Angesichts drastisch sinkender Azubi-Zahlen in Baden-Württemberg und einer drohenden Kürzung bei ingenieurswissenschaftlichen Studienplätzen haben Kammern und Verbände die Politik harsch kritisiert. „Eine weitere verlorene Generation in der dualen Berufsausbildung kann sich die Gesellschaft nicht leisten“, sagte Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) am Donnerstag in Stuttgart.

Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) und Präsidentin der Industrie- ...
Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) und Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart schlägt Alarm: Die Firmen brauchen Lehrlinge. | Bild: Christopher Hirsch, dpa

An das Kultusministerium und Lehrkräfte in Schulen gerichtet sagte sie, es sei nun dringend nötig die Berufsorientierung an den Schulen wieder so schnell wie möglich hochzufahren. Der Bewerbermarkt schmiere immer weiter ab, hieß es vom Unternehmer-Dachverband UBW. Das sei umso alarmierender, da auch die Studienanfängerzahlen in den Ingenieur- und IT-Wissenschaften deutlich rückläufig seien.

Nur 65.000 Neu-Azubis im Land – so wenig wie noch nie seit Statistikbeginn

Nach Daten des Statistischen Landesamts (Stala) hat die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg einen Tiefststand erreicht. 2021 wurden nach vorläufigen Ergebnissen 65.250 Vertragsabschlüsse verzeichnet. Das sind 1430 Verträge weniger als im Vorjahr. Es handele sich um den niedrigsten Wert seit dem Beginn der Statistik im Jahr 1977, so das Stala. Ende 2021 gab es im Südwesten 178.650 Auszubildende, was einem Minus von 3,5 Prozent entspricht.

Eine Auszubildende feilt an einem Werkstück, das in einem Schraubstock klemmt.
Eine Auszubildende feilt an einem Werkstück, das in einem Schraubstock klemmt. | Bild: dpa

„Mit großer Sorge schauen wir immer noch auf den Ausbildungsmarkt“, sagte Breuning. In der landesweiten IHK-Lehrstellenbörse gebe es derzeit für den Ausbildungsstart im Herbst noch fast 9500 freie Ausbildungsplätze. Jetzt seien die Jugendlichen und ihre Eltern gefragt. „Es ist Zeit aufzuwachen und die Zukunft in die Hand zu nehmen. Die Chancen für junge Menschen waren selten so gut wie heute“, sagte die BWIHK-Vizepräsidentin.

Studierende an der Universität Hohenheim. Seit Jahren sinken insbesondere bei Ingenieursberufen die Erstsemesterzahlen.
Studierende an der Universität Hohenheim. Seit Jahren sinken insbesondere bei Ingenieursberufen die Erstsemesterzahlen. | Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Werden Studienplätze gekürzt?

Die Lage auf dem Markt für duale Ausbildung ist aber nicht die einzige offenen Flanke des Bildungssystems in Baden-Württemberg. Am Donnerstag warnte ein breites Bündnis von Hochschul- und Wirtschaftsorganisationen in einem gemeinsamen Positionspapier vor weniger Ingenieurs-Studienplätzen an baden-württembergischen Hochschulen.

Aufgrund sinkender Bewerberzahlen in ingenieurswissenschaftlichen Disziplinen befürchten die Unterzeichner eine Abwärtsspirale auch bei der vom Land zur Verfügung gestellten Finanzierung der Studienplätze. „Druck auf die Hochschulen, bei rückläufigen Studienbewerberzahlen unmittelbar die Studienplatzkapazitäten zu reduzieren, erscheint vor dem Hintergrund bekannter Wellenbewegungen in den Ingenieurwissenschaften nicht sinnvoll“, heißt es.

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Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz, Thomas Puhl, sagte, Baden-Württemberg benötige hervorragende, forschungsorientiert ausgebildete Absolventen der Ingenieur- und Naturwissenschaften. Das Land dürfe daher das Studienplatzangebot nicht an kurzfristigen Schwankungen der Bewerberzahlen ausrichten.