Wie bewertet das Klinikum Friedrichshafen die Empfehlungen des Gutachtens?

„Wir begrüßen die Ausweitung der Luftrettung in Baden-Württemberg durch zwei zusätzliche Rettungshubschrauber und einen zusätzlichen Nacht-Rettungshubschrauber“, sagt Klinikumssprecherin Susann Ganzert. Allerdings konnte das Gutachten aus Sicht des Medizin-Campus Bodensee, zu dem die Kliniken Friedrichshafen und Tettnang gehören, den Nutzen einer Verlegung des Friedrichshafener Standortes nicht beweisen.

Was würde eine Verlegung für die Bodenseeregion bedeuten?

„Eine Verlegung des Standortes innerhalb des Bodenseekreises mit dem Team vom Klinikum Friedrichshafen könnten wir uns vorstellen – der beste Standort ist aber aus unserer Sicht direkt am Klinikum Friedrichshafen„, erklärt Volker Wenzel, Zentrumsdirektor und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin in Friedrichshafen. Hier seien alle infrastrukturellen und personellen Voraussetzungen für die Luftrettung vorhanden.

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Ein Umzug um etwa sieben bis 13 Kilometer gen Norden und dreieinhalb Flugminuten, wie im Gutachten vorgeschlagen, würde den Steuerzahler und die Krankenkassen etwa 7,5 Millionen Euro kosten. „Eine signifikante Verbesserung der Notfallversorgung gegenüber zusätzlichen bodengebundenen Notarztstandorten konnte das Gutachten nicht belegen“, heißt es vom Klinikum. Im Gegenteil: Bei einer Verlegung sei davon auszugehen, dass sich die Versorgung der Einwohner und Besucher der Bodenseeregion sowie in den grenznahen Gebieten verschlechtern würde.

Mit der Verlegung wäre der Hubschrauber nicht mehr in unmittelbarer Nähe an eine Klinik stationiert. Ergeben sich aus Ihrer Sicht hierdurch Nachteile?

„Das Gutachten platziert den neuen Hubschrauberstandort bewusst abseits von bestehenden Kliniken„, sagt Susann Ganzert. Die Erfahrung zeige allerdings, „dass mit der Stationierung an einer Klinik eine bessere Einsatzverfügbarkeit erreicht werden kann“. Allein durch den Einsatz der Notärzte der jeweiligen Klinik würden sich wichtige Synergieeffekte ergeben. Das Klinikum Friedrichshafen liege in großem Abstand zu Uni- und Unfallkliniken. Bei extrem zeitkritischen Erkrankungen sei ein schnellstmöglicher Transport mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik lebensrettend.

Welchen Radius deckt der Rettungshubschrauber ab?

„Christoph 45“ deckt nach Angaben von Volker Wenzel einen Einsatzradius von etwa 50 bis 70 Kilometern ab. Die Einsätze liegen in den Landkreisen Konstanz, Sigmaringen, Tuttlingen, Ravensburg, Biberach und dem Bodenseekreis, aber auch im Allgäu, den bayerischen Alpen, Vorarlberg und der Schweiz. Weitere Rettungshubschrauber seien in Freiburg, Villingen-Schwenningen, Ulm, Kempten, Feldkirch, St. Gallen und Zürich stationiert, „sodass fast immer ein Notfallort in etwa 20 Minuten erreicht werden kann“.

Volker Wenzel
Volker Wenzel | Bild: Klinikum Friedrichshafen

Schaue man sich die Verkehrssituation in der Region an, sei vor allem die B 31 häufig völlig verstopft. „Die bodengebundene Notfallversorgung ist davon maximal beeinflusst“, betont das Klinikum. Suchflüge über dem Bodensee für verunglückte Wassersportler gehören nach Klinikangaben auch regelmäßig zum Einsatzspektrum.

Mit an Bord sind Notärzte des Klinikums Friedrichshafen. Müssten diese dann mit umziehen?

Die Notärzte von „Christoph 45“ seien besonders erfahren und müssten bei einer Verlegung des Rettungshubschrauber-Standorts ebenfalls umziehen – ansonsten gäbe es schwere Qualitätsprobleme. Der Medizin-Campus Bodensee habe 47 Notärzte. „Das Hubschrauberteam besteht aus 17 Notärzten“, erläutert Volker Wenzel. Notfallsanitäter und Piloten von „Christoph 45“ werden von der DRF-Luftrettung gestellt.

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Wie groß ist in Ihren Augen die Nebelproblematik, die im Gutachten angeführt wird?

„Das Gutachten nutzt den Nebel als Hauptargument für die Verlegung von Christoph 45. Einen Beleg für bessere Wetterbedingungen oder weniger Nebel an einem virtuellen neuen Standort im Vergleich zu Friedrichshafen liefert das Gutachten allerdings nicht“, kritisiert man in Friedrichshafen. Im langjährigen Durchschnitt konnte Christoph 45 an zehn bis 15 Tagen pro Jahr wetterbedingt nicht eingesetzt werden, erläutert Kliniksprecherin Susann Ganzert.

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Im Indexjahr des Gutachtens, 2018, gab es an 34 Tagen keinen Einsatz – an 15 Tagen wegen Nebel, an 19 Tagen wurde er nicht durch die Rettungsleistelle Bodensee-Oberschwaben eingesetzt. Die beiden nächstgelegenen Messpunkte des Deutschen Wetterdienstes in Konstanz und Leutkirch zeigten keine signifikanten Unterschied hinsichtlich der Sichtflugbedingungen am bisherigen Standort und den empfohlenen neuen Standorten. „Die Wetterdaten vom Flughafen Friedrichshafen wurden nicht analysiert“, betont Ganzert.

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