„Mama, bin ich noch in Karäne?“ – an Tag zwei der zehntägigen Quarantäne fließen zum ersten Mal die Tränen. Das Kind will Laufrad fahren. Jetzt. Sofort. Es sitzt auf der Treppe im Hausflur und hat sich Schuhe und Helm bereits allein angezogen. Die kleinen Füßchen stampfen auf den Boden, das Kind schreit immer lauter, der Wutanfall wird stärker. Das Kind ist meine Tochter Tilda, zweieinhalb Jahre alt – und hat Hausarrest. Aber Tilda will raus. Jetzt. Sofort. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich darüber nachdenke, eine Straftat zu begehen.

Duplotürme bauen und zerstören in Endlosschleife. Das sind die guten Momente. Wie das Kind täglich beinahe eine Stunde heulend auf der Treppe sitzt, zeigen wir lieber nicht.
Duplotürme bauen und zerstören in Endlosschleife. Das sind die guten Momente. Wie das Kind täglich beinahe eine Stunde heulend auf der Treppe sitzt, zeigen wir lieber nicht. | Bild: Wienrich, Sabine

Doch von vorne. Tilda war an einem Vormittag zur falschen Zeit am falschen Ort. Im Raum ihrer Kitagruppe für Unter-Dreijährige war eine Stunde lang eine erwachsene Person anwesend, die später positiv getestet wurde. Die Folge: Alle Kinder und Erzieherinnen wurden vom Gesundheitsamt als Kontaktpersonen ersten Grades eingestuft, weil sie ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken.

Selten waren alle so froh über den rund 40 Quadrameter großen Mini-Garten wie jetzt. Doch wie schaffen das Familien in kleinen Wohnungen und ohne Frischluft?
Selten waren alle so froh über den rund 40 Quadrameter großen Mini-Garten wie jetzt. Doch wie schaffen das Familien in kleinen Wohnungen und ohne Frischluft? | Bild: Wienrich, Sabine

Fünf Tage später kontaktiert das Gesundheitsamt die betroffenen Familien. Die nette Dame am Telefon klärt auf: Normalerweise rate das Amt zur häuslichen Absonderung von Familienangehörigen, getrennten Mahlzeiten und Schlafräumen. Aber dass das mit einem Kleinkind nicht funktioniere, wisse auch das Gesundheitsamt. Die Geschwisterkinder könnten alle in den Kindergarten und in die Schule. Auch die Eltern seien nicht in Quarantäne, könnten also weiter zur Arbeit. Sollte das Kind krank werden, könne der Kinderarzt einen Test veranlassen. Das komme bei den Kleinen eher selten vor, tröstet die empathische Frau beim Abschied.

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Kinder werden seltener krank als Erwachsene

Dass Kinder – vor allem Kleinkinder – sich deutlich seltener infizieren, zeigen auch die Zahlen im Bodenseekreis. Von den 1764 Infizierten im November waren laut Landratsamt sechs unter vier Jahren und 53 zwischen fünf und 14 Jahre alt. Der Großteil ist jugendlich und erwachsen. Auch Tilda und ihre Kitafreunde werden nicht darunter sein. Glücklicherweise bleiben auch alle Erzieherinnen der Gruppe gesund. Finden überhaupt Ansteckungen innerhalb Kitas statt? Auf SÜDKURIER-Anfrage antwortet das Landratsamt: „Wie viele Kinder oder Schüler sich tatsächlich in der Schule oder Kindergarten im Bodenseekreis angesteckt haben, können wir nicht nachvollziehen. Es gab aber bisher keine Hinweise auf massenhafte Übertragungen in diesem Bereich.“ Dennoch: In Quarantäne müssen alle. Auch die Jüngsten, denen das kaum vermittelbar ist.

Solidarität unter Schwestern: Die Großen blieben der Schule auch ein paar Tage fern. Die Masken, die eine Nachbarin in den Lieblingsfarben genäht hat, tragen sie im Haus natürlich nur fürs Foto.
Solidarität unter Schwestern: Die Großen blieben der Schule auch ein paar Tage fern. Die Masken, die eine Nachbarin in den Lieblingsfarben genäht hat, tragen sie im Haus natürlich nur fürs Foto. | Bild: Wienrich, Sabine

Wie viele Kinder in Quarantäne sind, weiß niemand genau

Zahlenmaterial über Quarantäne-Kinder im Bodenseekreis gibt es nicht. Das Gesundheitsamt listet zwar monatlich die Zahl der Menschen in Quarantäne auf (aktuell: 1678), sortiert die Menschen aber nicht nach Altersgruppen. 7351 Menschen wurden bereits wieder aus der Quarantäne entlassen, wie viele davon Kinder sind, ist unklar. „Bei den Quarantänen machen wir keine Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern, da wir uns an die RKI-Empfehlungen halten“, erklärt Landkreissprecher Robert Schwarz.

In Büros, Schulen und Kitas gelten also die gleichen Regeln bei der Einstufung durch das Gesundheitsamt. Das Problem: die Voraussetzungen sind komplett unterschiedlich. Während beispielsweise Erwachsene in modernen Großraumbüros mit automatischen Lüftungsanlagen problemlos Abstand halten können, sieht das in einer Kita natürlich völlig anders aus. Kleine Kinder können weder Abstand halten, noch Masken tragen und moderne Lüftungsanlagen gibt es in den meisten Kitas auch nicht.

„Cluster-Schüler“: bisher fehlen die Testmöglichkeiten

„Sollten bei Kindern andere Regeln gelten, müsse das auf politischer Ebene entschieden werden“, erläutert Schwarz. Zuständig ist das Sozialministerium Baden-Württemberg, das zum 2. Dezember mehrere Änderungen in punkte Quarantäne erlassen hat. Zum einen wurde die Quarantänedauer von 14 auf zehn Tage verkürzt. Zum anderen wurde eine neue Kategorie, die der „Cluster-Schüler“, eingeführt. Damit können sich Schüler in bestimmten Fällen nach fünf Tagen freitesten. Das Problem: Das Landratsamt hat bisher keine Testkapazitäten dafür. „Die Umsetzung vor Ort ist allerdings noch nicht abschließend geklärt“, sagt Schwarz.

Kleine Helferin im Haushalt: während Hausarbeit mit Kind noch gut funktioniert, ist Erwerbsarbeit im Homeoffice nahezu unmöglich. Die Folge: Nachtschichten für uns Eltern.
Kleine Helferin im Haushalt: während Hausarbeit mit Kind noch gut funktioniert, ist Erwerbsarbeit im Homeoffice nahezu unmöglich. Die Folge: Nachtschichten für uns Eltern. | Bild: Wienrich, Sabine

In Tildas Fall galt jedoch noch die alte Corona-Verordnung. Zwei Tage nach dem Kontakt mit dem Gesundheitsamt brachte ein Mann vom Ordnungsamt Friedrichshafen einen vierseitigen Brief vorbei, die behördliche Anordnung zur Absonderung. Darin wurde sie verpflichtet, „zwei Mal täglich ihre Körpertemperatur zu messen und die Messdaten in einem Tagebuch zu notieren.“ Weiter: „Für den Fall, dass sie dieser Anordnung nicht nachkommt, wird die zwangsweise Absonderung in einem geschlossenen Krankenhaus oder einem abgeschlossenen Teil eines Krankenhauses angedroht.“ Der eigentliche Knaller kam am Ende des Briefes: bei Verletzung der Quarantäne drohen zwei Jahre Haft.

Das moralische Dilemma ist groß: Kindswohl oder Straftat?

Da Kleinkinder natürlich noch nicht haften, gilt die harte Drohung uns als Erziehungsberechtigten. Aus einem kurzen Spaziergang mit dem Laufrad wird nun also eine Straftat. Und so stehen wir als Eltern eines bewegungsfreudigen, gesunden Kleinkinds – das an Tag fünf bereits von Blutergüssen übersäht ist, weil das Sofa als Trampolin diente – nahezu täglich vor der Entscheidung: Kindswohl oder Straftat? Ein moralisches Dilemma, wie wir es bisher nie erlebt haben.

An Tag zwei stellte eine liebe Freundin eine Tüte voller Spiele, Bücher und Nervennahrung vor die Tür. Mit dabei ein Schwebebalken gegen den Bewegungsmangel.
An Tag zwei stellte eine liebe Freundin eine Tüte voller Spiele, Bücher und Nervennahrung vor die Tür. Mit dabei ein Schwebebalken gegen den Bewegungsmangel. | Bild: Wienrich, Sabine

Das Schreiben der Stadt war in höchstem Maße abschreckend. Ist eine solche Drohkulisse wirklich nötig? „Es geht uns nicht darum, Betroffene vor den Kopf zu stoßen, sondern unmissverständlich und rechtssicher Maßnahmen zum Schutze der Bevölkerung anzuordnen, was in der Zeit der Absonderung zu beachten ist“, heißt es seitens der Stadtverwaltung, „der Inhalt der Anordnung setzt einschränkende Maßnahmen fest, die in die persönliche Freiheit eingreifen. Das lässt sich kaum sensibel, verbindlich und freundlich im Ton formulieren, wenn zugleich die Maßnahme und die Folgen der Missachtung benannt werden müssen.“

Stadt arbeitet an Begleitschreiben für betroffene Familien

Doch auch hier gibt es eine Änderung dank der neuen Verordnung. Derzeit arbeitet das Gesundheitsamt am Mustertext für eine schlankere Quarantäne-Bescheinigung, die dann als pauschale Anordnung von den Kommunen per Post verschickt wird. Drohungen mit Zwangsunterbringungen oder Haftstrafen sind also passé. Künftig wird der Familienausflug mit einem Quarantäne-Kind nicht mehr als Straftat eingestuft, sondern als Ordnungswidrigkeit. Auch will die Stadt Friedrichshafen anders an Familien mit Kindern herantreten. „Wir erarbeiten derzeit ein Begleitschreiben zu den künftigen Bescheinigungs-Schreiben, die auch möglichst kindgerecht formuliert werden“, erklärt eine Stadtsprecherin.

Für Tilda ist die Quarantäne-Zeit heute kein Thema mehr. Wir Eltern zucken bei jedem plötzlichen Anruf zusammen. Denn bei drei Kindern ist eine erneute Quarantänesituation nicht ausgeschlossen.

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Hilfe, mein Kind ist in Quarantäne! Was Eltern wissen müssen

Die Nachricht, dass das Kind in Quarantäne muss, ist für Familien oft ein Schreckensmoment. Doch daraufhin muss meist viel organisiert werden.

  • Nachricht: In der Regel informieren die Kitas und Schulen zunächst selbst nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt. Später meldet sich Gesundheitsamt bei den Betroffenen und erklärt die genaue Situation. Die Gemeinde schickt eine Anordnung zur Absonderung. Die Quarantäne wird rückwirkend auf den letzten Tag der möglichen Ansteckung, also meist auf den letzten Tag des Kontakts zum Infizierten, bestimmt und gilt insgesamt neuerdings nur noch zehn Tage statt zwei Wochen.
  • Test: Ein gesundes Kind wird im Bodenseekreis in der Regel nicht getestet. Das Gesundheitsamt testet also weder die Kitagruppe, noch die Klasse. Erkrankt ein Kind während seiner Quarantäne, müssen sich die Familien an den Kinderarzt wenden, der möglicherweise einen Test veranlasst.
  • Job: Eltern haben den Anspruch einen Teil ihres Verdienstausfalls ersetzt zu bekommen, wenn sie zuhause ein Kind aufgrund einer Quarantäne betreuen müssen. Voraussetzung ist, dass das Kind das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder behindert und auf Hilfe angewiesen ist. Bezahlt werden 67 Prozent des Nettoeinkommens, maximal aber 2016 Euro. Das setzt die Kooperation des Arbeitgebers voraus. Probleme gibt es in der Realität oft beim Thema Homeoffice, das teilweise fälschlicherweise noch als Betreuungsmöglichkeit gesehen wird. Am besten ist es, den Arbeitgeber über die Situation zu informieren und gemeinsam eine Lösung zu suchen.
  • Organisation der Familie: Ist ein kleines Kind in Quarantäne, hängt zwangsläufig die ganze Familie mit drin. Einkaufen? Geht nicht mehr mit dem Quarantäne-Kind. Die anderen Kinder zum Kindergarten bringen? Auch nicht mehr möglich. Wer da kein Umfeld hat, das Unterstützung anbietet, hat Schwierigkeiten. Wenden Sie sich in diesem Fall am besten an ihre Kommune, die möglicherweise Nachbarschaftshilfen anbietet.
  • Betreuung durch andere: Ist ein Kind in Quarantäne, dürfen keine haushaltsfremden Personen in die Wohnung oder das Haus, also auch nicht die Oma, die Tante oder sonstige mögliche Betreuungspersonen.
  • Lagerkoller: Dass Kindern nach Tagen der Isolation auch die Decke auf den Kopf fällt, ist völlig klar. Wer einen großen Garten hat, wird die Zeit vermutlich ganz gut hinkriegen. Familien in kleinen Wohnungen mit wenig Platz haben da deutlich größere Probleme. Sollte die Situation eskalieren, melden Sie sich frühzeitig beispielsweise beim Elterntelefon des Kinderschutzbundes: 0800/1110550. (sab)