Am Mittwoch dieser Woche war wieder zu beobachten, wie ein Arbeitstrupp von Stadtgärtnerei und Werkhof, ausgerüstet mit dicken Handschuhen, die Kakteen im Überlinger Stadtgarten ausgrub und die Pflanzen zum Abtransport ins Winterlager fertig machte. Schon der frühere Stadtgärtnerei-Chef Thomas Vogler wies immer wieder darauf hin, dass diese Arbeit personalintensiv und deswegen teuer sei, dass die Pflanzen unter dem Transport leiden, und dass der Umzug eine gefährliche Arbeit für seine Mitarbeiter darstelle. Die Pflanzen tragen schließlich Dornen und sind teils so schwer, dass sie von mehreren Mitarbeitern gemeinsam getragen werden müssen.

Die Kakteensammlung im Winterlager.
Die Kakteensammlung im Winterlager.

Soweit die Umstände, die vor einigen Jahren schon zu der Überlegung führten, die Kakteen in einem Pflanzenhaus ganzjährig aufzubauen und auszustellen. Im Zuge der Landesgartenschau sollte eben dieses Pflanzenhaus gebaut werden. Zunächst wurde im Jahr 2014 in einem Architekturwettbewerb eine Gebäudeform gewählt, die zwar gefiel, wie sich später herausstellte, technisch aber für ein Pflanzenhaus ungeeignet war und jeglichen Kostenrahmen sprengte.

Nach dem Willen des Denkmalamtes soll eine "Kakteenkulisse" im Stadtgarten stehen bleiben. Bild: Stefan Hilser
Nach dem Willen des Denkmalamtes soll eine "Kakteenkulisse" im Stadtgarten stehen bleiben. Bild: Stefan Hilser | Bild: Hilser, Stefan

Gedacht war an eine optisch mit dem gegenüber liegenden Parkhaus korrespondierende Lösung. Als dieses Projekt im März 2017 gestoppt wurde, hatte sich auch der Verein Bürgersinn gemeldet, jene Gruppierung, die sich stark gemacht hatte für den Bau einer Therme auf dem Härlen und gegen eine Bebauung des Ufergeländes.

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Ihrem Vereinssinn folgend, hatte der Bürgersinn im März 2017 vorgeschlagen gehabt, keine weiteren Uferflächen zu bebauen, sondern die Kakteensammlung am vorhandenen Standort zu belassen, entweder mit einer mobilen Überdachung oder jährlicher Umbettung. Der Gemeinderat hielt jedoch mehrheitlich am Bau eines Pflanzenhauses im Stadtgarten fest, erteilte aber die Auflage, das technische Konzept zu überarbeiten und die Kosten zu reduzieren.

Gegenstimmen von Krezdorn und Biniossek

Dieser zweite Planungsprozess wurde nun abgeschlossen, am 26. September dieses Jahres gab der Gemeinderat einer holländischen Firma den Auftrag zum Bau eines Pflanzenhauses. Gegenstimmen kamen lediglich von Ulrich Krezdorn (CDU) und Roland Biniossek (Die Linke). Es soll rund 1,0 Millionen Euro kosten, Ausmaße von 30 auf 20 Metern in der Fläche und fast 10 Meter in der Höhe haben, und im Park zwischen Bahnhofstraße und Bodensee, beziehungsweise zwischen Therme und ehemaligem Haus des Gastes (Geschäftsstelle der Landesgartenschau GmbH) gebaut werden.

Geld vom Land

"Die Zeit drängt", sagte Grünflächenamts-Chef Rolf Geiger im Gemeinderat. "Wir warten seit vielen Monaten darauf, dass es endlich weitergeht." Das Pflanzenhaus dient während der Landesgartenschau 2020 als Pavillon für das Land Baden-Württemberg, ab 2021 als Standort für die laut OB Jan Zeitler "wertvolle Kakteensammlung" der Stadt Überlingen. Um Zustimmung im Rat warb Zeitler zudem mit dem Argument, dass das Bauwerk vom Land "mit einer nicht unerheblichen Förderung" (650 000 Euro) unterstützt werde.

Während der Landesgartenschau werden im Pflanzenhaus keine Kakteen, sondern Landespolitiker zu sehen sein. Karikatur: Stefan Roth
Während der Landesgartenschau werden im Pflanzenhaus keine Kakteen, sondern Landespolitiker zu sehen sein. Karikatur: Stefan Roth | Bild: Stefan Roth

Bürgersinn findet's "kümmerlich"

Am vergangenen Sonntag wandte sich der Verein Bürgersinn in einem offenen Brief per E-Mail an Oberbürgermeister Jan Zeitler und an den Gemeinderat und kommentierte, dass der jetzt beschlossene Entwurf, "eine kümmerliche, steife und in jeder Hinsicht sperrige Baulösung in Form eines beliebigen Gewächshauses" darstelle. So ein Gebäude könne man sich etwa auch am Hegauer Autobahnkreuz als Einhausung für Reichenauer Gemüse vorstellen, so der von Joachim Betten und Hannes Ingerfurth unterzeichnete Kommentar.

"Eine Notlösung"

Betten und Ingerfurth fragen: "Soll das nun, wie stets gefordert, für Überlingen Identität stiften?" Der Gemeinderat habe sich von der Verwaltung unter Hinweis auf den engen Zeitplan zur Entscheidung "pressen" lassen. "Damit ist nun ein Projekt entschieden, das nicht mehr zu ändern ist und die Überlinger Bürger müssen sich mit dieser Notlösung zufrieden geben."

Warum gab's keine Antwort auf ihren Brief?

Weiter kritisieren sie, dass der Entscheidungsprozess "konfus" gewesen sei und sie auf ihren Alternativvorschlag von März 2017 nie eine Antwort erhalten hätten. Dazu teilte die Stadtverwaltung nun gegenüber dem SÜDKURIER mit, dass der Brief von März 2017 als "Stellungnahme" tituliert gewesen sei, die in den Entscheidungsfindungsprozess eingebracht worden sei, aber keine explizite Antwort erwarten lasse.

Stadt dankt dem Bürgersinn

Die Stadtverwaltung beabsichtigt nicht, auf den offenen Brief zu antworten. Auf Nachfrage unserer Redaktion zu diesem Punkt teilte Zeitlers Pressereferat mit: "Aufgrund der nunmehr jahrelangen Diskussion zum Thema Pflanzenhaus sind aus Sicht der Stadtverwaltung alle Argumente hinreichend ausgetauscht." Man nehme zur Kenntnis, dass der Bürgersinn "eine zum eindeutigen Gemeinderatsbeschluss abweichende Auffassung zu diesem Thema vertritt", zugleich bitte die Verwaltung um Akzeptanz "der gefällten demokratischen Entscheidung".

OB dankt dem Bürgersinn

Weiter schreibt die Pressestelle des Oberbürgermeisters: "Die Stadtverwaltung Überlingen ist nunmehr durch den Gemeinderat mit einem klaren Handlungsauftrag ausgestattet, den wir gerne umsetzen. Gleichwohl danken wir 'Bürgersinn e.V.' für die kritische Begleitung des Themas, sehen aber aufgrund der ausführlichen Beratung und abschließenden Entscheidung des Gemeinderates kein weiteres Erfordernis einer Diskussion."

Dem Bürgersinn geht's noch um Grundsätzliches

Mit Verweis auf das Kramer-Gelände in der Nußdorfer Straße und das Telekom-Areal in der Langgasse, wo nichtöffentlich über den Bau von Wohnungen nachgedacht wird, schreibt der Bürgersinn: "Es ist an der Zeit, die vom Gemeinderat beschlossene 'Bürgerbeteiligung' auch in der Realität umzusetzen." Projekte dazu gebe es in ausreichendem Maße.