„Zwischen den Jahren“, so wird heute gerne die Zeitspanne zwischen Weihnachten und Dreikönig genannt. Weniger bekannt für diesen Zeitraum ist die Bezeichnung Raunächte. Cornelia Rick aus Markdorf hat sich intensiv mit der historischen Herkunft und den Mythen der Raunächte befasst. Sie erzählt, warum es heißt, dass man in dieser Zeit nicht waschen, bis Ende des Jahres alle begonnenen Arbeiten beendet oder Schulden beglichen haben sollte.

Conny Rick führt die Teilnehmer der Rauhnächte-Wanderungen durch den Wald und erzählt viel über Entstehung, Bräuche und Gewohnheiten.
Conny Rick führt die Teilnehmer der Rauhnächte-Wanderungen durch den Wald und erzählt viel über Entstehung, Bräuche und Gewohnheiten. | Bild: Christiane Keutner

„Für mich beginnt der erste der zwölf Raunachtstage am 24. Dezember bei Einbruch der Dunkelheit“, sagt die 47-jährige Wirtschaftsinformatikerin, die schon von Kindheit an mit den Redensarten und Bräuchen konfrontiert wurde, ohne dafür eine Erklärung bekommen zu haben. „Früher hat man Traditionen ungefragt übernommen. Das war halt so“, erinnerte sie sich an ausgedehnte Spaziergänge, gemeinsam mit Familie, Freunden und Verwandten verbrachte Stunden und ihre unbeantworteten Fragen zu dieser Zeit. „Alles drehte sich langsamer.“

Raus aus dem Hamsterrad

Das sei aber genau die Absicht der Raunächte, sagt sie. Man solle zur Ruhe kommen, sich besinnen, zurückblicken und in die Zukunft schauen. Raus aus dem Hamsterrad. „Rauzeit ist geschenkte Zeit. Und deshalb für uns Menschen heute genauso wertvoll“, sagt Cornelia Rick. Deshalb habe man früher auf das Spinnen von Wolle, auf den Tanz und auf Kartenglücksspiele verzichten, Ärger und Streit vermeiden und Begonnenes bis zu den Raunächten beenden sollen. Man sollte Schulden beglichen sowie den größten Teil der Wäsche und besonders aufwendige Hausarbeit erledigt haben. Danach hatte man Zeit.

Dämonen bleiben an Wäscheleinen hängen

Jedem der zwölf Tage wurde ein Monat zugeordnet. Was an diesem Tag passierte, sollte für den jeweiligen Monat gelten. Auch Barmherzigkeit war besonders wichtig. So legte man früher Garben für die Vögel nach draußen oder stellte Hirsebrei vor die Tür. Die Humanität blieb bis heute erhalten: In der Weihnachtszeit sei das Spendenaufkommen enorm, sagt Conny Rick, die das Brauchtum – an die Moderne adaptiert – pflegt und empfiehlt. Aufs Wäschewaschen würde sie aus dem Grund verzichten, weil man sich in der Rauzeit zurücklehnen, müßig sein, Muße genießen und sein Leben neu ordnen solle. Der frühere Glaube, nachdem Dämonen und Untote in den Raunächten umherfliegen, vielleicht in Wäscheleinen hängen bleiben würden und so Unglück über die Familie brächten, habe für sie weniger Bedeutung.

In Rauhnächten und manchmal auch an Rauhreiftagen geht es durch die Stille des Waldes und die offene Landschaft. Die Teilnehmer der Wanderung erhalten Impulse und können innehalten.
In Rauhnächten und manchmal auch an Rauhreiftagen geht es durch die Stille des Waldes und die offene Landschaft. Die Teilnehmer der Wanderung erhalten Impulse und können innehalten. | Bild: Christiane Keutner

Conny Rick weiß zu jedem Anlass eine Geschichte, eine Sage oder eine Anekdote spannend zu erzählen. Von den Orakeln beispielsweise, wonach manche ledige Frauen an die am 4. Dezember, dem Barbaratag, geschnittenen Äste der Steinobst-, vornehmlich Kirschbaumzweige, Zettel mit den Namen der in Frage kommenden Ehemänner banden. Das Ästchen mit der ersten Blüte an Weihnachten wurde als Hinweis auf den späteren Gatten verstanden. Viele Bauernregeln nahmen früher in der Weihnachtszeit den Platz des heutigen Wetterdienstes ein. Ein Wetter-Orakel befragt Conny Rick heute noch, es ist ein lieb gewordenes Ritual. Sie schneidet eine Zwiebel in vier Teile, klaubt die Schalen auseinander, auf die man jeweils einen halben Teelöffel Salz streut. Jede Schale steht für einen Monat. Anderntags steht in manchen Wasser (regnerische Monate), andere sind trocken oder nur feucht. „Orakeln ist immer deuten, es ist kein Ja oder Nein“, sagt sie. Es gab Jahre, in denen die „Vorhersage“ zutraf, oder welche, in denen diese total daneben lag. „Es ist ein schönes Ritual. Ich will es nicht ins Lächerliche ziehen, ich mache es aus Freude und Neugier.“

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