Die Anklage lautete auf die Verbreitung, den Erwerb und den Besitz kinderpornografischer Schriften. Angeklagt war ein 53-jähriger Mann aus dem Bodenseekreis, der sich jetzt vor dem Überlinger Amtsgericht verantworten musste. Über einen von ihm betriebenen Server liefen die Dateien mit kinderpornografischem Inhalt und konnten somit von einer Vielzahl beliebiger Nutzer im Netz hochgeladen werden.

Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe und neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Der Verteidiger argumentierte mit der Unkenntnis des Angeklagten über diese Tatbestände und ganz im Gegenteil über die eigentlich guten Absichten des Angeklagten.

Von den vier geladenen Zeugen, alles Experten der Polizei, entlasteten drei den Beschuldigten durch ihre Aussagen, da sie dem Mann eine Schuld nicht explizit nachweisen konnten.

Angeklagter wusste angeblich nichts

Grund war auch die Komplexität des Themas: Tor-Server, Terabytes und Darknet – Worte, die jedem Informatiker wohl geläufig sein dürften, überforderten die meisten Anwesenden im Überlinger Gerichtssaal. Zur Erklärung: In sogenannten Tor-Netzwerken werden die Verbindungsdaten so anonymisiert, dass sie nicht auf Nutzer zurückgeführt wird. Diese Mechanik führte Verteidiger Gerd Pokrop zur Entlastung seines Mandaten ins Feld. Er stellte 53-Jährigen als eine Art Weltverbesserer dar.

Dieser habe keine Ahnung davon gehabt, dass kriminelle, anonyme Täter auch kinderpornografische Inhalte auf seinen Server hochgeladen hatten. Sein Mandant habe vielmehr Freiheitsaktivisten mit der Bereitstellung seines Servers helfen wollen. Selbst Facebook und Google betrieben derartige Browser, um Menschen in autoritären Regimes den Zugang zum freien Internet zu ermöglichen.

Sein Mandant habe Ähnliches im Sinn gehabt. Anwalt Pokrop verglich den Tor-Server mit einem Auto, das gebaut werde, um Menschen zu transportieren. Sollte jemand damit eine Amok-Fahrt begehen, wäre auch nicht der Hersteller dafür haftbar.

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Pokrop sagte, sein Mandant habe nicht gewusst das "auch Schmuddel-Kumpels" auf seinem Server unterwegs waren. Er forderte Freispruch. Der Richter folgte dieser Argumentation, da für ihn kein schlüssiger Gegenbeweis erbracht werden konnte, und sprach den Mann in allen Anklagepunkten frei.

Unbefriedigend, nannte Staatsanwalt Peter Schraff diesen Urteilsspruch. Er sprach von einem "lebensfremden Verhalten" des Angeklagten, das hier von der Verteidigung dargestellt werde, und behielt sich ein Berufungsverfahren vor.

Mehr als eine Million Dateien

Für den Staatsanwalt steht fest, dass der Angeklagte von den kinderpornografischen Inhalten auf seinem Server gewusst haben muss. Millionen von Dateien liefen zur Zeit der polizeilichen Hausdurchsuchung im Frühsommer 2016 auf den Computern des 53-Jährigen. Unter den polizeilich ausgewerteten Daten befanden sich auch rund 60 Videos und Bilder mit der Darstellung und Handlung schwerster Kinderpornografie.

Mehrere Festplatten hatte der Beklagte zusammengeschlossen, um eine Datenmenge von mehr als zwei Terabytes (also mehr als zwei Millionen Megabytes) verarbeiten zu können. Aus diesem Grund befanden sich auch mehr als eine Million Dateien auf seinem Server.

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Alle Dateien wurden von anonymen Absendern aus dem Darknet über einen Tor-Server, der vom Beklagten bereitgestellt und betrieben wurde, geleitet. Der studierte Techniker bestritt, Kenntnis von dem Inhalt dieser Dateien zu haben. Ein Betreiber eines Tor-Servers wisse nicht automatisch, was über diesen Server läuft, bestätigte ein als Zeuge geladener Hauptkommissar. Der Angeklagte, ein verheirateter Ingenieur, machte vor Gericht keinerlei Angaben zu den Vorwürfen des Staatsanwaltes.

Kommissarin zweifelt an Unschuld

Eine der Zeuginnen, die vor Gericht aussagte, war Polizeihauptkommissarin Manuela Dirolf, Spezialistin für die Aufklärung von sexuellem Missbrauch. Wie Staatsanwalt Peter Schraff war auch sie davon überzeugt, dass der Angeklagte genau wusste, dass auch Dateien mit kinderpornografischen Inhalten über seinen Server liefen.

Dirolf sagte aus, sie habe bei der Hausdurchsuchung ein komplettes Zimmer mit Rechnern vorgefunden. Aus dem Verhalten des Angeklagten bei der Vernehmung und seiner Bereitschaft zu einer Therapie, schließe sie aus, dass dieser nichts von den kriminellen Vorgängen auf seinem Server gewusst haben sollte.

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Allerdings räumte die Kommissarin ein, dass die Thematik "Tor-Verhalten und Darknet-Verhalten" ihre Sachkenntnisse "total übersteigen" würde. So schilderten es auch ihre Kollegen. Diese beschrieben es als äußerst schwer und langwierig, alle Inhalte der komplexen Dateien auszulesen, und nannten den Beklagten mehrfach einen Netzwerk-Profi.

Die Polizeibeamten sahen sich auch außer Stande, alle Fragen des Staatsanwalts und des Richters zu beantworten. Zu tiefgreifende Sachkenntnisse wären hierfür nötig, nannten sie als Erklärung. Vor diesem Hintergrund und aus Mangel an Beweisen sprach Richter Alexander von Kennel den Angeklagten frei.