Die Talentwerkstatt von Geschäftsführer Norbert Merkel in Bermatingen ist seit mehr als 30 Jahren als Ausbildungszentrum tätig und hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 50 Unternehmen aus der Region in der Metall- und Elektroausbildung sowie Steuermechanik unterstützt.

Ausbildungszentrum muss umziehen

Nun ist man gerade dabei, sich neu aufzustellen. Die Talentwerkstatt muss aufgrund eines neuen Mietvertrags bis Ende August aus ihren Räumen heraus und sich einen neuen Standort suchen. Ein höherer Mietpreis wäre an sich nicht das Problem, sagt Merkel im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Doch über die Jahre sind viele Flächen dazugekommen, beispielsweise Räume für die Lehre, die nun mitfanziert werden müssten. Merkel hat jedoch zwei Objekte in Aussicht, diese wären für die Azubis sogar verkehrstechnisch besser angebunden. Ein Umzug könne daher auch Vorteile haben, so Merkel.

Norbert Merkel, Geschäftsführer der Bermatinger Talentwerkstatt, versucht Anreize für junge Leute zu schaffen, dass sie ...
Norbert Merkel, Geschäftsführer der Bermatinger Talentwerkstatt, versucht Anreize für junge Leute zu schaffen, dass sie Ausbildungsberufe in Erwägung ziehen. | Bild: Leonie Georg

Die Herausforderung liege momentan eher an anderen Stellen, berichtet Norbert Merkel. Zum einen sind das die steigenden Stahlpreise: „Das merken wir auch, das geht alles momentan durch die Decke. Auch schon vor dem Krieg, aber jetzt hat sich das noch verschärft. Das trifft nicht nur uns, dass trifft alle Firmen, die hohe Einsätze an Material haben. Die Stahlpreise haben sich praktisch verdreifacht“, erklärt Merkel.

Es braucht mehr Auszubildende

Aber auch dieses Problem könnten die Talentwerkstatt und die dazugehörigen Firmen stemmen, wenn genug gegenfinanziert werden könnte. Jedoch braucht es hierfür genug Auszubildende. Bereits im vergangenen Jahr berichtete Merkel von einem drastischen Rückgang bei Bewerbern um Azubistellen, was auch der Corona-Pandemie geschuldet sei.

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Momentan betreut Merkel acht Azubis in der Werkstatt, die eigentliche Auslastung liegt bei 16. Auch jetzt, da die Pandemie langsam ausklingt, hat sich die Situation noch nicht wirklich verbessert: „Es ist nach wie vor problematisch. Wenn ich mir anschaue, die Zahl der offenen Ausbildungen, die unsere Partnerbetriebe ausschreiben, die sind alle im Prinzip noch unbesetzt.“

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Merkel schreibt dies unter anderem den Corona-Maßnahmen zu, sieht aber auch noch grundlegendere Probleme: „Das eine sind mit Sicherheit noch die Nachwirkungen von Corona. Die Azubis konnten teilweise keine Praktika machen, auch wenn die Talentwerkstatt immer Praktika angeboten und versucht hat, das weiter pandemiekonform hinzukriegen. Aber die ganzen Berufsbildungsmessen sind ausgefallen. Und es ist, denke ich auch, eine gewisse Unsicherheit generell vorhanden.“

Zu wenig Wertschätzung von handwerklichen und sozialen Berufen

Dies zum einen wegen Corona, führt Merkel aus, zum anderen komme die Situation durch den Krieg in der Ukraine dazu. Merkel glaubt, dass man sich in solchen Zeiten eher auf Bekanntes zurückzieht: „Also, was man kennt, ist die Schule. Und die macht man jetzt einfach mal bis zum Ende weiter.“ Ein weiterer Grund „ist mit Sicherheit, dass man über viele Jahre immer propagiert hat, dass nur derjenige, der studiert, etwas wert ist. Das man die handwerklichen und sozialen Berufe leider gesellschaftlich zu wenig achtet“.

Norbert Merkel möchte den jungen Leuten Mut machen, andere Wege einzuschlagen, als den klassischen. Er möchte Möglichkeiten und Anreize geben, in einen Ausbildungsberuf reinzuschnuppern. Deswegen bietet er auch regelmäßig Schülerpraktika an.

Schülerpraktikant Mark Meier ist froh, etwas anderes als Schule kennenlernen zu dürfen. Er strebt eine Ausbildung im Bereich Mechatronik an.
Schülerpraktikant Mark Meier ist froh, etwas anderes als Schule kennenlernen zu dürfen. Er strebt eine Ausbildung im Bereich Mechatronik an. | Bild: Leonie Georg

Zurzeit ist Mark Meier in der Talentwerkstatt als Schülerpraktikant tätig. Der 15-Jährige möchte nächstes Jahr zu einem Mechatronik-Gymnasium wechseln und will während seines Praktikums erste Erfahrungen sammeln. Sprachen waren noch nie sein Ding, sagt er. Deswegen will er lieber den Fokus auf Technik legen und findet auch Gefallen an dem Bereich in der Talentwerkstatt: „Bisher ist es gut. Man lernt jeden Tag neue Maschinen kennen und es ist mal was anderes als Schule. Das ist auch nicht schlecht.“ Nach dem Abitur möchte Mark Meier eine Ausbildung im Bereich Mechatronik machen.

Zusammenarbeit mit Unternehmen wichtig

Um weitere Anreize für Schüler und junge Menschen zu schaffen, veranstaltet die Talentwerkstatt am 14. Mai von 10 bis 16 Uhr einen Tag der offenen Tür im Werkstattgebäude in Bermatingen. Hierbei sollen sich die Partnerfirmen auch vorstellen können. Das ist Norbert Merkel besonders wichtig, da er an das Konzept der Zusammenarbeit in diesem Berufsfeld glaubt: „Generell halte ich diese Form der Ausbildung, wie wir sie hier anbieten, dass wir praktisch Firmen unterstützen, für sehr wichtig.“

Merkel ergänzt: „Zum einen, um die Qualität der Ausbildung – sowohl technisch als auch inhaltlich – zu garantieren, weil die Ansprüche steigen. Zum anderen glaube ich auch, dass der Sprung für einen Schüler in so einem kleinen Unternehmen leichter gelingt, wenn man sagt, wir haben da noch Institutionen dazwischen, die schulähnlich sind, die da sehr gut unterstützen können und dafür sorgen, dass die Azubis auch gut in ihrer Firma ankommen können.“

Norbert Merkel: „Sind flexibel und individuell ausgerichtet“

Die Talentwerkstatt hat ihr Angebot im vergangenen Jahr erweitert. Es wurden drei neue Berufe aufgesetzt. „Wir haben unser Portfolio gewaltig erweitert. Das ist natürlich sehr kräftezehrend und man hofft, dass es sich irgendwann auszahlt“, erklärt Merkel. „Aber ich denke, das ist das, was uns positiv unterscheidet, von anderen, die so etwas Ähnliches anbieten, dass wir da auch wirklich sehr flexibel und individuell ausgerichtet sind.“

Azubi Redouane Aissa ist erst seit sechs Monaten in Deutschland und wird nun von seinem Unternehmen als Mitarbeiter übernommen.
Azubi Redouane Aissa ist erst seit sechs Monaten in Deutschland und wird nun von seinem Unternehmen als Mitarbeiter übernommen. | Bild: Leonie Georg

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Auszubildende Redouane Aissa. Der 24-Jährige ist erst vor sechs Monaten aus Marokko nach Deutschland gekommen. Er hatte sich bei H & H Gerätebau in Deutschland für eine Ausbildung im Bereich Kältetechnik beworben. Zuvor hatte er in seinem Heimatland sein Abitur sowie eine Ausbildung bereits erfolgreich abgeschlossen.

„Ich bin sehr zufrieden. So viele Träume von mir wurden schon verwirklicht.“
Redouane Aissa, Azubi

H & H Gerätebau hatte ihn nach der Zusage an die Talentwerkstatt von Norbert Merkel vermittelt. Er unterstützt den Azubi seither auf seinem Weg. Aissa hat vor kurzem die Zusage bekommen, nach seiner Ausbildung als Mitarbeiter bei H & H Gerätebau übernommen zu werden und kann in Deutschland bleiben. „Ich bin sehr zufrieden. So viele Träume von mir wurden schon verwirklicht. Viele junge Leute in meinem Land haben diese Chance nicht bekommen. Deswegen muss man glücklich sein“, sagt Aissa.