Morgens, 5 Uhr, in Meersburg-Riedetsweiler, bei minus sieben Grad. Ein Teil des Weinbergs unterhalb des Orts ist durch ein Feuerwehrauto hell erleuchtet. Im ersten Moment sieht es so aus, als ob es sich um einen Einsatz handelt. In Not ist hier sicher keiner, aber ein ganz besonderer Einsatz ist es allemal, denn etwa 20 Winzer und Helfer vom Winzerverein Meersburg sind dabei, die gefrorenen Müller-Thurgau-Trauben zu ernten.

Der Vorsitzende des Winzervereins Meersburg, Georg Dreher, packt bei der Eiswein-Lese mit an und schneidet die Trauben ab.
Der Vorsitzende des Winzervereins Meersburg, Georg Dreher, packt bei der Eiswein-Lese mit an und schneidet die Trauben ab. | Bild: Reiner Jäckle

Unter den Wimmlern ist die Stimmung trotz der unchristlichen Zeit blendend. Es wird viel gelacht. Das hat auch seinen Grund, denn für viele, selbst für Winzer, die bereits 40 Jahre im Geschäft sind, ist es die erste Eiswein-Lese überhaupt. So etwas hat Seltenheitswert. Außerdem zitterten die Winzer bis kurz vor der Ernte, ob es die erforderlichen minus sieben Grad Außentemperatur geben wird, damit der gegorene Rebensaft später auch als Eiswein verkauft werden darf. Von der Temperatur her war es eine Punktlandung.

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Vier komplette Reihen Reben waren nach der Lese im Herbst vom Winzerverein Meersburg mit Plastikfolie gesichert worden, sodass durch eventuellen Schneefall keine Trauben abfallen. Dieser Schutz muss nun erst einmal entfernt werden, bevor die wertvollen tiefgefrorenen Früchte geerntet werden können. Viele der Helfer sind mit Stirnlampen und Rebscheren ausgestattet. Auch wenn es nur ganz selten eine Eiswein-Lese gibt, funktioniert alles wie perfekt abgestimmt.

Einen stattlichen Ertrag gab es bei der Eiswein-Lese beim Winzerverein Meersburg am 11. Januar morgens um 5 Uhr. Insgesamt wurden etwa 600 Kilo Trauben geerntet. Hier füllt Winzer Andreas Volz die Kisten auf. Bild: Reiner Jäckle
Einen stattlichen Ertrag gab es bei der Eiswein-Lese beim Winzerverein Meersburg am 11. Januar morgens um 5 Uhr. Insgesamt wurden etwa 600 Kilo Trauben geerntet. Hier füllt Winzer Andreas Volz die Kisten auf. Bild: Reiner Jäckle | Bild: Jäckle, Reiner

Die Helfer machen sich umgehend an die Rebstöcke und schneiden die ersten Müller-Thurgau-Trauben ab. Zwei Traktoren werden so positioniert, dass die Wege mit den vollen Kisten möglichst kurz sind. Ein Großteil der Einsatzkräfte verteilt sich in die vier Reihen und schneidet die Trauben ab. Die ersten vollen Kisten werden bereits auf die Traktoren geladen und durch leere Kisten ausgetauscht. Alles läuft wie am berühmten Schnürchen.

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Die Rebstöcke hängen noch voll. Teilweise sind die Früchte mit Schnee bedeckt. Es ist nicht immer einfach, den Stiel zu finden, der abgeschnitten werden muss. Außerdem müssen die Wimmler bei den Minustemperaturen mit Handschuhen arbeiten. Immer wieder sind sogar Trauben dabei, die noch völlig ohne Fäulnis sind. „Wow – die schmecken aber gar nicht schlecht und richtig süß“, sagt Ralf Löhle, der eine solche Traube gefunden hat.

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Kiste um Kiste füllt sich schließlich der bereitgestellte Anhänger. Schnell wird klar, dass die vorbereiteten 40 Kisten nicht ausreichen. Doch die Winzer beim Winzerverein Meersburg sind vorbereitet. Schnell tauchen Eimer auf, in die die restlichen Trauben gefüllt werden können. Kaum eine Stunde später hat das etwa 20-köpfige Team alle Trauben gelesen. Schnell wird noch ein Gruppenbild gemacht und dann zählt jede Minute, denn die Früchte müssen noch in gefrorenem Zustand in die Presse. Davor werden sie von Riedetsweiler in die Meersburger Unterstadt gefahren.

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Einige Helfer kommen mit, laden die Kisten von Hand aus und hieven sie in den Weinkeller. Dort werden sie umgehend weitergeleitet und von Weinküfermeister Stefan Warnkönig in die Presse gekippt. Eine gute halbe Stunde, nachdem die Trauben die Reben verlassen haben, sind sie bereits fertig zur Verarbeitung. Die Presse wird angeschmissen und der erste Tropfen Saft fließt in die vorgesehene Wanne. Einige Helfer bleiben im Weinkeller und verfolgen die Arbeit. Denn es fehlt noch ein ganz wichtiger Faktor, damit aus den Trauben auch wirklich Eiswein wird: der Oechslegrad – die Maßeinheit, die den Zuckergehalt definiert. Ein Eiswein benötigt mindestens 124 Grad Oechsle.

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Kellermeister Valentin Wagner ist die Aufregung anzumerken. Es ist sein erstes Mal, dass er Eiswein macht. Deutlich gelassener wirkt der Vorsitzende des Meersburger Winzervereins, Georg Dreher. Nachdem die ersten Liter Saft gepresst sind, nimmt der Kellermeister eine Probe und gibt es in den digitalen Oechslegrad-Messer ein. Nur wenige Sekunden später breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Beim Blick auf die Anzeige ist schnell klar, warum: 134 Grad Oechsle. „Das kann sich sehen lassen.“

Da hat er gut lachen: Kellermeister Valentin Wagner vom WInzerverein Meersburg freut sich riesig über den Oexlegrad von 134 der gelesenen Müller-Thurgau-Trauben. Um Eiswein zu produzieren, sind mindestens 124 Oexlegrad notwenig.
Da hat er gut lachen: Kellermeister Valentin Wagner vom WInzerverein Meersburg freut sich riesig über den Oexlegrad von 134 der gelesenen Müller-Thurgau-Trauben. Um Eiswein zu produzieren, sind mindestens 124 Oexlegrad notwenig. | Bild: Reiner Jäckle

Der Traubensaft wird abgepumpt und kommt in ein Fass, in dem er gären kann. Nun ist er in den Händen von Valentin Wagner, der aus den mindestens 150 Litern Traubensaft einen „genialen, fruchtigen Dessertwein“ machen möchte. „Unser Kellermeister hat nun noch einige Arbeit vor sich“, sagt Georg Dreher. Er bezeichnet die Eiswein-Lese als Paradebeispiel dafür, wie eine Genossenschaft funktioniert. „Wir haben am Tag vor der Lese kurzfristig entschieden, dass wir die Trauben ernten werden.“ Trotz der Kurzfristigkeit fanden sich etwa 20 Winzer ein, die halfen. „Das zeigt das tolle Miteinander bei uns“, fügt Geschäftsführer Martin Frank hinzu. „Es war ein tolles Erlebnis und vor allem eine beeindruckende Teamarbeit.“ Das Ergebnis, der Eiswein, sei frühestens im Herbst zu schmecken.

Der Eiswein und der Jahrgang 2018

  • Eiswein: Das ist der Wein, der aus der Kälte kommt. Winzer, die einen Eiswein produzieren wollen, gehen ein gewisses Risiko ein und spielen den Eisweinpoker. Denn die Trauben müssen am Rebstock gefroren sein, bei einer Temperatur von mindestens minus sieben Grad gelesen werden und mindestens 124 Grad Oechsle aufweisen. Die Früchte müssen im gefrorenen Zustand in die Presse kommen. Bereits 44 nach Christus schrieb der römische Schriftsteller Plinius von einem Wein, der aus gefrorenen Trauben gekeltert wurde. Urkundlich erwähnt ist der Eiswein hierzulande erstmals 1830. Das war in Dromersheim bei Bingen. Der Eiswein ist für den Winzer das, was im Eiskunstlaufen die Kür ist: ein Aushängeschild. "Es gibt Genießerschichten, die auch bereit sind, den Preis zu zahlen", sagt Martin Frank, Geschäftsführer des Winzervereins Meersburg. Er erinnert an das Exklusive dieses Getränks: eine besondere Süße, ein geringer Alkoholgehalt und eine lange Haltbarkeit. "Je edelsüßer der Wein, umso länger hält er sich", lautet die Regel. Kunden zahlen für eine Flasche in der Regel zwischen 20 und 40 Euro.
  • Meersburger Eiswein 2018: Bis zuletzt zitterten die Verantwortlichen beim Winzerverein Meersburg vor allem wegen der Temperatur. Am Ende wurden alle Voraussetzungen für einen Eiswein erfüllt. Etwa 20 Helfer ernteten ungefähr 600 Kilo Müller-Thurgau-Trauben, die ungefähr 150 Liter Eiswein ergeben. Dieser kommt frühestens im Herbst in den Verkauf.
  • 18er-Jahrgang generell: Ende Januar werden beim Winzerverein wieder alle Weine des jüngsten Jahrgangs verkostet. Erste Proben ließen sich schon verheißungsvoll an. "Ich war begeistert", sagt Martin Frank. Ein Müller-Thurgau 2018 habe auch bei Blindverkostern ausgezeichnete Noten erzielt: fruchtig, frisch, ausdruckskräftig sei der gewesen. Franks Fazit: "ein wunderbarer Essenswein". Geschuldet wurde dies einem Ausnahmesommer, der eine frühe Ernte brachte, die in Meersburg bereits am 5. September begann. "Das Verhältnis zwischen Menge und Qualität ist für unseren Betrieb perfekt", findet Frank.
  • Beim Winzerverein Hagnau wird es statt eines Eisweins eine Beerenauslese 2018 geben. Beerenauslese ist ein Prädikat für Qualitätsweine. Anita Schmidt vom Winzerverein berichtet, dass bereits vor Weihnachten Trauben vom Spätburgunder Weißherbst (136 Grad Oechsle), Grauburgunder (149 Grad Oechsle) und Müller-Thurgau (126 Grad Oechsle) gelesen wurden. "Das ist etwas ganz Kostbares", sagt Schmidt über die Beerenauslese. Die Trauben müssen mindestens 125 Grad Oechsle haben. Ihren Angaben zufolge werden die Weine edelsüß, fruchtig und ausdrucksstark. Schmidt beschreibt sie als "besondere Rarität des Sonnenjahrgangs 2018". Es handelt sich um eine der höchsten Qualitätsstufen bei Weinen.