Mancher Zaungast mag sich verwundert die Augen gerieben haben. Die mit Spannung erwartete kontroverse Diskussion um die Terminierung des 1250. Stadtjubiläums war kürzer und zielführender als befürchtet. Im Oktober 2016 hatte sich der Ausschuss für Bildung und Kultur einstimmig für die Beibehaltung des geplanten Termins im Jahr 2020 ausgesprochen, der Grundlage für die Bewerbung für die Landesgartenschau gewesen war. Billigend in Kauf nehmend, dass eine seriöse Stadtchronik zu diesem Zeitpunkt nicht vorliegen würde und erst 2023 publiziert werden sollte. Dem Jahr, in dem die Stadt nach neuesten Datierungen der Ersterwähnung von "Iburinga" erst 1250 Jahre alt werden soll.

50 Jahre nach der 1250-Jahr-Feier 1970 findet wieder ein großes Jubiläumsfest in Überlingen statt. Beim festlichen Umzug durch die beflaggte Münsterstraße wurden die jungen Trachtenträger nass und andere spannten die Schirme auf.
50 Jahre nach der 1250-Jahr-Feier 1970 findet wieder ein großes Jubiläumsfest in Überlingen statt. Beim festlichen Umzug durch die beflaggte Münsterstraße wurden die jungen Trachtenträger nass und andere spannten die Schirme auf. | Bild: SK Archiv

Das Votum des Ausschusses hatte der Gemeinderat im Oktober verworfen und eine weitere Diskussion gefordert. Nun sprach sich zur Überraschung der Beobachter nahezu das gesamte Gremium doch für den empfohlenen Termin 2020 aus. Lediglich Ulrich Krezdorn (CDU) gab den einsamen Kämpfer für eine große Feier 2023. Dafür hatte auch Reinhard Weigelt (FDP) zunächst plädiert, am Ende votierte auch das Trio der Liberalen geschlossen für das Gartenschaujahr, das Stadtverwaltung, Kur und Touristik Überlingen und die LGS GmbH einhellig befürworteten.

Die Verwaltung habe vom Gemeinderat die Aufgabe erhalten, zum einen die Vereine nach deren Prioritäten zu befragen, zum anderen die erhofften Synergien auf den Prüfstand zu stellen, erklärte Fachbereichsleiter Raphael Wiedemer-Steidinger. Letztere sei von allen Beteiligten noch einmal bekräftigt worden. Nur 2020 dürfe man eine Seebühne mit 400 Sitzplätzen erwarten. Das helfe Kosten zu sparen. Zudem gebe die Symbiose beiden Veranstaltungen ein Alleinstellungsmerkmal. Eine Konkurrenz entstehe hier nicht.

Von 200 befragten Vereinen hatte bislang nur ein Viertel sein Statement abgegeben. Doch 35 Befürworter des Jahres 2020 dominierten das Meinungsbild – bei sieben Gegnern und acht Unentschlossenen. Zudem habe die Narrenzunft darauf hingewiesen, dass der 2020 anstehende Narrentag als Auftakt zum Jubiläumsjahr keineswegs verschoben werden könne.

Zum einen sei das Stadtjubiläum ein Argument der Stadt im Wettbewerb um die Gartenschau just im Jahr 2020 gewesen, erklärte Lothar Thum (ÜfA/FWV) das Votum seiner Fraktion. Zum anderen habe es ja die einstimmige Beschlussempfehlung des Kulturausschusses gegeben. An dieser Konstellation habe sich nichts geändert. Die Sorge mancher Überlinger, im LGS-Jahr Eintritt zu den Jubiläumsveranstaltungen bezahlen zu massen, lasse sich sicher entkräften. Auch Günter Hornstein (CDU) erinnerte daran, dass das Jubiläum wichtiger Teil der Gartenschau-Bewerbung gewesen sei. "Wir müssen hier auch Verlässlichkeit gegenüber dem Zuschussgeber zeigen", erklärte er. "Auch die Vereine, die sich einbringen können, sind dafür." Zudem sei aus der Perspektive des letzten Jubiläums im Jahr 1970 der Termin 2020 nur konsequent. Hornstein betonte: "2023 können wir ja noch ein tolles Fest zur Chronik machen."

Die Gartenschau sei alleine "stark genug", hielt Reinhard Weigelt (FDP) entgegen. Und die Stadt habe "die einmalige Gelegenheit, zwei große Feste hintereinander zu feiern". Zudem eröffne die veränderte Situation "die Chance zu entzerren". Weigelt: "Sonst verschenken wir eine Veranstaltung." Eine verschenkte Chance für den Einzelhandel erkannte Ulrich Krezdorn (CDU) in dem Verzicht auf eine zweite Großveranstaltung. 2020 werde es ein "Schmalspurjubiläum" und die Zuschusstöpfe seien "begrenzt". Drei Jahre später könne man das Jubiläum feiern, "wie es sich gebührt". Ja, man könne das Jubiläum sogar "auf drei Jahre strecken".

Die Stadt werde sicher auch 2023 feiern, spendete Oswald Burger (SPD) Trost. "Doch wir sollten jetzt nicht umfallen." Zumal die Stadt nur durch einen "merkwürdigen Streit unter Fachwissenschaftlern" in die Bredouille gekommen sei, die einen zu Papier gebrachten Rechtsakt nun auf 773 datierten. Dass ein Jubiläum ohne Gartenschau in der Region nur wenig Strahlkraft über die Stadtmauern hinaus habe, ergänzte Robert Dreher (FWV/ÜfA) und fragte: "Wer war von uns denn in Markdorf?" "Beide Termine sind im Grunde denkbar", erklärte Ulf Janicke (LBU/Grüne). Das Jahr 2020 und die Verbindung mit der Gartenschau eröffneten die Chance, tatsächlich Geld zu sparen. "Oft tun wir uns damit sehr schwer, daher sollten wir diese Möglichkeit nutzen."

Die Ideenbörse

Zu Beflügelung der Fantasie und der Entscheidung hatten Stadtarchivar Walter Liehner und Museumsleiter Peter Graubach schon mal in ihre kreative Gedankenkiste gegriffen und mögliche Themen für das Stadtjubiläum aufgelistet. Dazu gehören für Liehner unter anderem die wehrhafte Stadt mit der gut erhaltenen und attraktiven Stadtbefestigung samt der Geschichte der Belagerungen. Zum anderen die Wurzeln und die Entstehung der Bäder- und Gartenstadt sowie das heutige touristische Ziel mit seinen Gesundheitsangeboten. Eine stadtgeschichtliche Sonderausstellung plant Graubach im gesamten Museum. Die Themen reichen von der ersten Besiedlung und der Stadtgründung über Weinbau und Getreidehandel bis zum jüdischen und kirchlichen Leben. (hpw)