Emadul Islam hat im September 2017 eine Ausbildung zum Bäcker begonnen. An den Wochentagen, die der 18-Jährige im Betrieb verbringt, steht er um 2.30 Uhr auf. Bis Emadul Islam von seinem Wohnort beim Ausbildungsbetrieb ist, dauert es. Seine Schicht beginnt um 4.30 Uhr. Der junge Azubi ist dann mit seiner Arbeit fertig, wenn andere Mittagspause haben. Vor zweieinhalb Jahren ist Islam von Myanmar nach Deutschland gekommen. Er kann sich auf Deutsch unterhalten und versteht, was die anderen sagen. Doch was dem 18-Jährigen Schwierigkeiten bereitet, sind die zahlreichen Fachwörter, die ihm in der Ausbildung begegnen – wie zum Beispiel "Allergenkennzeichnung". "Was heißt das?", fragt Emadul Islam und schaut Hans-Georg Reichert an. Der Rentner ist Teil der Initiative "Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen" (Vera). Als ehrenamtlicher Helfer trifft sich der 68-jährige ehemalige Berufsschullehrer regelmäßig mit drei Azubis, die in ihrer Ausbildung auf Probleme stoßen. Reicherts Aufgabe ist es, die Jugendlichen zu unterstützen und mit seiner Berufs- sowie Lebenserfahrung weiterzuhelfen.

"Eigentlich geht es nicht um direkte Nachhilfe, sondern um die Randprobleme, die in der Ausbildung auftreten. Sei es im Betrieb oder in der Schule", erklärt Reichert im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Weil Emadul Islam aber hauptsächlich Verständnisprobleme hat, gehe es in diesem Fall grundlegend um die Sprache. Zwar sagt Reichert selbst, dass er kein ausgebildeter Lehrer für "Deutsch als Fremdsprache" ist, doch darum gehe es nicht. Neben dem Verständnis von schwierigen Worten arbeiten die beiden auch an Rechenaufgaben oder sprechen über betriebswirtschaftliche Themen – je nachdem, was gerade ansteht. "Was nicht machbar ist, lassen wir weg", gibt Reichert zu. Vieles sei bei einem etwa einstündlichen Treffen einmal in der Woche nicht zu schaffen. Und doch freut sich der Ruheständler jedes Mal aufs Neue auf den Dienstag, wenn er den 18-jährigen Azubi wiedersieht. "Immer am Ende unseres Treffens bedankt sich Emadul herzlich. So etwas habe ich als Lehrer wirklich selten erlebt", freut sich Reichert. Für Emadul Islam ist der 68-jährige Rentner eine große Hilfe. "Verstehe ich etwas nicht, dann kann ich fragen. Ich kann alles fragen", sagt der Bäcker-Azubi, "ich kann sehr gut mit ihm lernen".

Neben Emadul Islam betreut Reichert auch einen deutschsprachigen Azubi sowie einen jungen Afghanen – beide machen eine Ausbildung zum Koch. "Während meiner Zeit als Berufsschullehrer habe ich schon drei Jahre mit Bäckern und Konditoren zusammengearbeitet. Es passt also ganz gut, weil ich auch einige fachliche Kenntnisse in diesem Bereich habe", sagt Reichert. Zu dieser etwas anderen Art von Freizeitbeschäftigung ist der Rentner vergangenen Herbst durch seinen ehemaligen Schulleiter Alfred Greis gekommen. Dieser ist "Vera"-Koordinator für den Bereich Bodensee-Oberschwaben. "Wenn man im Ruhestand ist und seine Kompetenzen noch sinnvoll einsetzen will, ist das eine gute Möglichkeit", sagt Reichert über seine ehrenamtliche Tätigkeit.

Mit Problemen hatte der 68-Jährige, seitdem er bei der Initiative mitwirkt, noch nicht zu tun. "Ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht, wie gut es funktioniert. Anfangs stand ich der Sache sehr skeptisch gegenüber. Jetzt habe ich großen Spaß", berichtet Reichert. Und das liege nicht ausschließlich daran, dass das Organisatorische klappt – Termine werden stets eingehalten, die Azubis sind vorbereitet. Auch die Veränderungen der Jugendlichen machen den Rentner stolz. "Wenn man Rückmeldungen von der Schule bekommt und man merkt, wie sich die Jungs verbessern, ist das einfach schön", sagt Hans-Georg Reichert.

Ziele der Initiative und Suche nach Helfern

"Vera" ist ein Angebot für Jugendliche, die in ihrer Ausbildung auf Schwierigkeiten stoßen. Die Initiative wurde im Jahr 2008 ins Leben gerufen. Seitdem wird sie im Rahmen der Bildungsketten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Alfred Greis ist "Vera"-Regionalkoordinator für die Region Bodensee-Oberschwaben. "Seit Bestehen des Projektes gab es im Bereich mehr als 400 Anfragen, davon wurde fast die Hälfte erfolgreich beendet. Etwa 25 Prozent wurden aus unterschiedlichsten Gründen – zum Beispiel einem Wechsel in einen neuen Beruf, mangelnde Berufs- oder Ausbildungsreife oder Mängel in der Anstrengungsbereitschaft – eingestellt", sagt Greis. Aktuell seien rund 120 Azubis in Begleitung und ebenso viele Seniorexperten im Einsatz.

Projekt dauert bis 2022

"Vera" befindet sich derzeit in der dritten Runde und ist zunächst bis zum Jahr 2020 gesichert. "Wir erneuern die Anträge im Vier-Jahres-Rhythmus", erklärt Greis. Solang es die Duale Ausbildung gibt, bestehe der Bedarf an individueller Begleitung. "Die Anfragen nehmen täglich zu", so der Regionalkoordinator. Das liegt seiner Meinung nach daran, dass der Trend zum Studium zunimmt. So steige die Prozentzahl der Schwächeren in der Ausbildung. Die Berufe, welche schwachen oder bisher ausgegrenzten Jugendlichen eine Chance bieten, bedürfen deswegen zunehmend mehr einer Begleitung. Nicht selten gibt es Wochen, in denen Alfred Greis bis zu zehn Begleitungsanfragen bekommt. "Im Bedarfsfall begleiten wir über die gesamte Ausbildungsdauer hinweg. So binden wir sehr viele unserer kostbaren Seniorexperten", erklärt Greis.

Ehrenamtliche weiterhin gesucht

Um Ehrenamtliche geworben werde auf zahlreichen Ebenen – vom privaten Umfeld, über Betriebe, Wirtschaftskammern, Innungen, Schulen und Freie Verbände bis zur Presse. "Auch jüngere Fachleute (ab 30 aufwärts) mit entsprechender Lebenserfahrung und Fachkompetenz sind willkommen, sie brauchen ein Zeitfenster von ein bis zwei Stunden in der Woche. Allen voran aber die positive Einstellung zur Jugend", sagt Greis. Neben der Handlungskompetenz wird auch ein erweitertes Führungszeugnis benötigt. "Für unser Begleitungsprinzip 'Hilfe zur Selbsthilfe' sollten die Begleiter für Lern- und Erfahrungsprozesse aufgeschlossen sein, um neben der Stärkung der Persönlichkeit die Methodenkompetenz der betroffenen Azubis zu entwickeln", sagt Greis weiter. (lip)

Informationen im Internet:http://www.vera.ses-bonn.de