Jürgen Baltes

Wenn Anastasiia Lymar am Mittwochabend die Stepper aus dem Geräteschrank der Kreissporthalle holt, kommen ihre Gedanken endlich zur Ruhe. Zumindest für eine Stunde. Denn dann muss sie sich voll und ganz auf ihre Teilnehmerinnen fokussieren. Zu flotten Rhythmen leitet Lymar seit September jeden Mittwoch ein echtes Power-Workout, bei dem aktuell etwa zehn Frauen dabei sind.

„Ich bin froh, dass es endlich wieder ein Fitnessangebot beim Turnverein gibt“, sagt eine von ihnen, die zuvor auch schon den Zumbakurs besucht hatte. Doch als der 2021 zu Ende ging, lag das Angebot ein gutes Jahr lang brach. „Wir haben lange nach einer neuen Trainerin gesucht“, sagt Roland Ruf, Vorsitzender des Turnvereins. „Dass nun Anastasiia zu uns gestoßen ist, ist ein echtes Glück.“

Ihr Mann musste in den Krieg

Für die junge Mutter aus Odessa offenbar auch. „So kann ich mich ein wenig von den ständigen Sorgen um meinen Mann ablenken“, sagt sie. In den ersten Kriegstagen ist sie mit ihrer heute dreijährigen Tochter und ihrer Mutter aus Odessa geflohen. „Es ging alles so schnell“, erinnert sie sich. „Die Nachrichten wurden jeden Tag schlimmer, die Raketen kamen immer näher.“ Als die Sprache auf ihren Mann kommt, der gleichzeitig zur Armee musste, brechen die Tränen durch. „Ich dachte, es sei vielleicht für ein paar Wochen. Doch nun sind es schon über acht Monate.“

Anastasiia Lymar (rechts) und Felicitas Ruf, die den Step-Aerobic-Kurs besucht und im Turnverein selbst die Kunstturngruppe der Mädchen ...
Anastasiia Lymar (rechts) und Felicitas Ruf, die den Step-Aerobic-Kurs besucht und im Turnverein selbst die Kunstturngruppe der Mädchen trainiert. Bilder: Jürgen Baltes | Bild: Jürgen Baltes

Ihre Reise führte sie zunächst über Moldawien und Rumänien zu ihrem Bruder nach Israel, wo sie mit ihrer Mutter und ihrer Tochter aber mit Touristenvisum nicht dauerhaft bleiben konnte. Ende März kamen die drei dann an den Bodensee. „Das war reiner Zufall“, sagt Anastasiia Lymar. Über eine Internetseite mit Hilfsangeboten für Ukrainer sei sie auf das Unterkunftsangebot einer Familie aus Salem-Weildorf gestoßen. Seither leben sie zu dritt in einem Zimmer im Souterrain – auf zunächst unbestimmte Zeit. Für „so viel Hilfsbereitschaft völlig Fremden gegenüber“, ist Lymar sehr dankbar. Gleichzeitig gebe es aber auch ukrainische Familien, „die sind alle zusammen hier und können ihre Zukunft planen“. Ihr eigenes Leben dagegen fühle sich derzeit an, „wie wenn man mitten in der Musik die Pause-Taste drückt“.

Sie gab schon in Odessa Kurse

Und dagegen hilft der Sport. In Odessa gab Lymar bereits in den vergangenen acht Jahren Fitnesskurse und baute sich einen kleinen Instagramshop für Sportutensilien auf. Trotzdem blieben Bewerbungen bei hiesigen Fitnessstudios erfolglos. „Die wollten jemanden, der Deutsch spricht.“ Die Teilnehmerinnen in der Kreissporthalle indes kommen gut klar, wenn etwa Ansagen wie „Eins, zwei“, „Repeat“ oder „Side“ durch den Raum schallen – mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Bei Fitness sei die Sprache – anders als etwa bei Yoga oder Pilates, wo es mehr auf die Worte ankomme – kein großes Problem, findet auch Anastasiia Lymar. Gerne würde sie einen zweiten Termin anbieten, doch die Räume sind voll belegt.

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Ist sie denn auch ein bisschen am Bodensee angekommen? „Es ist ein Klima ähnlich wie in Odessa“, findet die Ukrainerin. „Und es gibt hier auch Wasser.“ Den Rheinfall bei Schaffhausen habe sie besucht. Und ihre Tochter freue sich bereits auf den Kindergarten. Ansonsten geht sie viermal die Woche zum Integrationskurs, lernt fleißig Deutsch – und hofft nichts inniger, als dass der Krieg schnell zu Ende geht und ihre Familie wieder vereint ist.