Ein ungewöhnliches Bild zeigte sich dem aufmerksamen Zuschauer beim gemeinsamen Adventskonzert der Meersburger Stadtkapelle und der Knabenmusik: Unter den Musikern der traditionell männlich besetzten Knabenmusik waren diesmal sechs Mädchen. Optisch unauffällig in die bekannte rot-schwarze Uniform gekleidet, besetzten fünf Mädchen die Klarinetten, eine der jungen Frauen spielte die Querflöte des Orchesters.

Klarinettisten fehlen

"Wir brauchten die Mädchen als Unterstützung", erklärte Christoph Maaß, Leiter der Knabenmusik, wie es zu der ungewöhnlichen Besetzung kam. "Ohne die Mädchen hätten wir das Konzert nicht in der Qualität leisten können, sondern hätten stark vereinfachte Stücke spielen müssen. Die Klarinetten sind für ein Blasorchester so wichtig wie die erste und zweite Geige in einem Streichorchester."

"Ohne die Mädchen hätten wir das Konzert nicht in der Qualität leisten können, sondern hätten stark vereinfachte Stücke spielen müssen." – Christoph Maaß, Leiter der Knabenmusik
"Ohne die Mädchen hätten wir das Konzert nicht in der Qualität leisten können, sondern hätten stark vereinfachte Stücke spielen müssen." – Christoph Maaß, Leiter der Knabenmusik | Bild: Lorna Komm

Wie es künftig weitergeht, ist noch offen

Wie fast überall mangelt es auch bei den Knabenmusikern an Nachwuchs. Die fehlenden Stimmen mit Musikerinnen aufzufüllen sei laut Christoph Maaß kein leichtes Unterfangen gewesen. Entscheidungsträger für die Knabenmusik sind Bürgermeister und Gemeinderat, da das Orchester kein Verein, sondern eine städtische Kapelle ist. "Das ist eine sehr emotionale Angelegenheit", antwortete Bürgermeister Robert Scherer auf die Frage, ob die Mädchen nur vorübergehend als Unterstützung bleiben oder ob es für sie eine Zukunft in der Knabenmusik geben wird. Aktuell sei es eine Notlösung, dass die Mädchen aushelfen. Wie es weitergehe, sei offen, erklärte der Bürgermeister den Stand der Dinge.

"Es ist eine vernünftige Lösung der jetzigen Situation." – Szabolcs Galanthay, ehemaliger Leiter der Knabenmusik
"Es ist eine vernünftige Lösung der jetzigen Situation." – Szabolcs Galanthay, ehemaliger Leiter der Knabenmusik | Bild: Lorna Komm

Viele Knabenorchester nehmen mittlerweile Mädchen auf

Als eine "vernünftige Lösung der jetzigen Situation", beschrieb Szabolcs Galanthay die Entscheidung, die Mädchen zur Hilfe zu bitten. Galanthay, der von 2001 bis 2012 Leiter der Knabenmusik war, erzählte, dass auch viele andere Knabenmusikorchester in Deutschland die Entscheidung getroffen hätten, Mädchen mit aufzunehmen. "Meersburg ist so klein, da muss man was tun", sagte er. Er machte auch deutlich, dass er hoffe, dass sich die Nachwuchssituation bei den Jungs wieder ändern werde.

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Mädchen würden gerne bleiben

Die 15-jährige Pia Petermann ist eine der Musikerinnen, die im Konzert bei der Knabenmusik mitgespielt hat. Ihr habe es Spaß gemacht und sie sei von den Mitgliedern des Orchesters gut aufgenommen worden, erzählte sie nach dem Auftritt. "Ich würde gerne in Zukunft in der Knabenmusik weitermachen und fest mitspielen." Es sei ein tolles Konzert gewesen.

"Ich würde gerne in Zukunft in der Knabenmusik weitermachen und fest mitspielen." – Pia Petermann, Musikerin
"Ich würde gerne in Zukunft in der Knabenmusik weitermachen und fest mitspielen." – Pia Petermann, Musikerin | Bild: Lorna Komm

Musiker spielen buntes Programm

Das fanden auch die Zuschauer, die nach jedem Stück der beiden Orchester ausgiebig applaudierten. Den Anfang des Konzerts machte die Stadtkapelle. Bei deren Zugabe, dem Stück "Tochter Zion", sangen die Konzertbesucher mit. Unter dem Dirigat von Marianne Halder spielten sie zuvor klangvolle Stücke wie "Arabesque", "Miss Saigon" oder "The Cave – Geheimnisse einer Höhle". Weihnachtlicher war das Programm der Knabenmusik. Das Orchester spielte unter anderem "The Call of Christmas", "Polish Christmas Music" oder das fröhliche "Rudolph the Red-Nosed Reindeer".

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Mädchen in der Knabenmusik: Das meinen die Meersburger dazu

Martin Brugger ist Mitglied im Fanfarenzug Meersburg. Er meint, dass die Verstärkung der Knabenmusik durch die Mädchen eine gute Sache ist. "Es sah doch stimmig aus. Alle in derselben Uniform. Das hat doch gepasst", sagt Brugger, der auch im Meersburger Gemeinderat sitzt. Natürlich sei es Tradition, dass nur Jungs in der Knabenmusik spielen aber nun gehe es um das Musikalische, um den Erhalt des Orchesters. "Wenn es keine Buben gibt, dann gibt es eben keine", sagt er pragmatisch. Fakt sei, dass derzeit keine Jungen da seien, die die Klarinette konzertreif spielen könnten. Weiter fügt er an: "Erst wenn die Knabenmusik mal zu mehr als 51 Prozent aus Mädchen besteht, sollten wir uns Gedanken über eine Namensänderung machen."

Martin Brugger
Martin Brugger | Bild: Lorna Komm

Lena Dreher, Musikerin in der Stadtkapelle, sieht in der Aufnahme von Mädchen in die Knabenmusik eine Grundsatzfrage: "Wollen die Knabenmusiker unter sich bleiben, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich vielleicht irgendwann auflösen müssen, oder nehmen sie Mädchen mit auf?" Die Stadtkapelle habe vor etwa zwölf bis 15 Jahren auch nur aus Männern bestanden und habe sich öffnen müssen, erzählt sie. Es sei nachvollziehbar, dass die Knabenmusiker aus nostalgischen Gründen unter sich bleiben wollen, damit alles so bleibt, wie sie es in Erinnerung haben. "Aber wenn sie Mädchen ausschließen, dann fehlt auch die Hälfte der Ressourcen für die Stadtkapelle, in die viele Knabenmusiker im Alter wechseln", sagt die junge Frau.

Lena Dreher
Lena Dreher | Bild: Lorna Komm

Reinhard Löffler, langjähriger Musiker in der Stadtkapelle, betont: "Ich habe mich so gefreut, dass Mädchen mitspielen durften." Seine mittlerweile 34-jährige Tochter habe damals komplett mit der Musik aufgehört, weil sie nicht in die Knabenmusik durfte. In Meersburg gab es für sie keine Möglichkeit, in einem Orchester weiter zu spielen, in einen Nachbarort wollte sie nicht wechseln. "Ich fand es ungerecht, dass mein zwei Jahre jüngerer Sohn in der Knabenmusik weiter Musik machen durfte und meine Tochter nicht, obwohl sie eine gute Musikerin war", sagt er. Andere Knabenmusikorchester hätten sich auch für Mädchen geöffnet, hält er Kritikern entgegen und sagt in Bezug auf der Konzert: "Es war ein wunderschöner Abend."

Reinhard Löffler
Reinhard Löffler | Bild: Lorna Komm

Philipp Bittner findet es grundsätzlich gut, dass eine Möglichkeit gefunden worden ist, Mädchen mit ins Orchester aufzunehmen. "Ich war auch mal Verfechter der Tradition, nur Jungs in die Knabenmusik aufzunehmen", sagt der 21-jährige Klarinettist der Knabenmusik. Mittlerweile habe er seine Meinung geändert. "Wir Jungs konnten heute Abend nur zwei Klarinetten stellen", erklärt er die Situation. Über zwei Jahre lang sei zu den Klarinetten kein Nachwuchs gekommen, dank der Mädchen funktioniere es nun wieder. Durch die Verstärkung habe man mit sieben Klarinetten spielen können. "Das war ein viel schönerer Klang", meint der Musiker und fügt ein Lob für die weiblichen Musikerinnen an: "Das haben die richtig gut gemacht."

Philipp Bittner
Philipp Bittner | Bild: Lorna Komm