Parallel zu den wachsenden Protesten gegen eine geplante Impfpflicht scheint auch der Drang zur Spritze wieder zuzunehmen. Arztpraxen haben teilweise lange Wartelisten für die Booster-Impfungen, bei offenen Angeboten stehen Menschen auch mal Stunden in der Kälte Schlange.

Ein kleiner Zettel in der Praxis und Verbreitung via Facebook durch Patienten

Wärmer hatten es die Wartenden beim Impfangebot der Praxis von Dr. Dorothea Klopschek im Facharztzentrum beim Helios-Spital in Überlingen. Die Radiologin macht in ihrem täglichen Geschäft vor allem Röntgenbilder, Computer- und Kernspintomographien. Der beobachtete Impfnotstand ließ allerdings auch Klopschek nicht kalt. „Wir wollten hier ebenfalls helfen und haben zuletzt dreimal pro Woche zusätzliche Impfangebote gemacht“, sagt sie. Und ihr Angebot wurde gern angenommen. Ein kleiner Zettel an der Praxis, Informationen von Patienten in Facebook und ähnliches reichten aus, um die Praxis jeweils zu füllen – am Samstag für 2021 allerdings zum letzten Mal.

Über Mund-zu-Mund-Propaganda und im Internet hatte sich das Impfangebot von Radiologin Dorothea Klopschek im Facharztzentrum Überlingen herumgesprochen.
Über Mund-zu-Mund-Propaganda und im Internet hatte sich das Impfangebot von Radiologin Dorothea Klopschek im Facharztzentrum Überlingen herumgesprochen. | Bild: Hanspeter Walter

Rund 130 Menschen holten sich ihre Corona-Impfung ab

Ab 10 Uhr warteten die ersten Impfwilligen auf ihre Spritze. „Es waren insgesamt wohl um die 130 Menschen hier“, resümierte die Radiologin kurz vor Ende ihrer Aktion. Dass zeitgleich Skeptiker in der Stadt gegen die Impfpflicht demonstrierten, konnte sie nicht verstehen: „In meiner Praxis waren Menschen aus Bad Saulgau, aus Sigmaringen“, sagte Klopschek. „Selbst Urlauber aus Landau in der Pfalz, die von dem offenen Angebot gehört hatten.“ Tatsächlich hätten die meisten durch Mund-zu-Mund-Propaganda davon erfahren. Dazu gehörten am Samstagmorgen auch Siegfried und Dorothee Ritter, die für die Impfung aus Wahlwies angefahren waren. „Wir wollten uns dringend impfen lassen und haben von Freunden davon gehört“, erklärten sie, die die Praxis zuvor schon kannten.

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Manchmal sprach das Team auch schon Impfwillige im Supermarkt an

Nicht immer ging die Zahl der zur Verfügung stehenden Spritzen in den vergangenen Wochen auf. „Manchmal sind wir zum Supermarkt rübergegangen und haben Leute angesprochen, damit wir nichts wegwerfen mussten“, berichtet Klopschek. Es sei vorgekommen, dass manche Menschen anschließend mit Tränen in den Augen in ihrer Praxis gesessen hätten. „Die waren richtig glücklich, eine Impfung bekommen zu haben.“ So waren neben den Boostern auch noch Erst- und Zweitimpfungen gefragt.

Per Telefonkette die letzten Impfdosen losgeworden

Bisweilen reichte auch der Griff zum Telefon, wie am Samstag. Die Medizinerin hatte noch einige Dosen übrig, nahm Kontakt zu Bekannten auf, die wieder Freunde verständigten. Einer davon war zum Beispiel Urs Schöllhammer aus Uhldingen-Mühlhofen, der eine Viertelstunde später mit seinem Impfpass zur Tür hereinkam und seinen Oberarm freimachte, um seinen Booster entgegenzunehmen. „Ich bin im Grunde gar kein großer Impffreund“, räumte Schöllhammer offen ein: „Doch ich möchte mich nicht ohne Not selbst in meiner Freiheit einschränken. Dazu reise ich viel zu gerne. Das möchte ich auch in Zukunft tun können.“ Dafür nehme er den Pieks gern in Kauf.

Der Überlinger Allgemeinarzt Dr. Rainer Röver, hier auf einem Archivbild vom Juli 2019, verimpfte am 19. Dezember in der Turnhalle des Gymnasiums in Überlingen seine Bestände an Impfstoff, die im Januar 2022 abgelaufen wären.
Der Überlinger Allgemeinarzt Dr. Rainer Röver, hier auf einem Archivbild vom Juli 2019, verimpfte am 19. Dezember in der Turnhalle des Gymnasiums in Überlingen seine Bestände an Impfstoff, die im Januar 2022 abgelaufen wären. | Bild: Stefan Hilser

Rainer Röver impfte am 19. Dezember in der Turnhalle

Eine einmalige Aktion war das offene Impfangebot des niedergelassenen Überlinger Arztes Rainer Röver in der Turnhalle des Gymnasiums am Sonntagnachmittag. „Ich hatte noch 110 Dosen Impfstoff zur Verfügung, die im Januar verfallen wären“, erklärt der Mediziner sein außerplanmäßiges Angebot: „Das hätte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können.“ Grund dafür seien eine Empfehlung der kassenärztlichen Vereinigung und die schwer kalkulierbaren Lieferungen gewesen. So standen am Sonntag nach Rövers Aussagen zu Beginn der Aktion um 13 Uhr bereits 30 Menschen Schlange, um sich ihre Booster-Impfung abzuholen. Der Ansturm sei dann allerdings abgeflaut, sodass er am Ende noch 20 Dosen wegwerfen musste. Obwohl Anwesende noch versucht hätten, ihre Kontakte zu nutzen und weitere Kandidaten zu informieren, sei am Ende etwas übrig geblieben.