Meersburg – Vor der Meersburg kräuselt sich sanft der See bei mildem Wetter. Droben im Renaissancesaal aber toben Wortgewitter, gefolgt von donnerndem Applaus. Der dritte Droste-Poetry-Slam verwandelt das alte Schloss an diesem Himmelfahrtstag einmal mehr in einen Ort für geistige Höhenflüge. Der verblichene von Laßberg, der den literarischen Ruhm der Burg einst begründete, woran deren heutige Herrin Julia Naeßl-Doms in ihrer Begrüßung erinnert, hätte wohl über manches zwar verwirrt den Kopf geschüttelt. Doch die 150 Besucher der ausverkauften Veranstaltung rasen vor Begeisterung.

Auch dieses Jahr treten zum Auftakt der Droste-Literaturtage wieder sechs junge Poeten zum modernen Dichterwettstreit an, abermals erfrischend moderiert von Lillemor Kausch aus St. Gallen. Um den Kandidaten den Start zu erleichtern, liest Kausch außer Konkurrenz erst einen eigenen "Opferlamm-Text" vor. Darin beschreibt die Berlinerin urkomisch ihre Hochzeit mit einem Schweizer und die dazu nötige Zusammenführung zweier ganz unterschiedlicher Familien.

Das Publikum, das mit seinem Applaus zugleich als Jury fungiert, ist nun gut eingestimmt und es geht stark weiter: Den Wettstreit eröffnet der spätere Sieger Jean-Philippe Kindler. Er ist erst 20 und studiert "nebenbei", denn hauptsächlich ist er als Slammer unterwegs. Kein Wunder, denn sein Sprachwitz ist ebenso groß wie sein Schauspieltalent. Sein erster Text handelt von einem Beziehungsunwilligen, "ich bin smooth" , der dann doch vor lauter Verliebtheit den Kopf und die Kontrolle verliert.

Es folgt Reha Seleger aus Winterthur mit einem Liebesbrief an ihre Eltern. Dann betritt burschikos die spätere Finalistin Meike Harms die Bühne. Die 34-Jährige aus München ist Poesiepädagogin und unterrichtet kreatives Schreiben, etwa an Grundschulen. Die Kinderfrage "Warum leben wir?" ist Auslöser für einen genialen Exkurs, in dem Biologie, Religion, Literaturpapst Reich-Ranicki und Forrest Gump ihre Ansichten kundtun. So meint die Biologie: "Egal, ob Katze, Mensch oder Joghurtkultur, alles gehorcht den Gesetzen der Natur." Schließlich zieht die Sprecherin ihr eigenes Fazit: Das Leben bleibt ein ewiges Rätsel. Aber sie verrät einen Trick, wie man wenigstens rechts und links unterscheiden kann.

Alex Simm aus Konstanz gibt den bösen Lehrer, der im "Klassenkampf" mit Schülern, die Leonidas Gareth oder Analena heißen, keiner Konfrontation aus dem Weg geht und zum Schluss doch ganz sanft wird. Friedrich Herrmann aus Jena beschäftigt sich in "Das erste Mal" mit Premieren in allen Lebensphasen, startend und endend mit "brabbeln und krabbeln". Das Halbfinale erreicht Simm mit einer traurigen Ballade vom Einhorn Erna, das so ganz anders ist als seine Glitzer-Artgenossen; Herrmann schafft es mit den Beiträgen "Trennungshilfe" und "Tagträume".

Lisa Marie Olszakiewiecz beeindruckt mit einem Gedicht zum Götterwettstreit über die Patenschaft für eine Stadt, bei dem sich Athene durchsetzt. Aber die "Frauenquote", die die Slammerin damit augenzwinkernd thematisiert, erfüllt beim Halbfinale, das Olszakiewiecz knapp verfehlt, dann nur Harms. Doch die Linguistin, die sich zu ihrem Fetisch für "ungeschützten Schriftverkehr" bekennt, schafft es mit einer erotischen Hymne an die Sprache, "Let's talk about text, Baby", souverän ins Finale, ebenso Kindler mit einer atemberaubenden Groteske, die die Flüchtlingspolitik des Innenministers mit einem "politischen Schminktutorial" für "Beauty-Thomas" in grellen Farben, etwa mit "Rechtsradikajal", ausmalt. Im Finale geißelt Kindler den Schönheitswahn, während sich Harms leidenschaftlich mit dem Begriff "Freiheit" auseinander setzt. Tosender Beifall für beide, Kindler liegt am Ende knapp vorn und gewinnt zwei Flaschen Meersburger Wein.