„Wir wären auf jeden Fall in der Knabenmusik geblieben, auch wenn sie uns nicht hätten offiziell aufnehmen dürfen“, sagt Eva Jordan selbstbewusst. Seit einem Jahr spielt die Schülerin in der Knabenmusik Klarinette. Beim Adventskonzert im vergangenen Jahr hatte das traditionell männlich besetzte Orchester für Diskussionen gesorgt, als zum ersten Mal Mädchen öffentlich auf der Bühne mitspielten. Anfang Juni hatte der Meersburger Gemeinderat, der Entscheidungsträger für die städtische Kapelle ist, die historische Entscheidung gefällt, Mädchen in die Jugendkapelle mit aufzunehmen.

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In Berlin geht ein ähnlicher Fall vor Gericht

In anderen Städten wird die Forderung von Mädchen, in reine Knabenensembles aufgenommen zu werden, mittlerweile vor Gerichten verhandelt. So in Berlin, wo sich jetzt das Verwaltungsgericht mit der Frage befassen muss, ob der Staats- und Domchor ein reiner Knabenchor bleiben darf oder auch ein Mädchen aufnehmen muss. Geklagt hat die Mutter eines neunjährigen Mädchens, die durch die Ablehnung ihrer Tochter den Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe an Staatsleistungen verletzt sieht.

„Wenn die Aufnahme der Mädchen nicht durchgegangen wäre, hätte ich aufgehört zu spielen.“
Christoph Markhart
Stellvertretend für ihre Mitspieler gaben Lina Dietrich, Simon Sträßle, Eva Jordan und Christoph Markhart (von links) Auskunft über das Miteinander in der Knabenmusik.
Stellvertretend für ihre Mitspieler gaben Lina Dietrich, Simon Sträßle, Eva Jordan und Christoph Markhart (von links) Auskunft über das Miteinander in der Knabenmusik. | Bild: Lorna Komm

„Die Kameradschaft ist gewachsen“, meint Christoph Markhart, „sowohl beim Musizieren als auch in der Freizeit.“ Markhardt spielt seit neun Jahren in der Knabenmusik und er betont: „Wenn die Aufnahme der Mädchen nicht durchgegangen wäre, hätte ich aufgehört zu spielen.“ Ohne die Verstärkung durch die Mädchen hätte es für das Orchester keinen Sinn mehr gemacht, meint der 20-Jährige.

Die Konzertfähigkeit stand auf dem Spiel

Grund für die Aufnahme der Mädchen war die mangelnde Spielfähigkeit der Kapelle. Es hätten sich zu wenig Jungen gefunden, um alle Register zu besetzen, die Konzertfähigkeit stand auf dem Spiel, begründete Christoph Maaß, Leiter der Jugendmusikschule, die zurückgelegten Schritte. Eigentlich habe sich nicht viel geändert, meint Simon Sträßle. „Ob mit oder ohne Mädchen, die Probenarbeit hat sich nicht verändert.“ Die Disziplin, mit der geübt werde, sei die gleiche.

Auch er befürwortet das gemeinsame Zusammenspiel, um das hohe Niveau zu erhalten. „Wir tragen das ganze Jahr das Orchester. Nicht die, die an alten Traditionen festhalten“, sagt der 17-Jährige. Wobei er einräumt: „Wenn der Name ‚Knabenmusik‚ geändert worden wäre, wäre ich gegangen.“ Doch daran will keiner rütteln, auch die beiden Musikerinnen Eva Jordan und Lina Dietrich sind sich einig: „Der Name Knabenmusik muss bleiben, damit man weiß, wer wir sind.“

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Ausbildung in der Knabenmusik ist kostenfrei

Ein weiterer positiver Aspekt an der Aufnahme der Mädchen ist, dass dadurch alle Meersburger Jugendlichen eine musikalische Ausbildung unter denselben Voraussetzungen erhalten können. Eine Mädchen-Mutter, die ungenannt bleiben möchte, machte darauf aufmerksam, dass zuvor eine soziale Ungerechtigkeit bestanden habe. Während die Jungen in der Knabenmusik kostenfrei unterrichtet wurden, mussten gleichaltrige Mädchen für hochwertige Musikstunden teures Geld bezahlen oder lange Fahrten in andere Orte auf sich nehmen. Nun haben alle Kinder vor Ort die gleichen Ausbildungsbedingungen.

Als Alternativen blieben Schulorchester oder privater Unterricht

Die 14-jährige Lina Dietrich bestätigt, ohne die Aufnahme in die Knabenmusik wären ihr als Alternativen das Schulorchester oder privater Unterricht geblieben. Die Schülerin fühlt sich sehr wohl in der Gemeinschaft. „Ich bin in der Schule nun mit Leuten befreundet, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe.“ Ihre Freundin Eva Jordan fügt an: „Ich hätte vor einem Jahr gar nicht gedacht, dass der Zusammenhalt untereinander so stark ist.“

Ob in Uniform oder wie hier beim Ferienkonzert im legeren eineitlichen Poloshirt: Die Mädchen fallen optisch in der Knabenmusik nicht auf.
Ob in Uniform oder wie hier beim Ferienkonzert im legeren eineitlichen Poloshirt: Die Mädchen fallen optisch in der Knabenmusik nicht auf. | Bild: Lorna Komm

Alle verbringen viel Zeit miteinander

Knabenmusik-Leiter Christoph Maaß bestätigt, dass durch die intensive Probenarbeit der Zusammenhalt wachse. Mit ihrem Eintritt in die Knabenmusik seien die Kinder und Jugendlichen natürlich auch die Verpflichtung eingegangen, zu den Proben zu kommen und bei Auftritten die Stadt zu repräsentieren. Dadurch verbringen sie naturgemäß viel Zeit miteinander, die dann für andere Hobbys und andere Freunde fehle. „Auch wenn man mal keinen Bock hat – man kommt trotzdem“, fasst Knabenmusiker Christoph Markhart pragmatisch zusammen. Auf die Konzertreise nach Ungarn freuen sich alle und verstehen gar nicht, warum Kritiker sich dahingehend missbilligend äußerten. Auf eine Klassenfahrt gehen doch auch alle gemeinsam.

Knabenmusik-Leiter Christoph Maaß bestätigt, dass durch die intensive Probenarbeit der Zusammenhalt wachse. Mit ihrem Eintritt in die Knabenmusik seien die Kinder und Jugendlichen natürlich auch die Verpflichtung eingegangen, zu den Proben zu kommen und bei Auftritten die Stadt zu repräsentieren.
Knabenmusik-Leiter Christoph Maaß bestätigt, dass durch die intensive Probenarbeit der Zusammenhalt wachse. Mit ihrem Eintritt in die Knabenmusik seien die Kinder und Jugendlichen natürlich auch die Verpflichtung eingegangen, zu den Proben zu kommen und bei Auftritten die Stadt zu repräsentieren. | Bild: SK