Man war links und progressiv und gegen die Gewalt. Die Grundstimmung folgte der Maxime „Love, Peace and Happiness“. Aus den USA erreichte in den 60er Jahren die Hippiebewegung Europa. In Vietnam verteidigte sich der freie Westen gegen den Kommunismus – oder umgekehrt. Auch Deutschland ließ die Stimmung der zu Ende gehenden 60er Jahre nicht kalt. In aller politischer Umbruch- und Revolutionsdenke wurden die 68er zum feststehenden Begriff. Nach dem gewaltsamen Tod des Studenten Benno Ohnesorg breitete sich die Studentenbewegung bundesweit aus.

Nicht die Beatles und nicht die Abbey Road: Michael Gava, Wolfgang Rid und Winfried Thum (von links) laufen auf dem Zebrastreifen über die Ravensburger Straße.
Nicht die Beatles und nicht die Abbey Road: Michael Gava, Wolfgang Rid und Winfried Thum (von links) laufen auf dem Zebrastreifen über die Ravensburger Straße. | Bild: Helga Stützenberger

Anders als die linksgerichtete gesellschaftskritische Bewegungen verlief die Revolte in Markdorf weit weniger politisch und war in erster Linie gegen den Mainstream gerichtet. Die nächste Studentenstadt war Konstanz, die Uni steckte noch in den Kinderschuhen, und Winfried Thum ging als Teenager in Überlingen zur Realschule. „Man wollte einfach dagegen sein“, erinnert sich der ehemalige SÜDKURIER-Redakteur an die Zeit, da jeder lange Haare und Hosen mit Schlag trug, qualmte und das Wort „Mainstream“ noch erfunden werden musste. Das Wort „cool“ indes suchte sich gerade den Weg in den Wortschatz. „Du warst erst dann cool, wenn du auch cool gesagt hast“, erzählt Winfried Thum heute über diese kleine große Freiheit.

Treffpunkt in der Imbissbude

Treffpunkt für die Jugendlichen war die Imbissbude neben der Bäckerei Neumann, mit der Markdorfs heute ältester Gastronom, Rudi Öxle, 1968 seine Anfänge im Städtle nahm. „Hier gab’s Currywurst und Hähnchen, und die Halbe kostete unter einer Mark“, schwelgt Winfried Thum in Erinnerungen. Es sei für die Jugend die einzige „Location“, wie man neudeutsch sagt, gewesen, die für einen konspirativen Hock taugte. „Die Räuberhöhle [ehem. Sternen; heute Lichtblick] war nichts für unsere Generation“, beteuert Thum.

Der wildeste Schuppen der Stadt

„Aber die Linde, das war der wildeste Schuppen der Stadt.“ Zwei Häuser neben dem heutigen Schwanenstüble, Rudi Öxles derzeitige Wirkungsstätte, traf sich einst „der Bodensatz der Gesellschaft“, wie Thum mit einem Schmunzeln sagt. „Auch wir waren manchmal heimlich in der Linde und haben für zwanzig Pfennig die Musikbox angeworfen.“ Die Beatles, die Stones, Uriah Heep und The Who waren die Bands ihrer Wahl. Psychedelisch die Musik bisweilen, verrufen die Beiz seit jeher.

Für kurze Zeit auch eine Disco

„Für kurze Zeit gab es sogar eine Disco im Rebstock.“ Winfried Thum überlegt kurz. „Number One hieß sie.“ Nach gut einem Jahr sei schon wieder Schicht im Schacht gewesen. Zu gering die Raumhöhe, um als öffentliche Gaststätte genutzt werden zu können. Zu viel stehender Zigarettenqualm vermutlich – der sich noch heute hüstelnd erahnen lässt.

Rudi Öxle und Winfried Thum vor Öxles erstem "Gasronomiebetrieb", der Imbissbude neben der Bäckerei Neumann. Damals war der Imbiss beliebter Treffpunkt bei der Jugend. Auf dem Foto zu sehen sind (von links) Hubert Kugler, Wolfgang Rid, Winfried Thum, Michael Gava, Manfred Rid.
Rudi Öxle und Winfried Thum vor Öxles erstem "Gastronomiebetrieb", der Imbissbude neben der Bäckerei Neumann. Damals war der Imbiss beliebter Treffpunkt bei der Jugend. Auf dem Foto zu sehen sind (von links) Hubert Kugler, Wolfgang Rid, Winfried Thum, Michael Gava, Manfred Rid. | Bild: Helga Stützenberger

Man war also weiter auf der Suche nach einem Treffpunkt des im jugendlichen Ermessen spießbürgerlichen Markdorfs. „Wir haben beschlossen, wir brauchen einen Ort, wo wir unabhängig von vorhandenen Vereinsstrukturen agieren können“, sagt der heute 65-Jährige. „Nicht so was in der Art einer Kommune, das gab’s in Markdorf nicht, aber ein Haus, das wir in Selbstverwaltung organisieren können.“

Engagement von Hans-Peter Minzer

Allen voran engagierte sich der Markdorfer Hans-Peter Minzer für solch einen Ort, der schließlich nach langen Verhandlungen mit der Stadt neben der Metzgerei Seitz im heutigen Gebäude des Pizza-Lieferservice gefunden war und sich als „Aktion Jugendfreizeitstätte“ in Markdorf einen Namen machte. Leider nur für kurze Zeit, denn ein Jahr später ist das Haus abgebrannt. Keiner wollt’s verschuldet haben, der Grund liege laut Winfried Thum bis heute im Dunkeln. „Aber die Stadt war heilfroh, dass sie uns endlich wieder los war.“

Ein eigenes Festival musste her

Was also tun im Alter von 17 Jahren und als 1969 die Welt im Woodstock-Taumel torkelte? Ein eigenes Festival musste her. In Markdorfs Stadthalle. Der Parkettboden war neu, die Bedenken: Die Jungen machen mit ihren Zigarettenkippen sowieso alles kaputt! „Schließlich haben wir das doch durchgekriegt“, freut sich Winfried Thum noch knapp 50 Jahre später über diesen Geniestreich. „Harald Häuser vom BZM hat eine Multivisionsshow zusammengestellt, die sich sehen lassen konnte.“ Noch heute sind Harald Häusers Bilder nicht nur im Markdorfer Rathaus ausgestellt, sondern machen weltweit von sich reden. „Aber damals, damals ...“, schwärmt Winfried Thum. Auf dem Programm stand der Kinofilm „Easy Rider“ sowie die Progressiv-Rock-Band „Eulenspygel“. „Auch die regionale Cover-Band ,Dig a Pony Production ist aufgetreten. Honky Tonk Women auf der Bühne war einfach grandios!“

Winfried Thum: "Gramm Marihuana kostete 3 Mark!“

Und drumrum? „Klar wurde gekifft. Es wurde sogar auf dem Pausenhof gekifft“, sagt Thum und lacht. „Das Gramm Marihuana kostete 3 Mark!“ Überhaupt sei man der festen Überzeugung gewesen, es könne nicht mehr lange dauern, bis die weichen Drogen legalisiert werden würden.

Levis-Jeans lagen voll im Trend

Noch ein Trend aus den Staaten erreichte Markdorf. „Es war die Zeit, als die Levis-Jeans aufkamen“, weiß Winfried Thum. An seinem Jeanshemd, das er an diesem Nachmittag trägt, prangt das kleine Logo mit den fünf Buchstaben, das heute teuer gehandelt wird. „Beim Haaser in der Ulrichstraße konnte man die Hosen kaufen. 24 Mark haben die gekostet.“ Schwarz-blaue Denimhosen seien es gewesen, „nicht solche, wie man sie heute kennt“, beschreibt er den dicken, „gsterrigen“ Stoff.

Zum Anziehen in die Badewanne

„Man zog sie an und legte sich damit in die Badewanne.“ Anschließend seien die Jeans bis zum vollständigen Trocknen getragen worden. Die heute so teuere Washed-Optik und der Used-Look resultierten daraus. Und die Jeans saß „wie angegossen“. Die sterrige Levis steht noch heute irgendwo in der Thum’schen Kleiderkammer. Ob er sie noch anziehen würde?

„Nein, die passt nicht mehr“, sagt Winfried Thum lachend. „Alles hat sein Zeit.“

Die 68er-Bewegung weltweit

  • Unter dem Begriff 68er-Bewegung werden die verschiedenen Strömungen zwischen dem Jahr 1960 und 1970 zusammengefasst, die gegen herrschende Normen in sozialen, kulturellen und politischen Bereichen protestierten. Sie wird auch unter dem Titel Studentenbewegung genannt.
  • Um 1960/1970 gab es weltweit viele ähnliche Protestbewegungen. Sie alle gingen einher mit der Flower-Power-Bewegung und standen in Verbindung mit diversen globalen Ereignissen. Es bildete sich die außerparlamentarische Opposition, kurz APO, die ihre Wurzeln vor allem an den Universitäten hatte und eine freiere Demokratie forderte. Einer der Faktoren, der dazu führte, dass sich eine solche Bewegung formierte, war der Protest gegen den Vietnam-Krieg.
  • Die Situation an den Universitäten wird in dieser Zeit kritisiert, das veraltete System wird durch Sprüche wie "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" verdeutlicht. Ein entscheidender Faktor war der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der auf einer Demonstration gegen den auf Staatsbesuch in Berlin weilenden Schah von Persien von der Polizei erschossen wurde. Der Höhepunkt der Proteste fiel in das Jahr 1968, woher auch der Name der Bewegung kommt. (hst)