Der Überlinger Münsterpfarrer hat im Gottesdienst am 16. Juni, dem Dreifaltigkeits-Sonntag, eine breite und grundsätzliche Diskussion um Veranstaltungsorte in der Stadt angestoßen. Bernd Walter machte sich in seiner Predigt dafür stark, den traditionellen Bürgerempfang zum Auftakt des 1250. Stadtjubiläums am 12. Januar des kommenden Jahres im Münster statt im Kursaal zu feiern.

Der Überlinger Kursaal: Rathaus und Gemeinderäte wollen hier den Bürgerempfang im Rahmen des 1250-Jahr-Festes feiern.
Der Überlinger Kursaal: Rathaus und Gemeinderäte wollen hier den Bürgerempfang im Rahmen des 1250-Jahr-Festes feiern. | Bild: Hilser, Stefan

Für eine Eröffnungsfeier im Münster mit anschließendem Bürgerempfang im Kursaal plädiert auch Margit Fischer-Blatt, Historikerin und Oberstudienrätin aus Überlingen, in einem Brief an Oberbürgermeister Jan Zeitler. Sie betont die Bedeutung des Wahrzeichens der Stadt, und nennt eine Trennung von „Weltliches und Kirchliches dem Ereignis unangemessen“.

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Die Stadtverwaltung bedankt sich zwar ausdrücklich für das Angebot von Pfarrer Walter, möchte aber an dem bisherig gewählten Veranstaltungsort Kursaal festhalten und lässt durch ihre Pressestelle verlautbaren: „Nachdem auch Herrn Stadtpfarrer Walter die Zuständigkeiten in dieser Fragestellung bekannt sind, ist sich die Stadtverwaltung Überlingen sicher, dass er diese Entscheidung wohlwollend begleiten wird.“ Der Überlinger Gemeinderat hatte sich ebenfalls in einem ersten Stimmungsbild geschlossen dazu entschieden, am Kursaal festzuhalten.

Münster – Wahrzeichen der Stadt

Pfarrer Bernd Walter versteht die Ablehnung seines Vorschlags nicht und argumentiert: „Der Münsterturm ist doch, egal aus welcher Richtung ich komme, unser Wahrzeichen der Stadt und ein Denkmal. Das Wort Denkmal meint doch auch, denk mal nach. Überlingen würde mit der Festveranstaltung im Münster ein sichtbares Zeichen für unsere christlichen Wurzeln setzen. Damit meine ich natürlich Christen aller Konfessionen, und ich bin mir sicher, andersgläubige und Atheisten hätten auch kein Problem damit, ins Münster zu kommen. Wir bieten viel mehr Platz als der Kursaal. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron spricht von der Notre-Dame als Seele Frankreichs. Ist denn das Münster nicht die Seele Überlingens?“

Für eine Trennung von Kirche und Staat bzw. Stadt

Das Verhalten der Gemeinderäte verwundere ihn, äußert Walter, aber Marga Lenski von der LBU/die Grünen habe dazu bereits ein persönliches Gespräch angeboten. Die genannte Stadträtin möchte sich diese Entscheidung nicht leicht machen und sieht darin etwas Grundsätzliches. „Klar ist das eine Überlegung, rein schon wegen des Platzangebots im Münster und der kalten Jahreszeit im Januar, da sind wir im Kursaal platzmäßig natürlich beschränkt. Ich bin aber dennoch eigentlich für eine Trennung von Kirche und Staat, in diesem Falle auch von Kirche und Stadt“. Lenski plädiert dafür, die Entscheidung jedoch dem neuen Gemeinderat zu überlassen und diese auch nicht „zwischen Tür und Angel“ zu fällen.

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Die Reaktionen der anderen Fraktionen sind ähnlich. Robert Dreher von den Freien Wählern/ÜfA spricht aber auch von „einer tollen Vorstellung, das Münster voll mit Bürgern jeglicher Couleur“. Dennoch sieht er die Gefahr, dass Bürger die gerne zum Empfang gingen, nicht ins Münster kommen würden. Günter Hornstein von der CDU möchte ebenfalls niemanden ausschließen und Udo Pursche verweist auf eine rein weltliche, also städtische Veranstaltung. Raimund Wilhelmi schätzt die junge, frische und ökumenische Art des neuen Stadtpfarrers sehr, möchte aber als Liberaler für die FDP „den profanen und den sakralen Raum getrennt halten“.

2020 geht‘s in Überlingen rund

Bernd Walter gibt sich über diese Reaktionen verwundert, hält an seiner Meinung fest und erklärt: „Ich nehme meine Person da ganz zurück und wir könnten doch auch ganz im Sinne ökumenische Fürbitten für die Veranstaltungen halten. Wir haben ja bereits einen kirchlichen Arbeitskreis für das außergewöhnliche Jahr gegründet, an dem sich viele Kirchengemeinden in Überlingen beteiligen. Wenn also ein ehemaliger Bundespräsident sagte, der Islam gehöre zu Deutschland, dann gehört das christliche Münster auch zu Überlingen“. Was sollte daran falsch sein?, fragt Pfarrer Walter.

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Die Vorbereitungen der Stadtverwaltung für das außergewöhnliche Jahr 2020 mit Stadtjubiläum, Landesgartenschau und Jubiläum der Fasnacht laufen derzeit auf Hochtouren. Auf einer Pressekonferenz im Herbst werden laut Stadtverwaltung das Programm und die Festredner der verschiedenen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr bekannt gegeben.

Das ist geplant im Jubiläumsjahr

  • Wann wird denn nun gefeiert? Die Frage beschäftigte Stadt und Gemeinderat, nachdem ein Kontroverse unter Historikern, die die dem Jubiläum zugrunde gelegte Urkunde im Kloster St. Gallen neu datierten und statt bislang dem Jahr 770 nun dem Jahr 773 zuschrieben, zu unerwarteten Komplikationen geführt hatte. Im Juni 2017 hatte der Gemeinderat beschlossen, das Stadtjubiläum dennoch wie bislang im Landesgartenschaujahr 2020 zu feiern. Das Erscheinen einer geplanten Chronik zur Stadtgeschichte wurde dagegen auf das Jahr 2023 datiert.
  • Derzeit laufen die Planungen für die Festlichkeiten im nächsten Jahr. Am 12. Januar soll der Festakt zur Eröffnung des Jubiläumsjahrs mit dem Bürgerempfang kombiniert werden. Außerdem sind eine stadtgeschichtliche Vortragsreihe, eine Sonderausstellung „Sagenhaftes Überlingen“ im städtischen Museum, zahlreiche Themenführungen zur Stadtgeschichte sowie mehrere „Lange Nächte“ geplant. Rund um die zweite Schwedenprozession soll am 12. Juli ein großer Festakt als „Überlinger Tag“ mit Programm auf dem Gartenschaugelände stattfinden. Auch das Überlinger Sommertheater wird das Stadtjubiläum thematisieren. Bei Schriftsteller Peter Renz wurde dazu ein Stück in Auftrag gegeben. Am 9. August, dem Jahrestag der urkundlichen Ersterwähnung, wird es ein besonderes Programm mit Führung im Stadtarchiv geben.

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