Das Bild war ungewöhnlich. Zur Eröffnung der jüngsten Ausstellung des Kunstvereins begrüßte Bürgermeister Georg Riedmann die Gäste nicht in den Räumlichkeiten der Stadtgalerie, sondern im Innenhof des Bischofsschlosses. Dorthin hatte man nicht einladen müssen, weil der Gästeandrang zu groß war.

Weniger Besucher als sonst durften zur jüngsten Vernissage der Stadtgalerie in den Innenhof des Bischofsschlosses kommen.
Weniger Besucher als sonst durften zur jüngsten Vernissage der Stadtgalerie in den Innenhof des Bischofsschlosses kommen. | Bild: Jörg Büsche

Sondern weil es vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie besondere Abstandsregeln zu beachten gilt. Auch waren nur 100 Besucher zugelassen.

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Üblich sind sonst mehr als doppelt so viele in der Stadtgalerie. Trotz Auflagen, trotz Krise verbreitete der Bürgermeister Optimismus. Situationen wie diese setzten Kreativität frei, erklärte Riedmann. Nur müsse man der Krise den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Wer die aktuellen Medienmitteilungen des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler liest, dem wird der Begriff Katastrophe weniger leicht aus dem Sinn gehen. Zumal seit dem Lockdown Ausstellungen abgesagt werden mussten, Vernissagen ausfielen, Besucher ausblieben, Kunstmessen verschoben oder abgesagt werden mussten. Der Verkauf kam zum Erliegen. Und die – mit viel neu freigesetzter Kreativität – entwickelten digitalen Aktivitäten vieler Aussteller fanden zwar Anerkennung ob ihres Einfallsreichtums.

Richtig eng konnte es früher werden bei den Vernissagen des Kunstvereins – in Corona-Zeiten sind solche Szenen undenkbar.
Richtig eng konnte es früher werden bei den Vernissagen des Kunstvereins – in Corona-Zeiten sind solche Szenen undenkbar. | Bild: Jörg Büsche

Im Netz tauchten Videos von Atelierbesuchen bei jungen Künstlern auf. Die Branche gab sich innovativ. Dass sich dies aber auszahlen würde, das stieß allgemein auf Skepsis. Doch vor dem Hintergrund erwarteter Umsatzeinbußen von 60 bis 70 Prozent wunderte es nicht, wenn sich in der Branche Katastrophenstimmung breitmacht. Krisenstimmung herrschte nämlich auch schon in den Monaten vor der Covid-19-Pandemie.

Stadtgalerie stützt sich auf ehrenamtlich geleistete Arbeit

„Zum Glück müssen wir nicht von unseren Ausstellungen leben“, erklärt Bernhard Oßwald. Seit der Gründung des Kunstvereins im Jahre 2006 ist er dessen Vorsitzender. Und noch etwas ist in Markdorf anders als andernorts. Die Stadtgalerie stützt sich allein auf ehrenamtlich geleistete Arbeit.

Für die Aufsichten während der laufenden Ausstellungen muss nichts bezahlt werden. Ebenso wenig wie für sämtliche logistischen Leistungen vor Ort – das Aufhängen, das Abhängen, das Auspacken von Kunstwerken wie das Verstauen.

In der Stadtgalerie ausstellende Künstler wie Justine Otto dürfen sich in Markdorf auf die Mitarbeit der freiwilligen Helfer vom Kunstverein verlassen.
In der Stadtgalerie ausstellende Künstler wie Justine Otto dürfen sich in Markdorf auf die Mitarbeit der freiwilligen Helfer vom Kunstverein verlassen. | Bild: Jörg Büsche

Auch das Planen, Konzipieren von Ausstellungen, die Akquise der Künstler, kurz: Der gesamte Betrieb geschieht gratis. Freilich, so rechnet Johanna Bischofberger, die Kassenführerin des Kunstvereins, vor, schieße die Stadt jedes Jahr 17 200 Euro für die Ausstellungen hinzu.

Dieses Geld sei nötig. Denn die Einnahmen durch die Beiträge der rund 300 Mitglieder, überschaubare 6000 Euro im Jahr, könnten die Ausgaben für die Ausstellungen, für Werbung, für den Transport und die vielen anderen Posten im Ausstellungsbudget keineswegs decken.

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Und schon gar nicht würden die Einnahmen des Vereins für die Mietkosten in der Ulrichstraße 5 ausreichen. 50 000 Euro kommen in zwölf Monaten aus dem städtischen Haushalt. Etliche weitere Tausende fallen darüber hinaus fürs Versichern der ausgestellten Exponate an.

Frauen vor Seestücken von Gabriele Einstein – in der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins in der Stadtgalerie.
Frauen vor Seestücken von Gabriele Einstein – in der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins in der Stadtgalerie. | Bild: Jörg Büsche

„Wenn wir ein Bild oder eine andere Arbeit verkaufen, freut uns das natürlich, aber wir sind zum Glück nicht darauf angewiesen“, erklärt Oßwald. Und daran werde auch die Pandemie kaum etwas ändern. „Ich sehe nicht, dass der Kunstverein besondere Unterstützung für die Fortsetzung des Ausstellungsbetriebs bräuchte“, so der Kunstvereinsvorsitzende. „Wenn aber doch, dann finden wir bei der Stadt sicher ein offenes Ohr.“

Stadt ist für Gespräche offen

Dazu teilt Bürgermeister Georg Riedmann mit: „Wird hier pandemiebedingt ein noch größeres Engagement erforderlich sein, um Strukturen, Vereine und Institutionen zu schützen, werden wir das selbstverständlich mit dem Gemeinderat diskutieren, sobald die Lage und die weiteren Aussichten sich geklärt haben.“

Kunstgenuss ohne Maske und Abstand wie hier bei einer früheren Ausstellung wird wohl noch eine ganze Weile lang kaum möglich sein.
Kunstgenuss ohne Maske und Abstand wie hier bei einer früheren Ausstellung wird wohl noch eine ganze Weile lang kaum möglich sein. | Bild: Jörg Büsche

Gänzlich sorgenfrei blickt Bernhard Oßwald trotzdem nicht in die Zukunft – obwohl der Kunstverein, durch städtische Zuschüsse gut abgesichert, keine finanziellen Nöte erleiden muss. Zum einen müsse sich der Verein auf sinkende Besucherzahlen einstellen. „Belastbare Zahlen haben wir jetzt noch keine, die Stadtgalerie ist erst seit wenigen Tagen wieder geöffnet.“

Maskenpflicht sorgt für weniger Besucher

Einen Grund für sinkende Besucherzahlen sieht Oßwald in der Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung: „Wer möchte schon gerne mit einer Maske durch eine Ausstellung gehen.“ Ein anderer Grund sei, dass Besucher grundsätzlich vorsichtiger seien, sich keinen zusätzlichen Risiken aussetzen wollten.

Was gleichfalls für die Mitglieder des Kunstvereins gilt. Hat das Gros doch das Rentenalter erreicht – und gehört zur Risikogruppe. Mundschutz und Plexiglasscheibe wurden in dieser Gefahrensituation durch eine deutliche Reduktion des Betriebs ergänzt. Statt an sechs ist die Galerie nun nur noch an drei Tagen geöffnet, das obendrein noch kürzer als vor Corona. Der Verein verzichtet inzwischen auch auf die beliebten Künstlerführungen.

Kunstvereinsvorsitzender Bernhard Oßwald und Irina Stengele, seine Stellvertreterin, sorgen sich um die ehrenamtlichen Mitarbeiter, denn die gehören vielfach zur Risikogruppe.
Kunstvereinsvorsitzender Bernhard Oßwald und Irina Stengele, seine Stellvertreterin, sorgen sich um die ehrenamtlichen Mitarbeiter, denn die gehören vielfach zur Risikogruppe. | Bild: Jörg Büsche

Wenn Maler, wenn Bildhauer oder Fotografen ihre Werke beschreiben, ihre Arbeiten erläutern, dann locke das oftmals bis zu 50 Zuhörer an. Da sich derzeit – in der Coronakrise – aber allenfalls 20 Besucher gleichzeitig in den Galerieräumen verteilen dürfen, wären solche Veranstaltungen zu riskant.

Nächste Vernissage am 18. September

Immerhin aber gibt es schon Ideen für die nächste Vernissage am 18. September. Dann werde man nicht in den Schlosshof laden, sondern wieder in die Galerie. Dies unter Hinzuziehung des Cafés, sodass etwa 40 Gäste Platz finden. Ausdünnen möchte Oßwald das Ausstellungsprogramm aber keinesfalls: „Das wäre das falsche Signal – und würde unsere Arbeit auch entwerten.“

Informationen zu Struktur und Tätigkeit des Markdorfer Kunstvereins: http://www.kunstverein-markdorf.de/kunstverein/der-verein