Auf Basis statistischer Daten für die Zukunft zu planen, hat seine Tücken. Die Kommunen sind per Gesetz dazu verpflichtet, mit solchen Zahlen einen Kindergarten-Bedarfsplan zu erstellen. Seit Eltern einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung ihrer Kinder ab dem ersten Lebensjahr haben, kommt dieser Prognose eine besondere Bedeutung zu.

Niedrigere Geburtenrate als im Landesdurchschnitt

Im Ausschuss Bildung, Kultur und Soziales stellte Adelheid Hug, Leiterin der zuständigen Abteilung, den Bedarfsplan für Überlingen im Jahr 2020/21 vor. Die Zahl der Geburten war in den letzten Jahren mit rund 170 Kindern recht konstant. Weitere Planungsgrundlage ist die Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes. Danach zählt man hier aktuell 17 Kinder weniger als erwartet, bei den Ein- bis Dreijährigen sind es sogar 46 weniger. Die Überlinger hinken in Sachen Nachwuchs also dem Landesdurchschnitt hinterher.

Kommt ein Kindergarten geflogen: Schon einmal musste sich die Stadt Überlingen mit der Aufstellung von Containern behelfen, wie hier am Burgberg nach dem Abriss des alten Gebäudes.
Kommt ein Kindergarten geflogen: Schon einmal musste sich die Stadt Überlingen mit der Aufstellung von Containern behelfen, wie hier am Burgberg nach dem Abriss des alten Gebäudes. | Bild: Stefan Hilser

Dass die niedrigere Geburtenrate als positiven Nebeneffekt ein Überangebot an Betreuungsplätzen zur Folge hätte, ist ein Trugschluss. Aktuell stehen 40 Kinder unter drei Jahren und 27 Kleinkinder zwischen drei und sechs Jahre auf den Wartelisten der Überlinger Kitas.

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Doch wie ist das mit dem Rechtsanspruch zu vereinbaren? „Die Stadt Überlingen ist bestrebt, diesen zu erfüllen“, antwortet die Pressestelle auf die Anfrage des SÜDKURIER. Deshalb seien in der mittelfristigen Finanzplanung Mittel für die Schaffung von zusätzlichen Betreuungsplätzen eingeplant worden. „Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz sind die Träger der öffentlichen Jugendhilfe verpflichtet, ein bedarfsgerechtes Angebot in Tageseinrichtungen und in der Tagespflege vorzuhalten. Bei kreisangehörigen Gemeinden ist dies das Jugendamt des Landkreises“, so der Text weiter.

Wo also mein Kind unterbringen?

Damit ist die Frage der Verantwortung geklärt, aber nicht wo junge Eltern ihren Nachwuchs unterbringen können. „Wenn den Eltern in Überlingen kein Platz in einer Kindertageseinrichtung zur Verfügung gestellt werden kann, verweisen wir sie auf das Angebot der Kindertagespflege und die Vormittagsbetreuung des Familientreffs Kunkelhaus“, lautet die Antwort der Pressestelle. Mit der Kindertagespflege sind Tagesmütter oder -väter gemeint, die, wie Adelheid Hug einräumte, schwer zu finden seien. Seit der Gesetzgeber von Tagespflegepersonen mehr Qualifizierungs-Nachweise fordert, hat sich das Angebot verkleinert.

Während der Übergangszeit zwischen Abriss und Neubau wurden die Kinder im Burgbergkindergarten über viele Monate in Containergebäuden betreut.
Während der Übergangszeit zwischen Abriss und Neubau wurden die Kinder im Burgbergkindergarten über viele Monate in Containergebäuden betreut. | Bild: Stefan Hilser

Abhilfe könnten neue Kitas schaffen. Die Verantwortlichen bei der Stadt haben einen zusätzlichen Bedarf bis 2025 von „vier bis sechs U3-Gruppen“, einschließlich der Kinder auf den Wartelisten errechnet. Mit U3 sind die unter Dreijährigen gemeint. Diese Plätze sollen 2022/23 im geplanten Neubau des Kindergartens Nesselwangen, der mit einer Gruppe mehr als vorgesehen ausgestattet werden soll, sowie „im Neubau Überlingen-Nord mit bis zu acht Gruppen“ entstehen. Hier ist das Gebiet „Südlich Härlen“ mit einer geplanten Fertigstellung 2023/2024 gemeint.

Kritik von SPD-Gemeinderat Pursche

Die von der Verwaltung genannten Zahlen lösten bei der Vorstellung im Ausschuss heftigen Widerspruch bei Gemeinderat Udo Pursche (SPD) aus: „Ein achtgruppiger Kindergarten ist pädagogischer Unsinn!“ Auch Ralf Mittelmeier (FWV/ÜfA), Lehrer im Ruhestand, sah das so. OB Jan Zeitler wies auf das Problem des Flächenmangels hin, was weitere Neubauten von Kindergarten erschwere. Dazu stünde im Überlinger Norden eine beträchtliche Erweiterung mit einem zu erwartenden Zuzug vieler Familien mit Kindern an.

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Zeitler versprach zu prüfen, ob ein sechsgruppiger Kindergarten ausreichen würde. Auf die Frage von Günter Hornstein (CDU), ob diesbezüglich bereits Mittel im Haushalt eingeplant seien, antwortet Zeitler: „Hier müssen wir flexibel reagieren und auch auf die freien Träger setzen.“ Für Übergangszeiten könnten auch Container, die es in guter Qualität gebe, zum Einsatz kommen. Es wird also spannend, wie viele Kinder von den Wartelisten noch vor der Einschulung einen Kita-Platz bekommen.