Quasi von heute auf morgen waren die Grenzen zwischen Deutschland und Österreich so gut wie unpassierbar geworden. Am Sonntag konnte man als Deutscher beispielsweise noch auf dem Pfänder, dem Bregenzer Hausberg, wandern, oder die Vorarlberger kamen zum Einkaufen nach Lindau oder Friedrichshafen. Das war dann allerdings mit der Schließung der Grenzen schlagartig vorbei.

Auch für Lindaus Oberbürgermeisterin Claudia Alfons, die erst seit Mai im Amt ist, fielen damit die Wanderung auf den Pfänder weg – „mit dem wunderbaren Blick auf Lindau„. Auch der Bummel durch Bregenz sowie die gute österreichische Küche und Konditorkunst zur Belohnung haben ihr gefehlt.

Treffen sich wieder, wenn auch noch mit dem notwendigen Abstand: Lindaus Oberbürgermeisterin Claudia Alfons und ihr Bregenzer Amtskollege Markus Linhart.
Treffen sich wieder, wenn auch noch mit dem notwendigen Abstand: Lindaus Oberbürgermeisterin Claudia Alfons und ihr Bregenzer Amtskollege Markus Linhart. | Bild: privat

Nachbarn wie Bregenz und Lindau kann es uns nur gut gehen, wenn es dem anderen gut geht

Claudia Alfons erklärt aber auch, dass uns selbstverständlich viel mehr mit unseren Nachbarn verbindet: „Die vielen guten Lösungen, gerade im Kulturbereich oder was Mobilität anbelangt. Da können wir uns noch einiges abgucken.“ Persönlich schätze sie ihre Lässigkeit und ihren Humor. „Als unmittelbare Nachbarn, wie Bregenz und Lindau es sind, kann es uns nur gut gehen, wenn es dem anderen gut geht“, sagt Alfons. „Dazu stehen wir vor vielen gemeinsamen Herausforderungen: Wir leben vom Tourismus, auch in Form von Kultur und Tagungen; der See – den wir alle sehr lieben – begrenzt zugleich unser Stadtgebiet auf 180 Grad und erfordert daher besonders intelligente Lösungen für die Verkehrslenkung. Hier können wir uns künftig noch besser vernetzen und unterstützen.“

Landeshauptmann Markus Wallner (Mitte) bei einer Pressekonferenz zur Corona-Krise.
Landeshauptmann Markus Wallner (Mitte) bei einer Pressekonferenz zur Corona-Krise. | Bild: Susanne Hogl

Vorarlbergs Landeshauptmann machte sich für rasche Grenzöffnung stark

Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner hat sich in den Zeiten der Grenzschließungen, als Lebenspartner einander teilweise nicht besuchen konnten und die Grenzen zeitweise nur einseitig passierbar waren, gemeinsam mit den Landräten rund um den Bodensee für eine rasche Grenzöffnung stark gemacht: „Seit dem Beitritt zur EU hat sich das Exportvolumen Vorarlbergs mehr als verdreifacht und jeder zweite Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Export ab“, sagt Wallner.

Das könnte Sie auch interessieren

Offene Grenzen sind für den Wirtschaftraum, aber auch für die Menschen enorm wichtig

Die Grenzschließungen hätten sehr klar aufgezeigt, wie stark die Bodenseeregion inzwischen zusammengewachsen ist und die gute Entwicklung unseres Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraums im Herzen Europas ist eine gemeinschaftliche Leistung, die von allen Seiten mitgetragen wird. „Wenn uns als Bodenseeregion die Corona-Krise etwas lehrt, dann, dass offene Grenzen rund um den Bodensee für den Wirtschaftraum, aber auch für die Menschen enorm wichtig sind. Als aktueller Vorsitzender der Internationalen Bodensee Konferenz (IBK) habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Kantone und Länder rund um den See auch in dieser Ausnahmesituation ständigen Kontakt gehalten haben und bei der Eindämmung des Coronavirus eng abgestimmt vorgegangen sind.“

Drei Monate lang war die Lindauer Insel für Vorarlberger und der Pfänder in Bregenz für Deutsche ein unerreichbares Sehnsuchtsziel.
Drei Monate lang war die Lindauer Insel für Vorarlberger und der Pfänder in Bregenz für Deutsche ein unerreichbares Sehnsuchtsziel. | Bild: Susanne Hogl

Wie stark die Bindungen über die Grenzen hinweg sind, hat die Krise gezeigt

Lindaus Landrat Elmar Stegmann meint dazu: „Mit unseren österreichischen Nachbarn verbindet uns eine seit Jahren gewachsene, vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit. Unsere Region ist zusammengewachsen – und zwar auf der persönlichen Ebene ebenso wie auf der wirtschaftlichen oder politischen.“ Wie stark die Bindungen über die Grenzen hinweg seien, das habe die Grenzschließung während der Corona-Pandemie gezeigt: „Familien und Lebenspartnerschaften waren plötzlich getrennt, Freunde konnten nicht mehr gegenseitig besucht werden, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten sind vorübergehend weggefallen.“

Lindaus Landrat Elmar Stegmann hatte sich immer für rasche Grenzöffnungen eingesetzt, allerdings zunächst vergeblich.
Lindaus Landrat Elmar Stegmann hatte sich immer für rasche Grenzöffnungen eingesetzt, allerdings zunächst vergeblich. | Bild: Susanne Hogl

Verflechtungen gerade mit Vorarlberg sind mittlerweile vielfältig

Seit Jahren würden viele Menschen rund um den See in unterschiedlichen Gremien zusammenarbeiten, um die Region noch weiter zu stärken und ihre natürlich Schönheit für Einheimische und Gäste zu erhalten, aber auch, um die Region als Wirtschaftsstandort zu vermarkten. „Die Verflechtungen gerade auch mit dem Land Vorarlberg sind mittlerweile so vielfältig, dass die Grenzen de facto nicht mehr zu spüren waren. Das Miteinander ist dabei immer wertschätzend und offen und immer von dem Willen geprägt, gemeinsam etwas zu erreichen. Dies schätze ich sehr. Nun bin ich froh, dass die Grenzen wieder geöffnet sind und wir Freunde, Geschäftspartner oder Familienmitglieder wieder ohne Einschränkung besuchen können.“

Das könnte Sie auch interessieren
„Wir sprechen trotz vieler verschiedener Dialekte dieselbe Sprache.“
Markus Linhart, Bürgermeister in Bregenz

Markus Linhart, Bürgermeister in Bregenz, sagt über die enge Verbindung in der Region: „Wir sprechen trotz vieler verschiedener Dialekte dieselbe Sprache, beantworten gesellschaftspolitische Herausforderungen ähnlich.“ Deshalb klappten die Verständigung und Zusammenarbeit auch so gut. „Es ist gut, dass wir wissen, was uns verbindet und was uns unterscheidet.“ In der Zeit der Grenzschließungen habe ihm vor allem der persönliche Austausch mit den Nachbarn gefehlt. „Telefon, E-Mail, Skype und Ähnliches sind zwar gute und absolut notwendige Werkzeuge, können aber direkte Begegnungen nicht ersetzen.“

Geschlossene Grenzen als surrealer Anblick

Nicht nur in der Politik und im Wirtschaftsleben veränderten die Grenzschließungen einiges, auch im Privatleben waren Freunde, Bekannte und Familie auf der anderen Seite einer Grenze plötzlich nicht mehr erreichbar. Florian Daiber, Business- und Lifecoach aus Eriskirch und Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Lindau-Westallgäu, empfand die geschlossenen Grenzen etwa als surrealen Anblick, der ihn fast an DDR-Zeiten erinnerte: „Liebe Menschen, ob Freunde oder Familie, nicht mehr besuchen zu dürfen, war sehr bedrückend, so gar nicht mehr passend in unsere Zeit“, sagt Daiber.

Florian Daiber hat in den Zeiten der Grenzschließung seine Freunde in Österreich vermisst.
Florian Daiber hat in den Zeiten der Grenzschließung seine Freunde in Österreich vermisst. | Bild: Susnane Hogl

Die gebürtige Münchnerin Michaela Möth, die schon lange in Bregenz lebt, hat auch so einiges vermisst: „Mir hat die Freiheit gefehlt, man konnte nicht einfach schnell über den See ans andere Ufer, das hat mich mental belastet und natürlich auch die Tatsache, Freunde monatelang nicht persönlich treffen zu können.“ Ähnlich hat die Dornbirnerin Le Chun Ye die Zeit der Grenzschließungen empfunden: „ Auch wenn ich gar nicht so oft in Deutschland bin, fand ich die Zeit doch schwierig und ich habe die Situation als psychisch belastend empfunden.“

Beliebte Wanderziele wie die Rappenlochschlucht bei Dornbirn waren für Deutsche drei Monate lang weit entfernt.
Beliebte Wanderziele wie die Rappenlochschlucht bei Dornbirn waren für Deutsche drei Monate lang weit entfernt. | Bild: Susanne Hogl