Wo die meisten wegsehen, weil sie nichts von den Problemen, vom Leid der anderen wissen wollen, da schaute Wolfgang Schindele hin. Und fragte dann nicht etwa, was er denn als Einzelner schon tun könne. "Jeder kann helfen, wenn er nur will", sagte er, als er 2001 das Bundesverdienstkreuz für sein soziales Engagement erhielt. Wolfgang Schindele, der Überlinger Drehorgelmann, der sich entschieden hatte, zur Ein-Mann-Hilfsaktion zu werden und dafür oft ungewöhnliche, manchmal kuriose Wege beschritt, hatte genau dies sich zu seinem Motto gemacht: "Gehe nicht immer auf vorgezeichentem Weg! Er führt nur dorthin, wo andere schon gegangen sind." Jetzt endete sein Weg. Am 24. Januar starb Wolfgang Schindele im Alter von 74 Jahren. Trauerfeier und Urnenbeisetzung finden am kommenden Freitag, 3. Februar, 13 Uhr, auf dem Überlinger Friedhof statt.

Wolfgang Schindele in der Münsterstraße im Jahr 2010.
Wolfgang Schindele in der Münsterstraße im Jahr 2010.

"Ein Mensch mit großem Herz und einem Blick für die krassen Unterschiede der Lebensverhältnisse, die bis heute nicht angeglichen sind", charakterisierte jemand Wolfgang Schindele erst kürzlich in Überlingens sächsischer Partnerstadt Bad Schandau, für deren Menschen er seit 1989 zu einem Symbol der gelebten Nächstenliebe wurde. Jahrzehnte lang stand der Mann mit dem großen Herzen in seiner Phantasieuniform an der Drehorgel in der Münsterstraße und kurbelte. Meistens Samstags, während des Wochenmarktes. Der Soldat der Menschlichkeit kurbelte und sammelte. Geld für die Armen, Schwache und Hilfsbedürftige. Geld und Hilfsgüter. 13 Mal war Schindele zwischen 1993 und 2004 in Kiew, nachdem er bei einem Besuch den Tschernobyl-Reaktor und seine Opfer kennen gelernt hatte.

Blasinstrumente für eine Musikkapelle in Kiew. Schindele vor gut drei Jahren.
Blasinstrumente für eine Musikkapelle in Kiew. Schindele vor gut drei Jahren.

Keine Herausforderung war ihm zu groß. In Kiewer Krankenhäuser vermittelte Schindele von der Bundeswehr beschaffte Röntgengeräte und Medikamente, die er Pharmaunternehmen abgeschwatzt hatte. Wenn er die Waisenhäuser und Kinderheime des "Eisenbahnbezirks" besuchte oder das Blindeninternat Nr. 5 in Kiew-Podol, dann hatte er auch immer etwas Süßes oder ein Spielzeug dabei. Und Musik. Seine winzige Ziehharmonika begleitete ihn immer. Neben Geld sammelte er Hörgeräte und Rollstühle, viele Überlinger Geschäftsleute unterstützten ihn. Als Schindele kurz vor Weihnachten 2000 einmal nachzählte, da füllte seine Korrespondenz in Sachen Kiew 27 Aktenordner. Einen großen Teil darin machen Dankesbriefe aus. Selbstgeschriebene Gedichte von alten Menschen, kleine Zeichnungen. Die 20-jährigen Irina Ponomarenko, eine mit Preisen ausgezeichnete Schülerin der Kiewer Schule Nr. 149, bedankte sich auf Deutsch, dass sie leben darf – sie litt an einer seltenen Blutkrankheit und mit 1000 Mark von Schindele, gespendet in Überlingen, konnte sie behandelt werden.

Dieses Bild von Wolfgang Schindele stammt aus dem 1970-er Jahren.
Dieses Bild von Wolfgang Schindele stammt aus dem 1970-er Jahren.

Als sich Wolfgang Schindele an Ostern 2003 wieder einmal auf die beschwerliche Reise nach Kiew machen wollte, da bremsten den rührigen 61-jähigen Hausmeister des städtischen Kursaals Herzinfarke aus. Danach war das Leben des Ehemanns und dreifachen Vaters zwar nie mehr so wie zuvor, doch irgendwann hörte man auch seine Drehorgel wieder durch die Münsterstraße tönen. In den Kursaal allerdings, in dem der geniale Techniker und Improvisateur zur Institution geworden war, kehrte er nicht mehr zurück. Seit 1987 war er der gute Geist des Kursaals gewesen, für die Akteure von Frauenkaffee und Narrenkonzert ebenso wie für die Künstler der Tourneebühnen.

Wolfgang Schindele an seiner Drehorgel der Überlinger Firma Raffin in den 1980-er Jahren.
Wolfgang Schindele an seiner Drehorgel der Überlinger Firma Raffin in den 1980-er Jahren.

Zahllose Dankesnoten mit großen Namen füllen seine Alben. Eine Widmung von Grit Böttcher lautet einfach "Wolfgang, Sie Lieber..." Und der berühmte Paul Kuhn holte ihn ihn zum Dank fürs perfekte Licht auf die Bühne.

Bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Partnerstadt im Jahr 2013 umriss Bad Schandaus damaliger Bürgermeister Andreas Eggert, weshalb der Mann vom Bodensee, der für ihn und so viele Menschen dort zum persönlichen Freund geworden war, derart geehrt wird. Er verglich Schindeles Arbeit mit einem großen Mosaikbild, das sich aus unzähligen Steinchen zusammensetzt: Er erinnerte an das Sammeln von Rollstühlen und Rollatoren für die Altenhilfe, von Spielsachen und Schulmaterial für die Kinder. Er habe bei der Erneuerung der kunstvollen Kirchenfenster geholfen und für das Altenheim einen Treppenlift besorgt. Er war der Weihnachtsmann für Kinder und Senioren, der Musiker mit dem Akkordeon, der Geschichtenerzähler, der Leierkastenmann. "Es ist dieses immerwährende Engagement über 22 Jahre, das bei Wolfgang Schindele nie nachgelassen hat", sagte Eggert, "vor allem auch bei den Hochwasserkatastrophen und der schrecklichen Elbeflut 2002."

Er gehörte zum Stadtbild wie das Münster, fand auch Grafiker Njoschi Weber.
Er gehörte zum Stadtbild wie das Münster, fand auch Grafiker Njoschi Weber.

Es war an seinem 70. Geburtstag, im Juni 2012, da blätterte Schindele durch Fotoalben. Bilder aus 20 Jahren Kiewbesuchen. Ein Saal voller ärmlich bekleideter Mütterchen, an die er Geld verteilt. Traurige Kindergesichter im Waisenhaus. Und glückliche, mit einer Süßigkeit oder einem Spielzeug in den Händen, die der Mann aus Deutschland mitgebracht hat. Noch ein Foto. Schindele zusammen mit einem kleinen Junge, dem der betrunkene Vater ein Auge ausgeschlagen hatte. Worum es ihm ging? "Um die Menschen", sagte Schindele damals und Tränen flossen ihm über die Backen, "einfach um die Menschen, ich wollte immer einen Beitrag zum Frieden und zur Menschlichkeit leisten". Das wurde auch in der Ukraine so gesehen. Als Schindele 2004 auf dem Flughafen von Kiew ankam, erzählte er mit etwas Stolz, habe er nicht mehr durch die Zollkontrollen gemusst. "Ein Geheimdienstmitarbeiter nahm mich zur Seite und erklärte, ich hätte jetzt Diplomatenstatus."

Salz und Brot für den Wohltäter von zwei Kiewer Trachtenmädchen.
Salz und Brot für den Wohltäter von zwei Kiewer Trachtenmädchen.

Technik, Bühne und Musik

Wolfgang Schindele ist am 6. Juni 1942 in Heidelberg geboren, den kurpfälzischen Zungenschlag verlor er nie. Mit 20 kam er nach Überlingen und war bis 1987 bei der damaligen Firma Elektro-Riese & Hähnel beschäftigt. Danach wechselte er zur Stadtverwaltung Überlingen und war technischer Chef im Kursaal.

"Musik und Technik, das war immer meines", sagte Schindele vor einigen Jahren mit Blick auf sein Leben. Kursaal-Hausmeister, das sei eigentlich der ideale Beruf gewesen für ihn als Blechner- und Installateur, der sich am Heidelberger Stadttheater zum Bühnenhandwerker fortgebildet hatte. Schon neben der Lehrzeit her hatte er fürs Theater gearbeitet, "denn das Theater war immer mein Traum". Technik und Musik: Der Akkordeonspieler war ein kunstsinniger Mensch mit viel Liebe zur Musik. Im Sammeln und Restaurieren "selbstspielender mechanischer Musikinstrumente" verbanden sich all seine Leidenschaften. Flügel, Klaviere und Walzenpianos hatte er selbst restauriert oder zum Laufen gebracht. An einem Klavier aus England arbeitete er sieben Jahre, erzählte er gerne. Schindele trug eine bedeutende Sammlung zusammen. Darunter auch Dutzende Grammophone und Edisonografen. Dazu tausende Walzen, Schellackplatten und natürlich Drehorgelwalzen und -Rollen trug der Sammler zusammen. Und dann war da noch die Leidenschaft für die Technik unter der Motorhaube. Oldtimer waren noch eine Leidenschaft und auch da legte er als geschickter Mechaniker selbst Hand an. Sein Lieblingswagen war ein Adenauer-Mercedes aus dem Jahr 1952, mit dem man ihn früher öfter mal mal in der Stadt sah. Über eine Zeitungsannonce war er 1992 auf den Wagen gestoßen, der zuletzt in Ägypten zugelassen war. Einst hatte er König Idris al Senussi von Libyen gehört, den Gaddafi vom Thron gestoßen hatte. Die meisten Fahrzeuge hatte er schnell wieder verkauft. "Den Königswagen gebe ich nie wieder her. Den vererbe ich meinem Sohn."

2013: Überlingens OB Sabine Becker und Bürgermeister Andreas Eggert (rechts) verleihen die Ehrenbürgerwürde von Bad Schandau am Wolfgang Schindele und Wolfgang Spang.
2013: Überlingens OB Sabine Becker und Bürgermeister Andreas Eggert (rechts) verleihen die Ehrenbürgerwürde von Bad Schandau am Wolfgang Schindele und Wolfgang Spang. | Bild: privat