Das Weihnachtsgeschäft läuft, aber die Überlinger Einkaufsstraßen und Geschäfte sind leerer als in den Vorjahren. In Zeiten des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie bleiben viele Kunden lieber zu Hause und erledigen ihre Weihnachtseinkäufe im Internet. Auch im Überlinger Einzelhandel haben daher vereinzelt Inhaber einen individuellen Online-Shop eingerichtet, mit denen sie lokale Kunden beliefern können.

Matthias Nebelung, Überlinger Unternehmer und Webentwickler für Online-Shops: „Online-Shops sind für viele Geschäfte im Einzelhandel seit der Krise ein ernsteres Standbein geworden.“
Matthias Nebelung, Überlinger Unternehmer und Webentwickler für Online-Shops: „Online-Shops sind für viele Geschäfte im Einzelhandel seit der Krise ein ernsteres Standbein geworden.“ | Bild: privat

„Online-Shops sind für viele Geschäfte seit der Krise ein ernsteres Standbein geworden“, sagt der Überlinger Webentwickler Matthias Nebelung. Mit seiner Webagentur Enbit erstellt er unter unter anderem Online-Shops für Einzelhändler und berät sie bei ihrer Vertriebsstrategie auf unterschiedlichen Verkaufskanälen. Seine Agentur erhielt zu Beginn der Pandemie auch Anfragen aus Überlingen, erzählt er und meint: „Wer zu dem Zeitpunkt bereits einen Online-Shop hatte, konnte sich mit Beginn der Krise besser auf die Situation umstellen.“

Dank Internet-Vertriebsweg optimistisch ins Weihnachtsgeschäft

Heike Stocker, Filialleiterin der Parfümerie Gradmann in Überlingen: „Dank unserer Kundenkartei konnten wir gezielt Kunden anschreiben, die dafür das Einverständnis gegeben hatten. So konnten wir auf den Online-Shop aufmerksam machen.“
Heike Stocker, Filialleiterin der Parfümerie Gradmann in Überlingen: „Dank unserer Kundenkartei konnten wir gezielt Kunden anschreiben, die dafür das Einverständnis gegeben hatten. So konnten wir auf den Online-Shop aufmerksam machen.“ | Bild: Cian Hartung

Auch die Parfümerie Gradmann und ihre Überlinger Filiale in der Münsterstraße hatte vor der Pandemie einen Online-Vertriebsweg für ihre Produkte. Laut Filialleiterin Heike Stocker sei dieser aber durch die Corona-Krise und die Lockdowns noch wichtiger geworden. „Nach dem ersten Lockdown hatten wir bereits positive Rückmeldungen. Dank unserer Kundenkartei konnten wir gezielt Kunden anschreiben, die dafür das Einverständnis gegeben hatten. So konnten wir auf den Online-Shop aufmerksam machen.“ Auch im diesjährigen Weihnachtsgeschäft sei sie optimistisch, dass Stammkunden auf ihre Plattform zurückgreifen und die Privatparfümerie unterstützten.

Sie sagt aber auch: „Wir leben natürlich in einer Ausnahmesituation. Den Einzelhandel möchten wir aber aufrechterhalten.“ Das Besuchserlebnis mit persönlicher Beratung in einer Parfümerie könne und wolle man nicht ersetzen.

Online-Shop? Ja, aber nicht an die große Glocke hängen

Auch das Modehaus Munding hatte bereits vor dem Lockdown einen Online-Shop und konnte so Kunden beliefern. Doch dieser mache trotz Lockdown nur einen kleinen Anteil der Käufe aus, sagt Inhaber Klaus Munding, der auch stellvertretender Vorsitzender des Überlinger Wirtschaftsverbunds ist. „Trotz Corona sehe ich das Problem eher bei den Rücksendungen.“ Solange es keine Portokosten gebe, hätten Kunden keine Bedenken, nach einmaligem Tragen die Klamotten wieder zurückzuschicken. „Was machen wir dann mit den Klamotten?“, fragt er. „Die können wir nur noch mit Preisnachlass verkaufen.“

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Munding hat auch die Sorge, dass es für ihn und seine Kollegen nach hinten losgehen könnte, wenn man zu sehr in den Internetversand für lokale Kunden setze. „Ich habe Bedenken, dass der Online-Handel als solches die Innenstädte leert“, sagt er. „Wir wollen stattdessen unsere Kunden vor Ort beraten. Wir haben daher zwar einen Online-Shop, wollen diesen aber auch nicht an die große Glocke hängen.“

Sinneserlebnis Einkauf im Einzelhandel

Arno Schindler, Betreiber von „Schindler‘s Feinster Confiserie“ in Überlingen und Owingen: „Das Auge ist der erste Kunde, die Nase der zweite. Unsere Produkte, lassen sich daher nicht einfach so über das Internet vertreiben.“
Arno Schindler, Betreiber von „Schindler‘s Feinster Confiserie“ in Überlingen und Owingen: „Das Auge ist der erste Kunde, die Nase der zweite. Unsere Produkte, lassen sich daher nicht einfach so über das Internet vertreiben.“ | Bild: Cian Hartung

Bei „Schindler‚s Feinster Confiserie“ hat Inhaber Arno Schindler seit Beginn der Krise einen zusätzlichen Online-Vertriebsweg für seine Süßwaren ausgeschlossen. „Das Auge ist der erste Kunde, die Nase der zweite. Unsere Produkte, lassen sich daher nicht einfach so über das Internet vertreiben.“

Vereinzelt beliefert der Betrieb mit Standorten in Überlingen und in Owingen auch lokale Kunden. „Unsere Stammkunden wissen, was wir haben und bekommen Weihnachtssendungen geschickt.“ Aber dass neue Kunden über das Internet die Konfiserie entdeckten, hält Schindler für kaum denkbar. „Im Internet geht es um den Preis und da können und wollen wir mit unseren handgemachten Produkten nicht mit der Industrieware mithalten.“

Betreiber von Hut-Galerie: Nicht alles Gold, was glänzt

Auch Ulrich Köberle, Betreiber der Überlinger Hut-Galerie, hat sich in der Pandemie gegen einen Online-Shop für seinen Laden entschieden. Er meint: „Jeder, der gerade keinen Online-Shop hat, wird belächelt. Aber es ist blauäugig zu denken, dass ein Online-Shop den schnellen Umsatz bringt.“ Eine Umsetzung sei ein sehr langer Prozess – von der Idee bis zur erfolgreichen Umsetzung. „Die Kunden müssen auch von diesem Angebot wissen und er muss von ihnen auch gefunden werden.“

Ulrich Köberle, Betreiber der Überlinger Hut-Galerie: „Für einen einzelnen ist der Aufwand bei einem Online-Shop einfach zu groß. Das ist ein ‚Fulltime-Job‘.“
Ulrich Köberle, Betreiber der Überlinger Hut-Galerie: „Für einen einzelnen ist der Aufwand bei einem Online-Shop einfach zu groß. Das ist ein ‚Fulltime-Job‘.“ | Bild: Cian Hartung

Außerdem sei die Pflege eines Online-Shops ein „Fulltime-Job“, so Köberle – und verlange Kapazitäten, die er sich als Alleinunternehmer nicht leisten könne. „Man muss die Ware vorrätig haben und verschicken“, meint er und stellt die gleiche Frage wie Modehausbetreiber Mundig: „Und was ist dann mit Rücksendungen? Kann ich die Ware dann wieder zum Verkauf anbieten?“ Da sei auch die rechtliche Situation für uns Einzelhändler nicht gänzlich geklärt. Momentan sei der Online-Handel gegenüber dem lokalen Einzelhandel zwar klar im Vorteil, sagt Köberle. „Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt.“

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Ulrich Köberle fordert dagegen einen zentralen Webshop für die Überlinger Innenstadt, wo alle Überlinger Einzelhändler ihre Ware einstellen und vertreiben könnten. „Eine Art Amazon für Überlingen„, nennt er es. „Denn für einen einzelnen ist der Aufwand einfach zu groß.“

Brezeltaxi: Paradebeispiel für den Einzelhandel

Matthias Nebelung von der Überlinger Webagentur Enbit verweist bei innovativen Ideen aus dem Überlinger Einzelhandel gern an das Brezeltaxi. Seit April bietet ein Überlinger Startup einen Lieferdienst, der lokalen Kunden im Lockdown mit regionalen Produkten wie frischen Brötchen, Obst oder anderen regionalen Produkten an die Haustür liefert. Er sagt: „Wenn der Einzelhandel in Überlingen es schafft, in den Fokus ihrer Zielgruppe zu kommen, ist eine solches Konzept sicherlich spannend. Aber man muss auch durch Werbung oder gemeinsame Aktionen darauf aufmerksam machen.“

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