Lara Keller hat sich für beide Welten entschieden: Sie hat das Abitur und macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau im Handwerksbetrieb ihres Vaters. „Ich wollte nicht von der Schule gleich wieder ins reine Lernen und außerdem mögen es Arbeitgeber, wenn man Berufspraxis hat“, sagt sie. Sie schätzt die Abwechslung und den Bezug zur Praxis. „In der Schule wusste ich manchmal nicht, wozu das gut ist, was ich da lerne. In der Berufsschule lerne ich viel lieber, weil ich die Anwendung im Beruf habe.“ Auch dass sie schon ihr eigenes Geld verdient, gefällt ihr. „Man startet voll ins Leben.“ Nach der Ausbildung kann sie sich ein Studium vorstellen, etwa Betriebswirtschaftslehrer (BWL).

Handwerkskammer: 14 Prozent mehr Azubis mit Abi

Durch ihr Abitur kann sie die Ausbildung ein halbes Jahr verkürzen. Diesen Weg wählen immer mehr junge Menschen: Von den 6500 bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben eingetragenen Auszubildenden hat ein Drittel die allgemeine Hochschulreife. Die Handwerkskammer Ulm verzeichnet 2018 ein Plus von 14 Prozent bei Azubis mit Abitur.

Viele sparen sich Umweg über Abitur

Viele sparen sich den Umweg: Nur ein Viertel der Schulabgänger im Bodenseekreis macht Abitur. Während Pisa-Gutachter die Abiturientenquote als Maßstab für gute Bildung werten, sehen Industrie und Handwerk das anders. Markus Brunnbauer, Leiter des IHK-Bereichs Ausbildung, sagt: „Unsere regionalen Wirtschaftsunternehmen leiden unter Fachkräftemangel. Ihren Bedarf versuchen sie größtenteils über die duale Berufsausbildung zu decken. Die Chancen für Auszubildende – egal mit welcher Vorbildung – könnten nicht besser sein.“

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Der Vater von Lara Keller meint: „Jeder junge Mensch muss seinen Weg wählen, das ist individuell, da sollte niemand Druck machen.“ Alfred Keller bildet in seinem Betrieb für Sanitär, Heizung, Klima fünf Berufe aus: Anlagenbau Sanitär, Heizung und Klima sowie Klempner und Büromanagement im Handwerk. „Mit einer dualen Ausbildung stehen den jungen Leuten alle Wege offen“, sagt er. „Ich habe mich mit 21 Jahren selbstständig gemacht.“ Einen Vorteil sieht er für die Persönlichkeitsbildung: „Es kann das Selbstwertgefühl eines Jugendlichen sehr fördern, wenn er eigenständig Aufgaben übernimmt.“

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"Kopf Herz Hand" hilft jugendlichen Schulverweigerern

Schwierig wird es für Schüler, die den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Zwar können sie sich auch um eine Ausbildung bewerben. „Aber meistens liegt es nicht an der fachlichen Eignung“, sagt der Pädagoge Jens Weigand vom Verein „Kopf Herz Hand“. Dieser ging aus der Pestalozzischule in Friedrichshafen hervor. Er kümmert sich um schulentfremdete Jugendliche und Schulverweigerer, um sie wieder in das Schulsystem oder die Arbeitswelt zu integrieren. Hinter Schulabbrüchen stehen häufig Suchtproblematiken oder psychische Krankheiten in der Familie, Misshandlung oder emotionale Vernachlässigung.

Heilerzieher Claudio Morgenstern (links) und Lehrer Jens Weigand bereiten in der Werkstatt von "Kopf Herz Hand" Unterrichtseinheiten vor.
Heilerzieher Claudio Morgenstern (links) und Lehrer Jens Weigand bereiten in der Werkstatt von "Kopf Herz Hand" Unterrichtseinheiten vor. | Bild: Corinna Raupach

Dass gerade im Bodenseekreis so viele Jugendliche betroffen sind, erklärt er so: „Es gibt viel Schichtarbeit, da können sich Familien nicht so intensiv um ihre Kinder kümmern. Familienstrukturen brechen auseinander, viele Jugendliche wachsen ohne Väter auf. Und wir haben hier einen sehr leichten Zugang zu Betäubungsmitteln.“ Bei "Kopf Herz Hand" bekommen diese Jugendlichen eine neue Chance. Mit Beziehungsaufbau, festen Strukturen, handwerklichen Tätigkeiten und Elternarbeit unterstützt das vierköpfige Team sie dabei, wieder Fuß zu fassen.

Viele Wege führen zu einem guten Job

Lange galt das Abitur als einziger Weg zum Studium und einem gut bezahlten Job. Das ist längst anders. Meister oder Techniker in der Industrie können mehr verdienen als Bauingenieure, Maler mehr als Designer und selbstständige Handwerker mehr als Lehrer.

Auch sind Abitur und Fachabitur nicht mehr die einzigen Voraussetzungen für ein Studium: Der Meisterbrief ist der allgemeinen Hochschulreife gleichgestellt. Meister können sich an allen Hochschulen für alle Studiengänge bewerben. Dasselbe gilt für Fortbildungsabschlüsse wie Fachwirt, Techniker oder Betriebswirt. Nach Abschluss einer mindestens zweijährigen Ausbildung und drei Jahren Berufserfahrung ist ein Studium in einer verwandten Fachrichtung möglich. Grundsätzlich hat die Ausbildung vor dem Studium den Vorteil, dass damit manche Praktika im Studium abgegolten sind.

Karrieren sind schon mit einer dualen Ausbildung möglich: In der Ausbildung können Zusatzqualifikationen wie Auslandsaufenthalte oder im IT-Bereich erworben werden. Auf die Ausbildung kann die Vorbereitung auf die Meister- oder Technikerprüfung folgen. Wer mit 15 oder 16 Jahren anfängt, kann sich mit 20 selbstständig machen, studieren oder berufliche Weiterbildungen wie die zum geprüften Betriebswirt anstreben. Die Wahrscheinlichkeit, im Berufsfeld zu bleiben, ist für beruflich Ausgebildete sogar höher als für Akademiker. (cor)