spargelstangen.
Elena Ott aus der Küche auf dem Höchsten hat den Bogen schnell raus und erntet prächtige Spargelstangen. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Elena Ott, die auf 450-Euro-Basis in der Küche des Gasthofs arbeitet, ist fröhlich bei der Arbeit, weil sie endlich wieder etwas tun kann und das Team unterstützen möchte. Und sie stellt fest: „Wenn man das länger macht, dann geht das schon ganz schön in den Rücken.“

Anfänglich noch etwas Probleme beim Stechen hat der Auszubildende Enrico Valienano: „Das ist schon cool, wenn man das mal selbst machen kann. Ich bin noch nicht so professionell, aber schauen wir mal.“

Die Koch-Auszubildenden Sebastian von Lepel (links) und Enrico Valienano haben viel Spaß bei der Spargelernte und halten den erforderlichen Abstand.
Die Koch-Auszubildenden Sebastian von Lepel (links) und Enrico Valienano haben viel Spaß bei der Spargelernte und halten den erforderlichen Abstand. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Und wie ist es zu der Aktion gekommen? Der Berggasthof Höchsten ist wegen der Corona-Krise geschlossen und die Mitarbeiter sind überwiegend in Kurzarbeit. In der Landwirtschaft wiederum fehlen aktuell Erntehelfer. Das brachte Höchstenwirt Hans-Peter Kleemann, seinen Küchenchef George Ferenczi und Ausbildungsleiterin Anja Kissner auf die Idee, die sich als Win-win-Situation herausstellt: Die „zwangsarbeitslosen“ Mitarbeiter des Berggasthofs bekommen so eine wichtige Aufgabe und Rolf Haller vom gleichnamigen Spargelhof erhält aktive Unterstützung bei der Spargelernte.

Von der Idee, Spargel zu stechen und den dann in der Küche des Berggasthofs zu Oster-Menüs zum Abholen zusammenzustellen, seien die Mitarbeiter gleich begeistert gewesen, erzählt Hans-Peter Kleemann: „Von meinen 80 Mitarbeitern waren fast alle sofort dafür, damit sie endlich wieder etwas Aktives machen können. Organisatorisch und wegen der Vorschriften können wir jedoch nur etwa 15 Mitarbeiter mitnehmen, da sie ja höchstens zu zweit im Auto fahren dürfen. Auch unsere sieben Auszubildenden freuen sich riesig, diese Erfahrung machen zu dürfen.“

Rund 40 Kilogramm Spargel hat das Team vom Höchsten gestochen. Weniger attraktive Stangen werden geschnitten als Einlage in Spargelsuppe verwendet.
Rund 40 Kilogramm Spargel hat das Team vom Höchsten gestochen. Weniger attraktive Stangen werden geschnitten als Einlage in Spargelsuppe verwendet. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Mundschutz aus Bettlaken

Und auch in Sachen Schutzausrüstung ist man aktiv: „Den Mundschutz fertigt unser ungarischer Mitarbeiter Janosch nach vorgegebenem Schnittmuster aus Bettlaken, die wir im Moment nicht brauchen. Er ist bei uns zwar hauptsächlich Spüler, doch er ist ursprünglich Schneidermeister und hat vier professionelle Nähmaschinen, mit denen er bei uns alle Näharbeiten macht. Von der Reparatur sämtlicher Wäschestücke bis zu der Herstellung von Sitzbezügen und Sofaüberzügen. Das Höchsten-Logo auf den Mundschutz stickt unser Koch-Auszubildender Sebastian zu Hause, da sein Vater auch einen professionellen Nähbetrieb mit computergesteuerten Nähmaschinen hat.“