Obwohl Eva Weber, Betreiberin der Tanzschule „Dance and more“ im Salemer Ortsteil Neufrach, froh ist, endlich wieder Tänzer in ihrer Tanzschule empfangen zu dürfen, schwebt noch immer eine dunkle Wolke über ihr. Sie sagt: „Wir haben das noch immer nicht überstanden. Ob wir die Krise überleben werden, sehen wir erst im Herbst.“ Denn bis sie ihre Tanzschule wieder öffnen durfte, musste sie drei Monate lang geschlossen bleiben. Die Einnahmen gingen auf Null herunter. „Ohne private Unterstützung hätten wir die Zeit nicht überstanden“, sagt ihr Partner Michael Bolli.

„Wir fühlen uns im Stich gelassen“

Von der Politik fühlen sich die beiden im Stich gelassen. „Jedes Mal, wenn die Kanzlerin im Fernsehen auftrat, hofften wir, endlich wieder öffnen zu dürfen“, sagt Weber. Doch jedes Mal wurden sie enttäuscht. Ihnen sei nicht einmal eine Perspektive für die Öffnung gegeben worden – über Monate hinweg. „Keiner tritt für die Belange der Tanzschulen ein“, sagt Weber. Eigentlich hatte sie gehofft, nach den Osterferien ihren Betrieb wieder öffnen zu können. Die Ferien habe sie genutzt, um die Tanzschule auf Vordermann zu bringen, sogar Flyer habe sie bereits gedruckt. „Wir sind fest davon ausgegangen, nach Ostern geht es für uns weiter“, sagt Weber. Doch weitere Wochen der Schließung standen zu diesem Zeitpunkt noch bevor.

Eva Weber darf ihre Tanzschule wieder betreiben. Nur mit genug Kunden kann sie die Krise überstehen.
Eva Weber darf ihre Tanzschule wieder betreiben. Nur mit genug Kunden kann sie die Krise überstehen. | Bild: Jennifer Moog

Und obwohl sie jetzt wieder öffnen kann, ist immer noch nicht „alles wieder gut“, sagt Bolli. Denn die Nachfrage nach Tanzstunden sei noch nicht so hoch, dass sie kostendeckend sei, so Bolli weiter. Glück hätten sie dennoch. Denn die Auflage, zwischen Tanzenden 25 Quadratmeter Platz zu schaffen, sei bei ihnen kein Problem. Die Tanzfläche sei groß und Platz zum Tanzen genug da. Nur genug Kunden müssten jetzt noch kommen.

Veränderte Bedingungen

Doch nicht nur für sich sehen Weber und Bolli schwere Auswirkungen aus der Corona-Krise, sondern auch für Kinder und ältere Menschen. „In meiner ersten Tanzstunde mit den Kindern habe ich gemerkt, dass sie sich verändert haben“, findet Weber. Das Thema Corona sei bei ihnen sehr präsent und sie würden eingeschüchtert wirken. Auch der Tanzunterricht habe sich verändert: „Normalerweise haben hier die Kinder ihren Bewegungsdrang ausgelebt. Jetzt wird mit einem Hütchen markiert, wo sie sich aufhalten dürfen“, sagt Weber bedauernd.

Im Studio in Meersburg steht an vielen Ecken Desinfektionsmittel bereit.
Im Studio in Meersburg steht an vielen Ecken Desinfektionsmittel bereit. | Bild: Jennifer Moog

„Wir tun viel für die Gesundheit der Bevölkerung“

Auch die Gesundheit vieler Menschen habe in letzter Zeit gelitten, findet Daniel Haymann, Betreiber der Fitnesskette Fitness4you mit Studios in Überlingen, Nußdorf, Salem und Meersburg. Auch er fühle sich von der Politik allein gelassen, obwohl Fitnessstudios ein wichtiger Faktor in Sachen Gesundheit seien. „Dass wir viel für die Gesundheit der Bevölkerung tun und somit den Krankenkassen viel Geld sparen, sieht keiner“, findet Haymann. Denn entgegen der gängigen Meinung gingen nicht nur junge Kerle ins Fitnessstudio um zu pumpen, sondern auch viele ältere Menschen. „Der Altersdurchschnitt bei uns ist 47 Jahre, unser ältestes Mitglied ist 97 Jahre alt“, sagt Haymann. Und gerade diese Gruppe der älteren Menschen bräuchte die Bewegung, um nicht abzubauen.

Daniel Haymann betreibt acht Fitnessstudios in der Region. Seine Kunden sind bisher noch zögerlich.
Daniel Haymann betreibt acht Fitnessstudios in der Region. Seine Kunden sind bisher noch zögerlich. | Bild: Haymann

Einfallsreichtum gefragt

Um durch Corona möglichst wenige Mitglieder zu verlieren, habe er sich etwas einfallen lassen: Sowohl Online-Kurse als auch spezielle Vorteilsangebote. Denn aus Angst würden sich viele Mitglieder derzeit nicht in die Studios trauen. Auf Neukunden brauche er derzeit ebenfalls nicht zu hoffen.

Für eine Öffnung der Fitnessstudios habe sich Haymann schnell eingesetzt. „Ich hasse es, wenn die Leute nur rumsitzen und jammern, aber selbst nichts tun“, sagt er. Deshalb habe er eine Initiative gegründet und sei mit Politikern in Kontakt getreten, um ihnen den Nutzen der Studios klar zu machen. Trotzdem: Auch wenn die Studios jetzt unter Auflagen wieder geöffnet sind, geht Haymann davon aus, dass es 30 Prozent der Betreiber nicht überstehen werden.

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Es fehlt etwas

Eine schlechte Prognose für das Überleben vieler Tanzschulen hat auch Thomas Schütze, Inhaber der Tanzschule No. 10. Ihn selbst habe der Erhalt seiner beiden Tanzstudios in Überlingen und Friedrichshafen einen Teil seiner Rente gekostet – andere würden gar nicht erst wieder öffnen. Auch er habe seine Tanzschule vornehmlich deswegen geöffnet, um zu zeigen, dass sie noch da sind. Tanzunterricht beschränke sich hier auf Tänze, die am Platz stattfinden können. Andernfalls dürfe er in Überlingen nur drei Paare gleichzeitig unterrichten. Während der Schließung habe er Online-Angebote ins Leben gerufen, weil der Ruf danach groß gewesen sei. Doch ersetzen könne dies das Tanzen nicht. Und auch jetzt, nach der Wiedereröffnung, fehle noch etwas. Schütze sagt: „Durch die Corona-Auflagen fehlt das Soziale und das Wir-Gefühl.“

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