Alain Wozniak leitet das Symphonische Jugendblasorchester in Friedrichshafen und dirigiert außerdem die Talfinger Stadtkapelle. Die Proben sind derzeit untersagt. Lediglich Musiker aus zwei Haushalten dürfen gemeinsam proben.

Beim Musikunterricht trennt eine Plexiglasscheibe Lehrer und Schüler

Das nutzt Wozniak persönlich in einem neu geschaffenen Duo mit dem ungarischen Gitarristen Peter Bácsic und für seine Lehrtätigkeit: „Meine Musikschüler darf ich noch analog unterrichten“, schildert er, „da sind drei Meter und eine Plexiglaswand zwischen uns.“ Die Musikschule sei hier gut ausgestattet, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Zusätzlich besitzt Wozniak zwei mobile Luftreinigungsanlagen.

Alain Wozniak hat die Auftrittsverbote dafür genutzt, seine alte Liebe wiederzubeleben: die Querflöte.
Alain Wozniak hat die Auftrittsverbote dafür genutzt, seine alte Liebe wiederzubeleben: die Querflöte. | Bild: Lena Reiner

Die gewonnene Freizeit und das Auftrittsverbot nutze er zum Üben: „Ich habe meine alte Liebe wieder aufleben lassen: die Querflöte.“ Diese sei im Studium neben der Klarinette sein zweites Instrument gewesen, so Wozniak. Durch die Schließung des Ausstellungsraums „ProjekTraum“, in dem seine Frau Felicia Glidden, ebenfalls Künstlerin, regelmäßig ausgewählten Künstlern aus aller Welt eine Plattform für Einzelausstellungen bietet, gibt es jetzt einen zusätzlichen Proberaum im Haus.

Felicia Glidden hat in diesem Jahr lediglich eines ihrer Werke verkaufen können und musste eigene Ausstellungen und die von Gastkünstlern absagen.
Felicia Glidden hat in diesem Jahr lediglich eines ihrer Werke verkaufen können und musste eigene Ausstellungen und die von Gastkünstlern absagen. | Bild: Lena Reiner

Felicia Glidden ist ebenfalls froh, dass in der aktuellen Kultur-Shutdownphase Unterricht weiterhin stattfinden darf. Die Schüler der Jugendkunstschule Bodensee sieht sie daher weiterhin analog, während ihre eigene künstlerische Tätigkeit anders sei als sonst.

„Ich arbeite ganz normal weiter“, sagt sie. Es seien dieses Jahr nicht weniger Kunstwerke entstanden als üblich. Allerdings fehlten die Ausstellungsmöglichkeiten. „Ich habe dieses Jahr auch nur ein Bild verkauft“, verrät sie. Die Ausstellungen im „ProjekTraum“ habe sie ebenfalls absagen müssen.

Dieses Werk von Felicia Glidden aus alten Negativen ist während der Corona-Pandemie entstanden.
Dieses Werk von Felicia Glidden aus alten Negativen ist während der Corona-Pandemie entstanden. | Bild: Lena Reiner

Von erneuter Schließung überrumpelt: Für jede Veranstaltung gab es zuvor ein eigenes Hygienekonzept

Bernd Eiberger, stellvertretender Geschäftsführer des Kulturhauses Caserne, fühlt sich überrumpelt: „Ich hätte natürlich nicht damit gerechnet, dass wir wieder geschlossen werden. Wir hatten ja für jede Veranstaltung ein Hygienekonzept, das wir vorlegen und genehmigen lassen mussten.“ Auch könne er mit Sicherheit sagen, dass sich unter den Besuchern der 20 Veranstaltungen, die zur Zeit der Corona-Pandemie in ihrem Haus stattgefunden hätten, kein bekannter Infektionsfall befunden habe: „Wir wurden kein einziges Mal kontaktiert, um Kontaktdaten herauszugeben, weil sich ein Infizierter bei uns aufgehalten habe.“

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„Mit dem Rasenmäher wurde dicht gemacht, was eigentlich kontrollierbar war“

Auch sonst könne er seine Hand dafür ins Feuer legen, dass bei den Veranstaltungen die Infektionsschutzregeln umgesetzt worden seien: „Es gab feste Sitzplätze und auch bei den gastronomischen Angeboten war immer genug Abstand.“ Er halte es auch für einen „Frevel“, dass Kulturbetriebe mit Discos, Casinos und Bordellen in einen Topf geworfen würden: Kultur sei ein eigenes Genre, aber doch sicherlich näher an der Sparte „Bildung“ als der Kategorie „Freizeit“. Und: „Es ist schwer nachvollziehbar, warum man mit dem Rasenmäher dicht gemacht hat, was eigentlich kontrollierbar war.“ Auch sei er sich sicher, dass die Schließungen zu mehr privaten Zusammentreffen führten und diese seien gar nicht kontrollierbar.

Bernd Eiberger, stellvertretender Geschäftsführer der Kulturhaus Caserne gGmbH
Bernd Eiberger, stellvertretender Geschäftsführer der Kulturhaus Caserne gGmbH | Bild: Lena Reiner

Für viele Kulturbetriebe jedoch sei die Situation nicht nur ärgerlich, sondern existenzbedrohend: „Wir haben ja seit 2018 die Unterstützung durch die Zeppelin-Stiftung, was natürlich uns in die sehr günstige Lage versetzt hat, dass wir da jetzt einen gewissen Puffer haben und nicht gleich mit dem Rücken zur Wand stehen“, sagt Eiberger. Allerdings könne sich auch für sie im nächsten Jahr das Blatt wenden: „Überhaupt ist derzeit keine Planungssicherheit gegeben. Auch diese Maßnahme wurde von heute auf morgen beschlossen und verkündet.“

Schnelle Hilfe ist gefragt

Die angekündigte Nothilfe für jene, die direkt von den pandemiebedingten Schließungen betroffen sind, sei bisher noch nicht ausgearbeitet: „Es gibt noch keine Antragsformulare, da die Berechnungsgrundlage noch unklar ist“, beschreibt Eiberger. Eine solche Hilfe müsse nur tatsächlich schnell kommen: „Sonst stehen wir bei der Wiedereröffnung mit weniger Technikern, weniger Künstlern und weniger Veranstaltungsorten da.“

Vielen sei nicht bewusst, wie viele Unternehmen betroffen seien, weil es sich bei den meisten um Einzelkämpfer handle und eben kein Industriekonglomerat: „Da gibt es auch Getränkehändler oder Putzkräfte, die auf einmal nichts mehr zu tun haben.“

Hardy Huber trifft der aktuelle Shutdown gleich dreifach

Hardy Huber aus Tettnang wünscht sich ebenfalls langfristige Maßnahmen, damit geplant werden kann. „Diese Perspektivlosigkeit ist schlimm.“ Er ist vom Shutdown gleich dreifach betroffen: Es dürfen keine Konzerte stattfinden, seine Kneipe ist geschlossen und in den Tiny Houses auf dem Grundstück darf derzeit auch kein Tourist übernachten.

„Ich wäre dafür gewesen, dass man im Sommer ein Konzept erstellt“, sagt er. Das sei jedoch verschlafen worden. Wissenschaftliche Konzepte müssten klarer kommuniziert werden, meint er. Und dass der gastronomische Betrieb auch im Freien erst mal untersagt wurde, findet er schade. „Wir sind ja darauf vorbereitet gewesen und den Leuten hat es auch Spaß gemacht, ums Feuer herumzusitzen.“

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Er vermisse Konzepte für den Winter: „Ich finde das alles so unvorbereitet.“ Natürlich verstehe er die Intention, das abendliche Freizeitleben zu kappen. Doch wenn er sehe, wie viel tagsüber los sei, könne er sich kaum vorstellen, dass die Maßnahme genug Wirkung zeige.

Für Michaet T. Otto als Jazzmusiker sind Verhältnisse wie diese nicht gänzlich neu

Michael T. Otto ist Musiker, entwickelt Musikinstrumente und Zubehör mit und arbeitet außerdem zwei Tage pro Woche an der Langenargener Musikschule. „Meine Vielseitigkeit bewährt sich, dass ich überleben kann“, sagt er. Auch hätten sich Jazzmusiker wie er schon vor der Pandemie in einer prekären Situation befunden. Otto lacht und sagt: „Wir als Jazzmusiker kennen das ja eh nicht, dass wir vor 5000 Leuten spielen. Wir kennen ja eher so Corona-Verhältnisse.“

Michael T. Otto in seinem vielseitigen Homeoffice, in dem er musikalische und digitale Projekte umsetzt.
Michael T. Otto in seinem vielseitigen Homeoffice, in dem er musikalische und digitale Projekte umsetzt. | Bild: privat

Dadurch seien sie außerdem daran gewöhnt, von Fördergeldern finanziert zu werden: „Da habe ich kein Problem damit. Sonst hätte ich BWL studieren müssen.“ Genau hier sieht Otto auch in der aktuellen Situation den Knackpunkt. „Die Ausbreitung muss gestoppt werden und in einem Konzert sitzt man nunmal lange im selben Raum. Ich finde es also okay, die nicht zu erlauben“, führt er aus. Dann sei es nur wichtig – wenn der Gesellschaft etwas an der Kultur liege – die betroffenen Künstler, Musiker und Techniker auch „durchzufüttern“.

„Das sind ‚spooky times‘. Durch virtuelle internationale Projekte war ich mittendrin: Die Pandemie betrifft einfach alle, auch wenn unterschiedlich mit ihr umgegangen wird.“
Michael T. Otto, Musiker

Gleichzeitig möchte er für sich selbst sagen, dass er sich nicht beklagen könne. Sowohl die Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg habe er erhalten als auch Gelder aus dem Gema-Hilfsfonds: „Die, die es richtig hart trifft, sind die, die sich auf eine Sache spezialisiert haben, die auch erfolgreich waren, richtig große Konzerte gespielt haben.“

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Auch betrachtet er mit Sorge die Entwicklung nichtprofessioneller Ensembles. Für die Big Band Langenargen, deren Musiker Berufe in der IT und Industrie ausübten, veranstalte er Webcasts mit Vorträgen von Profimusikern, virtuelles Biertrinken und dergleichen mehr: „Es ist wichtig, dass sie dranbleiben.“ Gerade Hobbymusiker probten oft lediglich bei den wöchentlichen Treffen gemeinsam. Wenn diese nicht mehr stattfänden, kämen danach einige nicht wieder. Das sei schon nach der ersten Probenverbotsphase zu sehen gewesen.

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