Sie sind am Bahnhof zu finden, in den Uferanlagen, am Hinteren Hafen. Vorwiegend junge Menschen, die miteinander „abhängen“, ihre Zeit totschlagen, oft angetrunken sind, manchmal Leute anpöbeln. Jugendliche, die Schule oder Ausbildung abgebrochen haben, auf der Straße leben, überschuldet und oft orientierungslos sind, kurz: der Gesellschaft den Rücken gekehrt haben. „Diese Probleme werden im öffentlichen Raum immer sichtbarer. Da entstehen auch Ängste“, weiß Florian Nägele. Er ist Streetworker der „ersten Stunde“ in Friedrichshafen und kennt die Klientel auf der Straße seit zehn Jahren. So lange ist er bereits unter dem Dach des Ravensburger Vereins Arkade als Straßensozialarbeiter unterwegs, um diesen jungen Menschen in Krisen einen Ausweg aufzuzeigen.

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"Voraussetzungen für unsere Arbeit hier sind außergewöhnlich"

Nägeles erster Auftrag 2008 war, Kontakte zur rechtsextremen Skinhead- und Rockerszene aufzubauen. "Solch eine fest umschlossene Szene wie damals gibt es heute nicht“, sagt Florian Nägele. Da stehen ganz unterschiedliche Zielgruppen im Fokus. Inzwischen gibt es 2,8 Stellen für Streetwork in der Stadt, wobei eine halbe Stelle für die Betreuung von Sexarbeiterinnen da ist. „Die Voraussetzungen für unsere Arbeit hier sind außergewöhnlich. Das findet man so kein zweites Mal in Baden-Württemberg“, sagt Florian Nägele, der nicht nur die mobile Sozialarbeit, sondern auch den Bereich Wohnungslosenhilfe bei der Arkade verantwortet. Zusammen mit dem Dornahof ist eine Clearingstelle im Aufbau, die Obdachlose schnellstmöglich wieder raus aus der Notunterkunft im „K7“ in der Keplerstraße bringen will. Kein Dach mehr über dem Kopf: Aus Sicht des Streetworkers heute mit ein Hauptgrund, warum selbst junge Menschen abrutschen und auf die schiefe Bahn geraten. Etwa 25 bis 35 Heranwachsende mit prekären Wohnverhältnissen betreuen sie aktuell.

Kochen am Lagerfeuer vor der Jurte gehörte zum Programm im "oberschwäbischen Dschungelcamp", das die Häfler Streetworker zusammen mit dem Verein Phönixzeit im Sommer 2018 für orientungslose Jugendliche organisiert haben.
Kochen am Lagerfeuer vor der Jurte gehörte zum Programm im "oberschwäbischen Dschungelcamp", das die Häfler Streetworker zusammen mit dem Verein Phönixzeit im Sommer 2018 für orientungslose Jugendliche organisiert haben. | Bild: Cuko, Katy

Allein 2016 wurden 200 junge Menschen begleitet

Mehr als ein Dutzend Tätigkeitsberichte haben die Streetworker in diesen zehn Jahren geschrieben, sie Rathaus und Gemeinderat zur Kenntnis gegeben – viele Jahre lang nicht öffentlich. Aber das Bewusstsein wuchs, dass es ohne die mobilen Sozialarbeiter auf der Straße nicht mehr geht. Über 200 junge Menschen, darunter mehr als die Hälfte minderjährig, wurden allein 2016 begleitet und beraten. Im Frühjahr 2017 fiel dann die Entscheidung, das „Projekt“ Streetwork zu verstetigen, denn der Bedarf werde „dauerhaft für notwendig erachtet", stand in der Ratsvorlage. „Eine große Wertschätzung auch für unsere Arbeit“, sagt Florian Nägele.

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Benachteiligte Jugendliche nicht sich selbst überlassen

Er ist froh, dass benachteiligte Jugendliche in Friedrichshafen nicht sich selbst überlassen bleiben, auch wenn sie keine Hilfe mehr in Anspruch nehmen wollen oder können. Die drei Streetworker profitieren dabei von einem Netzwerk, das sie über viele Jahre aufgebaut haben. Gute Kontakte bestehen zu Polizei, Fachämtern, Sozial- und Drogenhilfe und weiteren Partnern. Viele Hilfsprojekte gehen Hand in Hand, wurden aus dem Streetwork heraus entwickelt, so wie „Hilfe hilft helfen“ oder „läuft!“, das Ferienprogramm für Kinder in der Eintrachtstraße, die starke Kooperation mit „Kopf – Herz – Hand“, die Schulabbrecher betreuen, oder der Verein Gewaltfrei Durchboxen und das erste oberschwäbische Dschungelcamp für Jungs von der Straße.

Streetworker Florian Nägele (rechts) bei der Arbeit, hier im Gespräch mit einem Aussteiger aus der echten Szene.
Streetworker Florian Nägele (rechts) bei der Arbeit, hier im Gespräch mit einem Aussteiger aus der echten Szene. | Bild: Cuko, Katy

Ohne die finanzielle Unterstützung von Rotariern, Round Table oder Innerwheel oder die Spendenaktionen von Karl-Maybach-Gymnasium oder dem Jugendparlament wäre vieles davon nicht möglich gewesen. „Es gab in diesen zehn Jahren keinen, der nicht mit uns zusammenarbeiten wollte“, sagt Flo Nägele stolz. Auch ein Grund, warum in dieser Dekade nur ein Streetworker aufgehört hat, obwohl die Fluktuation in diesem schwierigen Beruf sonst viel höher sei.

Soziale Beratung für Menschen in Sexarbeit

Aus diesem Engagement heraus hat sich auch die soziale Beratung für Menschen in der Sexarbeit entwickelt – ein Bedarf, der seit 2014 erkannt ist. Obwohl es Neuland war, gab die Stadt auch für dieses Projekt grünes Licht. Rund 80 Prostituierte sind in der Stadt angemeldet, aber mindestens doppelt so viele Frauen sind in diesem Gewerbe tätig, sagt Florian Nägele. Das reicht vom Escort-Service über Terminwohnungen bis hin zum Bordell. „Wir haben nach intensiver Vorarbeit Zugang zu diesem Klientel gefunden“, berichtet er. Seit ein paar Monaten gibt es nun sogar eine Beratungsstelle in Friedrichshafen und damit einen festen Anlaufpunkt für Frauen, wenn sie Hilfe brauchen. „Zehn haben bisher den Ausstieg aus dem Sexgewerbe geschafft“, sagt Florian Nägele. Dank eines Angebots, das es sonst eigentlich nur in Großstädten gibt.

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