Hannes Keller spricht von enormer Klebkraft. Der Tieftauchexperte meint damit die Sogwirkung des Schlamms auf dem Grund des Bodensees. In dem steckte seit November vergangenen Jahres eine 20 Tonnen schwere Betonkugel vor Überlingen fest. Dabei handelt es sich um ein Pumpspeicherkraftwerk, das in einem Modellversuch des Fraunhofer-Instituts im See versenkt wurde. Ein erster Bergungsversuch im Dezember scheiterte, eben wegen der Klebkraft des Schlamms auf dem Seegrund. Im zweiten Anlauf gelang am Freitag vergangener Woche die Bergung. Die immense Sogwirkung in den Tiefen des Bodensees wurde vor knapp 50 Jahren schon einmal einem technischen Versuch zum Verhängnis, nur ging es damals um Leben und Tod.

BAH II steht für „Babcock underwater habitat“, eine sechs Meter lange Stahlröhre mit einem Durchmesser von zwei Metern und einem Gewicht von etwa 20 Tonnen. BAH II war eine Unterwasserstation für Taucher. Mit ihren Fluttanks konnte sie schweben, steigen oder sinken, wie ein U-Boot: „Ein solides Konstrukt,“ wie Hannes Keller es auch heute noch bezeichnet. Im Juni 1969 setzte die Oberhausener Firma Babcock im Bodensee vor Süßenmühle zwischen Sipplingen und Überlingen erste Tests mit der Station um. Mit ihren langen Stützpfeilern wurde sie zunächst im knapp sieben Meter tiefen Wasser kurz vor der Seehalde abgesetzt. Anfang Juli begannen dann Tieftauchversuche rund 100 Meter vor dem Ufer, die zunächst bis in eine Tiefe von 26 Meter führten. Es war am Samstag, den 5. Juli 1969: Um die Mittagszeit fuhren der Konstrukteur der BAH II, Jürgen Dorschel, und der Konstanzer Taucher Bernd Hähnert mit der Station erstmalig auf 35 Meter Tiefe hinab.

Zunächst verlief alles nach Plan, dann aber riss die Sprechverbindung ab. Und als gegen 13 Uhr ein leerer Atemluftkanister an der Oberfläche auftauchte, war auf dem Versorgungsboot auf dem See klar, dass es mit der BAH II in der Tiefe des Sees größere Probleme geben musste. Hannes Keller befand sich damals gerade auf dem Versorgungsboot und übernahm sofort das Kommando. „Ich brauche Taucher“ war eine der ersten Ordern, die er gab. Seine damalige Freundin und spätere Frau Esther sprang ins Wasser und schwamm ans Ufer. Von dort verständigte sie Feuerwehr und Polizei. Und sie organisierte Taucher.

Station stürzt auf Seegrund

Es war der Beginn einer der dramatischsten und aufwendigsten Rettungsaktionen am Bodensee. Keller bezeichnet den Konstrukteur Dorschel als einen Mann mit originellen Ideen, als einen Denker mit Augenmaß. Doch mit der BAH II unterlief Dorschel ein Denkfehler: Wegen des Drucks in der Tiefe drang durch die an der Unterseite befindliche, offene Luke mehr Wasser ein als vorgesehen. Durch das unerwartete Übergewicht stürzte die Station unkontrolliert auf den Seegrund in 47 Meter Tiefe ab. Ihre Pfeiler bohrten sich tief in den Schlamm des Sees, die Ausstiegsluke war damit versperrt, Dorschel und Hähnert saßen in der Falle.

THW, DRK, Feuerwehr und Polizei und unzählige Sporttaucher eilten herbei. Darunter war auch Peter Stirnemann aus Kesswil in der Schweiz: „Ich habe sofort die mit Keller entwickelte und selbst gebaute Dekompressionskammer verladen und bin nach Sipplingen gefahren.“ Als Bergeschiff kam Heideggers Arbeitsschiff Lukas an der Unglücksstelle zum Einsatz. Dabei handelt es sich um die ehemalige Fähre und das heutige Denkmalschiff Konstanz. Mit einer auf Deck angebrachten Winde sollte die abgestürzte Station wieder hochgezogen werden.

Der Radolfzeller Sporttaucher Herbert Muffler war einer der ersten Taucher unten an der Station. Die Taucher trafen Vorbereitungen für das Hochziehen der Station. Aber daraus wurde nichts: „Der armdicke Tampen ist einfach abgerissen“, erinnert er sich. Und auch ein Stahlseil half nicht weiter: Durch die schieren Kräfte rissen auf dem Bergeschiff stattdessen die Schweißnähte, so fest steckte die Station im Schlick fest.

Die Pfeiler mit der Station ruhten auf Stahlplatten im Durchmesser von anderthalb Metern, „groß wie Teller für das Abendmahl für Elefanten“, so die Beschreibung von Keller. Taucher begannen, die Stützpfeiler mit einer Pumpe freizuspülen. Am nächsten Tag wurde ein stärkerer Kran der Konstanzer Firma Günter Berg auf der Fähre Hegau zur Unglücksstelle gebracht.

Und erst damit gelang es, die Plattform aus dem Schlamm zu ziehen. Doch damit war es noch nicht getan: Durch die lange Zeit unter Wasser benötigten die beiden Eingeschlossenen eine extrem lange Dekompressionszeit. Daher konnte die Station nur ganz langsam hochgezogen werden.

Erst am Mittwoch, den 9. Juli 1969, um 16 Uhr hievte ein Spezialkran am Überlinger Mantelhafen die Station aus dem Wasser. Nach 100 Stunden verließen Dorschel und Hähnert die Station wieder – unverletzt.

 

"Die Adhäsion hält alles fest"

Das sagt der damalige Einsatzleiter Hannes Keller zum Vergleich mit der feststeckenden Betonkugel:

Sind die Situationen damals und heute vergleichbar?

Die Problematik ist damals wie heute ziemlich dieselbe: Die Klebkraft des Schlicks auf dem Seegrund darf man nicht unterschätzen. Die Adhäsion hält alles fest.

Wir wirkt die sich aus?

Die Zugkräfte auf dem Seil sind enorm, daran geht alles kaputt.

Und wie kann dem entgegengewirkt werden?

Sie müssen langsam ziehen, es braucht einen kontinuierlichen Zug nach oben. Wenn man mal kontinuierlich stunden- oder tagelang zieht, wird sie sich langsam, zehntelmillimeterweise bewegen.