Frau Weber, Herr Weber, vor gut einem Jahr ist Ihr Unternehmen Weber Automotive in die Insolvenz geschlittert. Mittlerweile hat Ihre Familie den Kern der Firma zurückgekauft und startet den Neuanfang. Nebenbei haben Sie einen unliebsamen Investor vor die Tür gesetzt und das Personal reduziert. Für Sie ist die Insolvenz doch eigentlich gut gelaufen, oder?

Christian Weber: Nein, ganz und gar nicht. Während der Insolvenz sind zwei Kunden abgesprungen. Das war der Grund dafür, dass Personal reduziert werden musste. Was den Finanz­investor als ehemaligen Mehrheitseigner des Unternehmens angeht, so ist es gut, dass dieses Kapitel beendet ist. In den letzten Jahren haben wir erkennen müssen, dass die Denkweise eines Finanzinvestors nicht zur Unternehmens­philosophie unserer Familie passt.

Im Gespräch mit dem SÜDKURIER sprach Christian Weber auch offen Versäumnisse in der Vergangenheit an. Das Unternehmen vollzieht als neugegründete Albert Weber GmbH nun einen Neustart nach der Insolvenz.
Im Gespräch mit dem SÜDKURIER sprach Christian Weber auch offen Versäumnisse in der Vergangenheit an. Das Unternehmen vollzieht als neugegründete Albert Weber GmbH nun einen Neustart nach der Insolvenz. | Bild: Toni Ganter

Was passt da nicht?

Christian Weber: Weber Automotive wurde von meinem Vater 1969 gegründet und ist danach 50 Jahre lang weitgehend von der Familie geführt worden. Daraus resultiert ein extrem langfristiges Denken. Dieses ist bei Investoren so nicht vorhanden. Sie haben fast immer einen sehr viel kürzeren Horizont. Und das führt zu Spannungen. Im neuen Unternehmen, der Albert Weber GmbH, sehen wir künftig auch keinen Finanz­investor mehr. Da sind wir uns in der Familie sehr einig.

Was wollen Sie anders machen?

Christian Weber: In der Phase des schnellen Wachstums 2011 bis 2015 ist die Unternehmenskultur zweifelsohne etwas zu kurz gekommen. Wir haben die Mitarbeiter nicht so mitgenommen, wie wir das hätten tun sollen. Wir haben das als Schwäche erkannt und wollen das ändern.

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Wie?

Gina Weber: Als Gesellschafter wollen wir unseren Einfluss künftig kooperativ mit der Geschäftsführung, aber auch gegenüber den Mitarbeitern ausüben. Dazu gehört, sich gegenseitig austauschen, sich zuzuhören, voneinander zu lernen und diese Erkenntnisse in Wachstum umzusetzen.

Christian Weber: Meine Tochter Gina ist auch ins Unternehmen gekommen, um im Verhältnis zu den Mitarbeitern neue Impulse zu setzen. Da wird Gina einen frischen Wind bringen, und das ist wichtig.

Will eine neue Firmenkultur bei dem Markdorfer Automotive-Zulieferer einführen: Gina Weber (22). Die Tochter von Christian Weber ist nun ins Unternehmen eingestiegen und wird sich dort um die Kommunikationsthemen kümmern.
Will eine neue Firmenkultur bei dem Markdorfer Automotive-Zulieferer einführen: Gina Weber (22). Die Tochter von Christian Weber ist nun ins Unternehmen eingestiegen und wird sich dort um die Kommunikationsthemen kümmern. | Bild: Toni Ganter

Haben Sie Leitwerte dafür, Frau Weber?

Gina Weber: In jedem Fall: Vertrauen, Kommunikation und Zusammenarbeit.

Christian Weber: Ich denke, wir müssen selbstkritisch anmerken, dass es uns in der Vergangenheit nicht immer gelungen ist, die guten Dinge, die wir gemacht haben, zu unseren Mitarbeitern und auch nach außen zu transportieren. Das war vielleicht auch nicht die Stärke meines Vaters, meines Bruders und mir. Wir sind Ingenieure, mein Vater ist Werkzeugmacher, wir haben alle einen technischen Hintergrund und da waren diese Themen für uns nicht in dem Maße präsent, zumal wir in den vergangenen Jahren auch extrem mit unserem Wachstum beschäftigt waren. Insofern sind wir froh, dass all dies nun sicherlich auch in anderen Bahnen laufen wird.

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Wo wollen Sie jetzt mit Albert Weber technologisch hin?

Christian Weber: Unser Unternehmen ist als klassischer Automobilzulieferer gestartet und hat sich dann in andere Märkte hineinentwickelt, allerdings noch nicht in ausreichendem Maß. Bis 2040 streben wir an, den Anteil des Geschäfts, der vom Automobilbereich abhängt, auf etwa zwei Drittel festzulegen. Der übrige Umsatz soll durch Produkte für die Luft- und Raumfahrt sowie für medizinische Anwendungen generiert werden. Darüber hinaus ist es im Rahmen des Projekts „Emission Zero“ unser Ziel, bis 2040 ausschließlich emissionsfreie Produkte herzustellen und unseren CO2-Ausstoß im Unternehmen auf null herunterzufahren.

Ein Automobil- und Luftfahrtzulieferer, der CO2-neutrale Produkte herstellen will? Wie soll das gehen?

Christian Weber: Im Automobilbereich geht der Trend klar hin zu alternativen Antriebsarten wie Elektromobilität sowie Wasserstoff- bzw. Brennstoffzellenantrieben. In der Luftfahrt wird das Thema synthetische Kraftstoffe eine große Rolle spielen. All diese Entwicklungen werden wir als Zulieferer mit neuen Produkten unterstützen.

Familientandem: Gina Weber und ihr Vater Christian Weber erläutern ihre Vorstellungen vom künftigen Weg des Markdorfer Familienunternehmens.
Familientandem: Gina Weber und ihr Vater Christian Weber erläutern ihre Vorstellungen vom künftigen Weg des Markdorfer Familienunternehmens. | Bild: Toni Ganter

Um das Unternehmen so grundlegend umzukrempeln, ist viel Geld nötig. Gleichzeitig müssen Sie effizienter werden und auch sparen. Wie soll dieser Spagat gelingen?

Christian Weber: Klar ist, dass im neuen Unternehmen 95 Prozent der Beschäftigten das Geld verdienen müssen. Aber es wird eben auch eine Truppe aus drei bis fünf Prozent der Mitarbeiter geben, die sich in einem eigenen Team ausschließlich mit Zukunftsthemen beschäftigen werden. Als wir das Unternehmen zusammen mit dem Generalbevollmächtigten Martin Mucha in der Insolvenz neu aufgestellt haben, waren Kosteneinsparungen natürlich ein wichtiges Thema. Aber alle Beteiligten inklusive der Banken haben auch erkannt, dass Zukunftsfähigkeit von Investitionen abhängt.

Wie viel müssen Sie investieren?

Christian Weber: Um unsere Pläne umzusetzen, wird in den kommenden fünf bis acht Jahren ein hoher zweistelliger Millionenbetrag nötig sein.

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Besteht da nicht die Gefahr, dass Ihnen auf halber Strecke das Geld ausgeht?

Christian Weber: Die Albert Weber GmbH ist bis 2025 voll durchfinanziert und alle wichtigen Beteiligten, also die Kunden, Lieferanten, die Banken und die Familie Weber, haben sich bereit erklärt, einen Beitrag zu leisten, falls die Corona-Krise sich verschärft. Bis dahin ist Albert Weber nach allem menschlichen Ermessen finanziell geschützt.

Es gibt also Zusicherungen, im Zweifel Geld nachzuschießen?

Christian Weber: Ja, die gibt es von allen Stakeholdern. Selbst unter der Annahme widrigster Bedingungen wird sich Albert Weber in den kommenden Jahren behaupten können.

Die Firmenzentrale der Albert Weber GmbH in Markdorf (Bodenseekreis).
Die Firmenzentrale der Albert Weber GmbH in Markdorf (Bodenseekreis). | Bild: Weber Automotive/Henry M.Linder

Müssen auch die Mitarbeiter noch einmal Zugeständnisse machen, wenn es hart auf hart kommt?

Gina Weber: Nein, die Mitarbeiter nicht. Die haben bereits genügend gelitten. Aber es gibt auch Überlegungen, das Instrument der Kurzarbeit noch länger zu nutzen, falls sich die Krise weiter ausdehnt oder wieder verschärft.

Bekommt die Albert Weber GmbH staatliche Unterstützung?

Christian Weber: Wir nehmen natürlich Kurzarbeitergeld in Anspruch. Was die große Transformation angeht, sind wir auch in Gesprächen und denken auch, dass es eine entsprechende Unterstützung geben wird.

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Welche Unterstützung genau?

Christian Weber: Es wird aller Voraussicht nach kein KfW-Kredit sein. Es gibt andere Möglichkeiten wie Landesbürgschaften zum Beispiel, das scheint der praktikablere Weg zu sein.

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Was sind Ihre Unternehmensziele für das laufende Jahr?

Christian Weber: Der Umsatz am Jahresende wird signifikant weniger sein als im letzten insolvenzfreien Geschäftsjahr, aber eine konkrete Zahl möchte ich nicht nennen. Klar ist: Wenn Kunden verloren gehen, können Umsatzziele nicht gehalten werden.

Und wie sieht es beim Gewinn aus?

Christian Weber: 2020 erwarten wir keine Gewinne. Daran ist nicht nur Corona schuld, wir haben auch einen hohen Restrukturierungsaufwand. Aber für 2021 erwarten wir eine schwarze Null und wir erwarten auch, dass das Unternehmen ab 2022/23 wieder Gewinne macht.

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Sind Ihre Prognosen vielleicht nicht doch zu rosig?

Christian Weber: In der Insolvenz sind wir mit einem blauen Auge davongekommen, aber immer noch besser aufgestellt als viele andere Firmen in der Branche. Wenn ich mir anschaue, wie wir mit unseren Mitarbeitern, Produkten und Fertigungstechniken dastehen, dann sind wir im Vergleich zum Wettbewerb gut aufgestellt. Ich habe da viel Zuversicht für die Zukunft.

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