Auch die Gedenkfeier zum Antikriegstag, organisiert vom Sigmaringer Kreisvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, am vergangenen Samstag stand unter dem Eindruck der Ereignisse in Chemnitz. Auf dem Alten Friedhof hatten sich rund 30 Interessierte versammelt, um am 1. September dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 79 Jahren zu gedenken. „Wir müssen uns stets vor Augen halten, was die Nazi-Barbarei mit ihren Vernichtungslagern und Mordexzessen Verheerendes angerichtet hat“, erinnerte SÜDKURIER-Redakteur Jürgen Witt bei der Feierstunde daran, dass es auch in Pfullendorf willfährige Helfer des NS-Unrechtsregimes, Mitläufer und glühende Verehrer der verbrecherischen Hitler-Regierung gegeben habe: „Wie die Keinaths oder Rucks – alles Großväter von geschätzten Stadtbürgern – sie waren mit Feuereifer bei der Sache.“

Die Gruppe hatte sich am Friedhof am Gedenkstein für Jan Kobus versammelt, um an eine schreckliche Tat zu erinnern, wie Witt ausführte: „Die Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Jan Kobus, der am 5. April 1941, an Händen und Füßen gefesselt, an einem Baum im damaligen Gewann Sieben Linden gehängt wurde.“ Er hatte als Verschleppter auf einem Bauernhof in Ruschweiler als Knecht gearbeitet und eine Liebesbeziehung mit einer jungen Deutschen. „Für die Herrenrasse in ihrem völkischen Rassenwahn war das fraglos eine todeswürdige Angelegenheit“, erläuterte der Redner, dass der für völlig rechtlos erklärte 27-jährige Kobus wegen „Rassenschande“, so der NS-Propagandabegriff, hingerichtet worden war.

Gustav Ruck als treibende Kraft

Als treibende Kraft für die Mordtat bezichtigte der frühere Dampfziegeleibesitzer und Diplom-Ingenieur Anton Ott, der Dipl-Ott, wie ihn im Städtle jeder kannte, den Apotheker Gustav Ruck, erläuterte Jürgen Witt die historischen Zusammenhänge. Ruck, Vater des späteren und höchst verdienstvollen Bürgermeisters und Ehrenbürgers Hans Ruck, war in der NS-Zeit als Mittelsmann des Sicherheitsdienstes, einem Geheimdienst der SS und für den Bezirk Pfullendorf zuständig, und habe in seiner Funktionärsstellung übereifrig hervorzutreten gewusst. Der Redner berichtete auch, dass dem überzeugten Nazi auch Widerstand begegnete, und zitierte dazu aus den Recherchen der damals 17-jährigen Tamara Hahn. Die Jugendliche berichtete, dass die Hinrichtung von Kobus eigentlich an einem Birnbaum vor dem Gasthaus „Mohren“ stattfinden sollte, was der damalige Wirt nicht akzeptierte: „Wenn die den Polen da aufhängen wollen, säge ich den Baum heute Nacht ab“, zitierte Tamara Hahn Zeitzeugen, und so wurde ein neuer Henkersplatz ausgewählt.

Anton Ott, von den Nazis verfolgt

Als „fragwürdig“ stufte Jürgen Witt den Umgang der Justiz nach Kriegsende mit dem Nazi-Fanatiker Gustav Ruck ein: „Trotz seines schändlichen Treibens wurde er durch ein Spruchkammerurteil als minderbelastet eingestuft.“ Ergänzend fügte der Redner hinzu, dass die Nazis gegen den Ruck-Kritiker Anton Ott ein Verfahren wegen angeblicher Münzfälschung initiierten und dieser vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden war. Nur der vorrückenden US-Armee verdanke er seine Rettung, erklärte Ott später. „Deshalb muss es als Gewerkschafter stets unser Ansinnen sein – wehret den Anfängen“, erklärte Witt mit Blick auf die rechtsextremistisch motivierten Krawalle in Chemnitz.

Noch fanatischer: Josef Weisshaupt

Kreisarchivar Edwin Weber, der wie Heimatforscher Peter Schramm unter den Gästen weilte, ergänzte im SÜDKURIER-Gespräch, dass Pfullendorf während der NS-Herrschaft landesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Der von ihnen ins Amt gehievte Bürgermeister Josef Weisshaupt wurde von den Nazis selbst nach kurzer Zeit wieder aus dem Rathaus entfernt, weil er zu radikal agierte.

Gebaren von AfD-Sympathisanten nicht hinnehmbar

Zuvor hatte DGB-Kreisvorsitzender Rudolf Christian erklärt, dass es „heute schon wieder politische Parteien gibt, deren Grundausrichtungen antidemokratisch sind, und die mit fremdenfeindlichen Parolen das Land verunsichern“. Explizit erwähnte er den jüngsten Skandal von AfD-Sympathisanten, die während eines Besuchs des Konzentrationslagers Sachsenhausen die Verwendung der Gaskammern geleugnet hatten. Als nicht hinnehmbar bezeichnete Christian dieses Verhalten. Es sei die Pflicht aller Demokraten, sich für Frieden und Freiheit einzusetzen und sich nicht zu verstecken, appellierte der Gewerkschaftsvertreter an die Teilnehmer. DGB-Regionsvorsitzende Bärbel Mauch sieht Aktionen wie die jüngst von türkischen Vereinen ins Leben gerufene „Keine Hetze im Ländle“ als wichtiges Signal gegen Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit.