Die Natur als Ganzes ist anpassungsfähig, auch wenn die Luft wird wärmer und das Land trockener wird. Doch wer die Artenvielfalt erhalten und den heimischen Tieren und Pflanzen eine Überlebenschance geben will, der tut gut daran, neue Feuchtbiotope für Vögel, Amphibien und Insekten zu schaffen. Oder nur wieder zu beleben, wo sie einst mit viel Mühe entwässert worden waren. Der Biotopverbund Bodensee, zu dem die Heinz-Sielmann-Stiftung im vergangenen Jahrzehnt den Anstoß gab, ist ein Beitrag dazu. Die Projekte strahlen längst in den Hegau und nach Oberschwaben aus.

Vor dem Waldrand gegenüber dem Hof Schönbuch werden in den kommenden Monaten fünf neue Stillgewässer entstehen.
Vor dem Waldrand gegenüber dem Hof Schönbuch werden in den kommenden Monaten fünf neue Stillgewässer entstehen. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Auf der Gemarkung Lippertsreute entstehen jetzt statt eines großen Weihers fünf kleinere Stillgewässer. Mittlerweile gibt es in der ganzen Region am nördlichen Bodenseeufer eine ganze Reihe von neuen Weihern, die insbesondere Brutvögeln, aber auch Insekten und Amphibien neue Lebensräume bieten. Auf der Gemarkung Überlingen sind dies der Inge-Sielmann-Weiher zwischen Bonndorf und Walpertsweiler und der Nesselwanger Weiher südlich der B 31-neu.

Das könnte Sie auch interessieren

Bald folgt zwischen Bambergen und Lipperstreute eine weitere Perle an dieser Schnur. Der dortige Förderverein hat diese schon präventiv in eine Route seiner neuen heimatkundlichen Themenwege eingebaut. Bis das dort ursprünglich vorhandene Niedermoor wieder zu einem kleinen Gewässerensemble geworden ist, wird allerdings noch ein gutes halbes Jahr dauern.

Spatenstich noch im Oktober

Den Auftrag für die erforderlichen Erdarbeiten hat die Heinz-Sielmann-Stiftung jetzt vergeben, wie Projektleiterin Julia Brantner im Gespräch mitteilte. „In den ersten Oktoberwochen ist auch der offizielle Spatenstich mit Vertretern der Stadt und den involvierten Landwirten vorgesehen“, sagt Brantner. Bis zum zweiten Landesgartenschau-Termin sollen die neuen Gewässer nach der aktuellen Planung für naturbeflissene Besucher schon zu sehen sein.

Julia Brantner ist als Projektleiterin der Heinz-Sielmann-Stiftung für den Biotopverbund Bodensee verantwortlich, unterstützt wird sie von Thomas Hepperle, Naturschutzbeauftragter des Bodenseekreises und ehemaliger Leiter des Landwirtschaftsamts in Stockach.
Julia Brantner ist als Projektleiterin der Heinz-Sielmann-Stiftung für den Biotopverbund Bodensee verantwortlich, unterstützt wird sie von Thomas Hepperle, Naturschutzbeauftragter des Bodenseekreises und ehemaliger Leiter des Landwirtschaftsamts in Stockach. | Bild: Hanspeter Walter

Dass die Realisierung dieses Vorhabens möglich wurde, dazu hat auch der Hödinger Thomas Hepperle einen Gutteil beigetragen, der seit vielen Jahren eng mit Professor Peter Berthold zusammenarbeitet. Als ehemaliger Chef des Landwirtschaftsamts Stockach hat Hepperle einen guten Draht zu den Bauern, als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter des Bodenseekreises in dieser Region weiß er jedoch auch um die Belange des Arten- und Biotopschutzes.

Wie es zu dem Projekt kam

Beides wird in der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der künftigen Feuchtgebiete sichtbar. „Wegen eines Bauvorhabens auf seinem Hof Schönbuch musste Landwirt Sebastian Vogler nach den gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen suchen“, erinnert sich Hepperle. Das liegt schon einige Jahre zurück. Hepperle kannte die Reste eines Niedermoors am Waldrand südöstlich des Hofes. Die feuchte Fläche war deshalb auch schwer zu bewirtschaften und prädestiniert für eine Extensivierung. Die Stadt Überlingen wollte sie deshalb übernehmen, doch der Landwirt wollte eine Tauschfläche zur Bewirtschaftung, die nur der Spital- und Spendfonds zur Verfügung stellen konnte.

Das könnte Sie auch interessieren

Bis der komplizierte Ringtausch der Parzellen ausgetüftelt war, ging mehr Zeit ins Land als gedacht. Denn eigentlich hätte das Vorhaben im originären Gartenschaujahr 2020 präsentiert werden sollen. „Doch inzwischen sind alle Beteiligten zufrieden“, bekräftigt Thomas Hepperle. Die Arbeiten können demnächst beginnen.

Starkes Gefälle überraschte

Dass nicht ein großer Weiher wie an den meisten anderen Standorten entsteht, liegt einfach an der Topografie, wie sich bei der genauen Vermessung gezeigt hat. „Wir waren selbst erstaunt, dass das Gelände auf die gesamte Distanz betrachtet ein recht starkes Gefälle hat“, erklärt Julia Brantner. Um auf dieser Fläche ein Gewässer zu sichern, hätte es eines Damms von rund elf Metern Höhe bedurft. Doch das hätte keinem so recht gefallen. Deshalb werden nun fünf Teiche entstehen, die jeweils kleine Inseln als Schutzzone enthalten. Beim Aushub fallen zunächst insgesamt 6000 Kubikmeter torfiger Oberboden an, die zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit genutzt können. Rund 13.000 Kubikmeter Unterboden müssen deponiert werden. Die Kosten liegen bei rund 500.000 Euro, die die Sielmann-Stiftung vorfinanziert und als Ökopunkte an die Stadt verkaufen kann.

Was kann man von dem neuen Biotop erwarten?

Wie gut die neuen Biotope der Natur tun, lässt sich am besten an der Entwicklung des Billafinger Weihers ablesen. „Die Zahl der beobachteten Vogelarten ist binnen fünf Jahren von 115 auf 165 gestiegen, das ist eine Zunahme um 43 Prozent“, erklärte Vogelkundler Berthold schon vor einigen Jahren: „Zudem haben sich zehn neue Arten wieder als Brutvögel niedergelassen.“

Professor Peter Berthold, der Initiator des Biotopverbunds, bei der Beringung einer Mönchsgrasmücke am Heinz-Sielmann-Weiher.
Professor Peter Berthold, der Initiator des Biotopverbunds, bei der Beringung einer Mönchsgrasmücke am Heinz-Sielmann-Weiher. | Bild: Hanspeter Walter

Auch für die Insekten sind die neuen Biotope ein Gewinn. Nahezu die Hälfte der in Deutschland verbreiteten 75 Libellenarten fanden am Heinz-Sielmann-Weiher ebenfalls einen guten Lebensraum und fünf Amphibienarten fühlen sich wohler denn je. Vor dem Hintergrund der jüngsten Hiobsbotschaften der Zoologen, dass zwei Drittel aller Wildtiere sind in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind, kann es nicht genug neue Lebensräume, insbesondere Feuchtbiotope geben. Zugvögel können die spiegelnden Gewässer aus großer Höhe erkennen und machen gerne Station, Brutvögel finden ein neues Rückzugsgebiet. Auch für Frösche, Kröten und Molche kommen die neuen kleinen Teiche wie gerufen und für viele Insekten sind sie ein Dorado.

Das könnte Sie auch interessieren

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €