„Ich möchte in Deutschland arbeiten, warum gibt mir keiner eine Chance?“ Mahmoud Alkhlif klingt verzweifelt. Der junge Syrer ist zusammen mit Frau und Kind seit Dezember 2017 in Gemeinschaftsunterkünften in Salem untergebracht, erst im Riedweg und jetzt in der Bodenseestraße. Vor zwei Wochen hat Alkhlif einen Abschiebebescheid erhalten, der ihn und seine kleine Familie wieder nach Litauen zurückbeordert. Von dort reiste er im September 2017 nach Deutschland ein.

Alkhlif hätte in Litauen einen Asylantrag stellen müssen

Dort hätte er laut der Dublin-III-Verordnung des Europäischen Parlaments auch seinen Asylantrag stellen müssen und nicht, wie geschehen, in Sigmaringen, wohin er weitergeleitet worden war. Jetzt will er darum kämpfen, dass die Familie bleiben kann, zunächst bis sein 22 Monate alter Sohn eine Operation hinter sich hat, die seit Längerem vereinbart ist. Danach hofft der Vater auf eine Ausnahmeregelung.

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Kleiner Sohn soll am 24. April operiert werden

Der Ausländerbehörde sieht das anders vor. Laut Abschiebebescheid muss sich die Familie zur Abholung für die Rückführung vom 15. bis 19. April zwischen 17 und 20 Uhr in ihrem Zimmer bereithalten. Der OP-Termin ihres Sohnes ist auf den 24. April terminiert.

B1-Prüfung und Test "Leben in Deutschland" bestanden

In der Zeit seiner Duldung hat Mahmoud Alkhlif auf eigene Initiative und eigene Kosten die deutsche Sprache erlernt, die B1-Prüfung und den Test „Leben in Deutschland“ bestanden. Er würde gern weiterlernen und die nächsthöhere Kursstufe absolvieren. Doch mit dem Status der Duldung ohne Aufenthaltsgenehmigung werde ihm der Kurs nicht finanziert. Da wünscht sich Alkhlif „mehr Gerechtigkeit“: Andere Geflohene bekämen Sprachkurse angeboten und nähmen sie teilweise nicht wahr.

"Stehe jeden Morgen um 4 Uhr auf, um Deutsch zu lernen"

„Ich stehe jeden Morgen um 4 Uhr auf, um Deutsch zu lernen, weil es dann noch ruhig ist in der Asylunterkunft.“ Denn Internetverbindung bekommt er nur in der Küche. Alkhlif stellt die Frage, was gute Integration bedeute. Er habe Deutsch gelernt, Bewerbungen geschrieben und sei arbeitswillig. „Was soll ich sonst noch tun?“

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Alkhlif will als Orthopäde arbeiten

Der junge Mann hat in Weißrussland Medizin studiert und möchte in Deutschland als Orthopäde arbeiten. Doch seine staatliche Zulassung lässt auf sich warten – seine Zeugnisse werden seit mehreren Monaten geprüft, wie er erklärt. Ohne die staatliche Zulassung kann er aber keine Stelle annehmen, obwohl er schon einige positive Rückmeldungen auf seine Bewerbungen erhalten hat. Und da ist noch die Aufforderung der Ausländerbehörde, nach Litauen zurückzukehren.

"Warum schiebt Deutschland Fachkräfte ab?"

Für ihn ist das nicht nachvollziehbar. "In Deutschland fehlen doch Fachkräfte auch in der Medizin“, meint er. „Warum schiebt Deutschland Fachkräfte ab?“ So viele Deutsche müssten lange auf Facharzttermine warten. Durch Kräfte aus dem Ausland könnte beiden Seiten geholfen werden, ist der Mediziner sicher.

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Er sieht keine Zukunft in Litauen, spricht die Sprache nicht

Was er in Litauen anfangen sollte, weiß der syrische Arzt nicht. „Ich spreche die dortige Sprache nicht.“ Auch wisse er nicht, wo er mit seiner Familie leben soll. Nach Syrien könne er ebenfalls nicht zurück. Sein Haus sei zerstört, seine Mutter im Krieg getötet worden. „Das ist ein permanenter Stress“, befindet Alkhlif. Auf Grund des Drucks der vergangenen Monate sei er schon wegen Depressionen behandelt worden. Er wisse nicht weiter und verstehe die Situation nicht.

Auch seine Frau möchte in Deutschland als Gynäkologin praktizieren

Seine Frau Maryna Yermakovich nickt. Es sei nicht leicht, mit einem Kleinkind auf engstem Raum in einer Unterkunft mit vielen Nationalitäten zu leben, erzählt sie. Zweimal die Woche besucht sie mit ihrem Kind eine Krabbelgruppe in Salem. Da bessere sie ihr Deutsch auf und habe auch eine deutsche Freundin gefunden. Die studierte Gynäkologin wünscht sich ebenfalls, später in Deutschland praktizieren zu können.